Aachen: Einen Platz beim Sinfonieorchester gibt es nur mit Talent, Fleiß und etwas Glück

Aachen : Einen Platz beim Sinfonieorchester gibt es nur mit Talent, Fleiß und etwas Glück

Betretenes Schweigen im Probesaal des Aachener Sinfonieorchesters, dann schüchternes Kichern. Gerade wurden die Praktikanten an Violine, Bratsche oder Schlagwerk nach ihren Hobbys außerhalb der Musik gefragt. „Für die Musik wird vieles vernachlässigt“, antwortet die 24-jährige Claudia Zimmermann, Bratschistin aus Saarbrücken.

Sie ist eine von nur zwei deutschen Praktikumsteilnehmern der ansonsten sehr internationalen Gruppe. Die anderen stammen aus der Ukraine, Portugal, Italien oder Spanien. Sogar aus Taiwan, Südkorea und Japan sind junge Musikstudenten angereist, um erste Berufserfahrung zu sammeln. Das große Ziel: später in der Besetzung eines Symphonieorchesters landen.

In Aachen? Mit Kusshand. Es handle sich schließlich um ein Orchester, „das sogar Herbert von Karajan schon dirigiert hat, auch wenn das lange her ist“, sagt I-Hsuan Lee (28) aus Taiwan. Ein Jahr dauert das Praktikum, einen Platz zu ergattern ist allerdings kein Selbstläufer: ,,Man muss ein Probespiel mit zwei Runden durchstehen, viele scheiden aber nach der ersten Runde bereits aus“, erzählt Philipp Schmid (23) aus München.

Der zweite deutsche Praktikant im Bunde hat sich im zweiten Probespiel gegen drei Mitstreiter durchgesetzt. Von circa 500 Bewerbern, 50 für jedes Instrument, werden am Ende nur zehn zum Praktikum zugelassen.

Eine druckvolle Angelegenheit für die Bewerber. Einmal geschafft, bietet die Stelle aber ein umfangreiches Training für die jungen Musiker. Durch Simulationen, die zur späteren Analyse sogar mit Kameras aufgezeichnet werden, und, wenn möglich, tägliches Proben werden technische Fähigkeiten, das Verhalten während eines Auftrittes und die Interpretation von Musikstücken gelehrt.

„Das Ganze wird mit 800 Euro im Monat honoriert“, bringt Amadeus Kausel, der die Praktikanten des Orchesters betreut, seine Aufzählung zu Ende.

Hoher Stellenwert der Kultur

Jeder in der Gruppe erfüllt ganz bestimmte Voraussetzungen, um überhaupt eine Chance in Aachen zu haben: „Man muss auf jeden Fall Musik studieren, um hier einen Platz zu bekommen“, sagt die Ukrainerin Daria Gusakova (24). Die meisten der Praktikanten befinden sich noch mitten im Bachelor- oder Masterstudium.

Viele der ausländischen Teilnehmer hatten Deutschland aufgrund des hohen Stellenwertes der Kultur hierzulande auf dem Zettel, die auch eine deutlich höhere Zahl an Arbeitsplätzen in der Musik mit sich bringt. An sich habe Aachen als Musikstadt kein großes lmage, sei aber laut Lee eine gute Möglichkeit, etwas Neues auszuprobieren. „Ich habe das Aachener Orchester über Facebook gefunden“, erzählt der Südkoreaner Chan Lim (25). Philipp ist über eine Musikerplattform im Internet auf den Praktikumsplatz aufmerksam geworden.

Und was, wenn der Wunsch, Teil eines großen Orchesters zu werden, fehlschlägt? „Man muss nicht zwingend ein Praktikum absolvieren, um später als klassischer Musiker erfolgreich zu sein, es steigert aber die Chancen“, berichtet Zimmermann. Alternativ könne man durchaus auch eine Solokarriere starten, Mitglied eines Kammerorchesters werden oder eine freiberufliche Laufbahn mit Einzelauftritten auf Beerdigungen oder Hochzeiten einschlagen.

Momentan arbeitet die Gruppe auf ihren nächsten Auftritt hin — ein Kammerkonzert, an dessen musikalischer Gestaltung die jungen Musiker sich beteiligt haben.

Sport, Serien und Blumen

Geprobt wird täglich morgens von 10 bis 13 Uhr und abends von 19 bis 22 Uhr. Dazwischen haben die Praktikanten Freizeit. Verständigungsprobleme gibt es kaum. Die meisten sprechen recht gut Deutsch. Doch das ist in einem Orchester weniger von Bedeutung, vielmehr steht die mit diesem Praktikum beginnende Musikkarriere der Praktikanten im Vordergrund.

Und zu der scheint die Station in Aachen beitragen zu können: Für Takahashi ist nach dem Kammerkonzert Schluss in Aachen — sie wird nach vier Monaten Praktikum in Aachen zu den Niederrheinischen Sinfonikern nach Mönchengladbach wechseln.

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