Aachen: Einstiegsgrube bleibt ein Jahr auf dem Hof

Aachen : Einstiegsgrube bleibt ein Jahr auf dem Hof

Unter dem Pflaster liegt — nicht der Strand, zumindest nicht in der Ritter-Chorus-Straße oder im Hof. Sondern das 16. und 17. Jahrhundert. Auf Funde aus dieser Zeit sind die Archäologen gestoßen, als sie in diesen zentralen innerstädtischen Bereichen das Pflaster und die darunterliegende Packschicht aus Kies und Sand entfernten.

Wer annimmt, dass man sich von oben her linear durch die Stadtgeschichte arbeitet, also erst 19., dann 18. und 17. Jahrhundert, denkt falsch, stellt Stadtarchäologe Dr. Markus Pavlovic klar: „Es ist eine sehr komplexe Fundlage.“ Denn auch in früheren Zeiten sind Eingriffe in den Boden erfolgt.

So groß ist die von einem Zelt geschützte Einstiegsgrube. Die Gesamtkosten belaufen sich auf knapp eine Million Euro.

Oft wohl aus dem gleichen Grund wie momentan: Es müssen neue Kanäle verlegt werden. Die Rohre im Hof sind rund 110 Jahre alt und dringend sanierungsbedürftig. Dem muss sich auch der Schutz unterordnen, dem der Hof als eingetragenes Bodendenkmal genießt. Pavlovic: „Eigentlich darf hier gar nicht gegraben werden.“ Doch das Interesse der Kanalerneuerung sei halt übergeordnet. Kein Wunder, dass die Mitarbeiter der beauftragten Firma schon im ersten Meter unter der Oberfläche auf — Kanäle und Bleirohre gestoßen sind, Wasseranlagen und -vorrichtungen wahrscheinlich aus dem 16. bis 19. Jahrhundert.

Römisches hat man auch schon gefunden, ein Stück einer Mauer, das wahrscheinlich aber nicht an dieser Stelle gestanden hat, sondern bei einer frühen Baumaßnahme verfüllt wurde. 4,5 bis 5 Meter müssen die Archäologen noch in die Tiefe, und da wird man noch auf allerhand Mittelalterliches und Römisches stoßen, erwarten Pavlovic und Grabungsleiterin Maya Stremke: „Schon in 40 Zentimetern Tiefe sind wir auf die ersten Fundstücke wie Keramik, Knochen oder Metallteile aus dem späten Mittelalter gestoßen.“

Gerade an dieser Stelle arbeite man mit viel Herzblut, erklärt Pavlovic weiter: „Hier ist eine Keimzelle der Archäologie. Hier wurden die ältesten Spuren der römischen Besiedlung entdeckt.“ Und hier grub sich auch schon in den 1960er Jahren der damalige Stadtkonservator Leo Hugot in den historischen Untergrund. Möglicherweise werde man auf Spuren der Bücheltherme oder Randbereiche der karolingischen Pfalz stoßen. Auf jeden Fall ordneten sich die bisher gefundenen Spuren dem römischen Straßenraster unter, ein Indiz dafür, dass Aquisgranum damals kein willkürlich zusammengepuzzeltes Kaff, sondern eine geplante größere Ansiedlung war.

Die Archäologen sind auch sehr erfreut darüber, dass der Kanal weitgehend unterirdisch und im bergmännischen Vortrieb mit Holzstützen und Stahlstreben angelegt wird. „So wird möglichst wenig in den Boden eingegriffen.“ 125 Meter unter dem Hof — zwischen Krämerstraße und Körber-gasse, 25 weitere Meter in der Querung zur Romeneygasse.

Dass die Baugrube nicht größer wird als die jetzige Einstiegsgrube vor der Jugendkirche kafarnaum soll aber nicht nur den Boden, sondern auch die Anlieger und zahlreichen Besucher schonen. Die Stawag als Bauherrin hat sich eng mit dem ansässigen Geschäftsleuten und Gastronomen abgestimmt und wird die Baumaßnahme mit gemeinsamen Aktionen begleiten. Außerdem ist der Bauzaun mit Bannern verkleidet worden, die die Originalansichten der umliegenden Fassaden zeigen, so dass die Absperrung optisch fast verschwindet. Auf den Bannern sind auch die wichtigsten Informationen zur Kanalerneuerung sowie das Baustellen-Maskottchen Emil Erdmann zu sehen, ein QR-Code verweist auf eine interaktive Website.

Da der Hof Anlaufstelle fast aller Stadtführungen ist, wurde auch der „aachen tourist service“ in die Gesamtaktion eingebunden. Die Führer werden ständig über neue Funde informiert, um die Fragen der Touristen beantworten zu können. Ein Jahr lang dauert der unterirdische Vortrieb, wenn die Bauleute denn endlich loslegen können. Zweieinhalb Wochen sind die Archäologen jetzt schon dran, bisher sind sie nur bis in ein Meter Tiefe vorgedrungen. Es geht aber bis in fünf Meter Tiefe, siehe oben.

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