Aachen: Einsamer Kampf gegen den nächtlichen Lärm

Aachen : Einsamer Kampf gegen den nächtlichen Lärm

Rainer Moltke ist verzweifelt. Seit einem knappen Jahr kämpft der Rentner, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, gegen Windmühlen an — so erscheint es ihm jedenfalls. Zig Briefe hat er schon geschrieben, zig Gespräche hat er geführt. Manchmal erntet er Verständnis, manchmal ein Achselzucken, am häufigsten aber wird ihm gesagt, es ginge nicht anders und er müsse damit leben.

Womit? Mit nächtlichem Lärm, verursacht von der Aachener Polizei. Rainer Moltke wohnt nämlich in der Straße Im Mariental, genau gegenüber der Innenstadtwache. Und für deren Streifenwagen sind wenige Meter von seinem Schlafzimmerfenster entfernt zwei Stellplätze im eingeschränkten Halteverbot von 7 bis 22 Uhr reserviert. „Und dennoch fährt die Polizei auch nach 22 Uhr fast alle Einsätze von dort aus, was mit erheblichem Lärm verbunden ist, der mir den Schlaf raubt.“

Ein ärztliches Attest bescheinigt dem 79-Jährigen Bluthochdruck infolge von Schlafstörungen und Stress.Dabei seien es nicht mal so sehr die Motorengeräusche, die ihn störten, sondern eher die Unterhaltungen der Polizisten auf der Straße und das Türenschlagen.

„Das ist so ein dumpfer Lärm, der geht mir durch Mark und Bein. Ich kann dann nicht mehr einschlafen.“ Und wenn er schlaflos durch seine Wohnung wandert, fertigt er Lärmprotokolle an. Die Nacht vom 16. August sieht etwa so aus: „2.41 Uhr Türschlagen; 2.43 Uhr Türschlagen mit Wucht, 2.44 Uhr Türschlagen heftig; 2.48 Türschlagen; 2.52 Uhr laute Unterhaltung; 3 Uhr Türschlagen; 3.50 Uhr Türschlagen mit Schmackes...“ Und das sei fast jede Nacht so.

Das sei nicht immer so gewesen, erzählt er. Er wohne zwar schon viele Jahre in dem Haus im Mariental, aber erst seit Ende 2015 im Erdgeschoss. Außerdem sei die Polizeiwache in den vergangenen Jahren umgebaut worden. „Früher wurden die Einsätze vom Hof aus gefahren“, erinnert er sich, „das hat den Lärm total geschluckt.“ Auf der Straße sei jedenfalls kein Türenschlagen zu hören gewesen.

„Warum können die Beamten nicht auch heute zumindest nachts nach 22 Uhr ihre Einsätze vom Hof aus fahren?“, fragt Rainer Moltke. Und zwar nicht nur sich selbst, sondern auch den Dienststellenleiter der Wache, den Polizeipräsidenten Dirk Weinspach, einen Polizeioberrat im Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste in Duisburg oder auch den zuständigen Sachbearbeiter im städtischen Fachbereich Stadtentwicklung und Verkehrsanlagen — meist schriftlich, inklusive einer Liste mit 15 Unterschriften von Nachbarn, teils aber auch persönlich.

Ein Kompromiss

„Wenn überhaupt, dann hat man mir ausweichend geantwortet, etwa das Tor zum Innenhof würde sich nicht schnell genug öffnen“, berichtet Rainer Moltke. Der städtische Sachbearbeiter habe ihm immerhin schriftlich mitgeteilt, dass das eingeschränkte Halteverbot einen Kompromiss darstelle zwischen den Interessen der Polizei und denen der Anwohner, der Lärm durch Türenschlagen sei dabei berücksichtigt. Im Gegenzug hätte der Dienststellenleiter seine Beamten gebeten, nach 22 Uhr entsprechende Rücksicht walten zu lassen und in der Regel vom Hof abzufahren.

„In Einzelfällen kann es aber dennoch dazu kommen, dass Einsatzfahrzeuge in den Nachtzeiten vor der Polizeiwache im Rahmen eines Einsatzes oder wenn eine freie Parklücke vorhanden ist, abgestellt werden. Hierfür bitte ich um Verständnis“, räumt der Sachbearbeiter am Ende des Schreibens ein. Doch Rainer Moltke entgegnet: „Die Ausnahme, von der Straße aus abzufahren, ist hier längst die Regel geworden.“

Das Abstellen der Fahrzeuge vor der Wache lasse sich manchmal nicht vermeiden, teilt die Aachener Polizei auf Anfrage der „Nachrichten“ mit, etwa bei größeren Einsätzen. „Da stehen Fahrzeuge verschiedener Einheiten zur Einsatzbesprechung bis Einsatzbeginn vor der Wache.

Danach wird geschlossen weggefahren. Dies macht zwangsläufig Lärm. Unvermeidbaren Lärm. Das bringt die Kombination Innenstadtlage der Wache im Wohngebiet leider mit sich“, sagt Paul Kemen von der Polizeipressestelle.

„Die Realität sieht anders aus“

Die Öffnungszeit des Sicherheitstores sei bei einer dringenden Einsatzfahrt sicherlich hinderlich, räumt er ein. „Um Gefahren einer schnelleren Öffnung des Tores für Unbeteiligte auszuschließen, ist eine Änderung des Öffnungsmechanismus nicht angezeigt“, teilt Kemen mit.

Aber natürlich sei die Klage von Rainer Moltke — übrigens der einzige Beschwerdeführer, der sich aus der betreffenden Straße gemeldet habe — bei den Beamten bekannt. Alle, die in der Wache ihren Dienst versehen, seien „wirklich bemüht“, Lärm zu vermeiden, sagt Kemen, „vermeiden lässt er sich leider nicht immer.“

Harald Beckers vom städtischen Presseamt weist darauf hin, dass an dieser Stelle ein eingeschränktes Halteverbot gilt. „Nach 22 Uhr kann dort jeder stehen.“ Das weiß auch Rainer Moltke. „Die Realität sieht aber anders aus“, sagt er. „Hier leben viele junge Menschen, die ihr Auto morgens um 7 Uhr nicht wegstellen möchten. Da stellt sich niemand hin.“ Niemand, außer der Polizei.

Auch seine Anregung, die Stellplätze um ein paar Meter zu verschieben, sei bislang ergebnislos geblieben. Harald Beckers dazu: „Damit würden wir auch das Problem nur verschieben.“ Man habe sogar eine Abfahrt der Polizeifahrzeuge durch die Kasernenstraße geprüft, „aber dort würden die Autos bei der Zufahrt zur Karmeliterstraße eine Bushaltestelle kreuzen“, sagt Beckers, der einräumt: „Eine Ideallösung gibt es hier nicht.“

Sehr zum Leidwesen von Rainer Moltke.

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