Aachener Kaiserplatz: „Eine Task Force gegen die Verarmung“

Aachener Kaiserplatz : „Eine Task Force gegen die Verarmung“

Paul Timmermans würde wohl nicht widersprechen, wenn man ihn als unkonventionellen Menschen bezeichnete. Manchmal sichtet man den 64-Jährigen auf dem Bürgersteig vor seinem Büro an der Wilhelmstraße 10.

Er setzt sich dann eine Clownsnase auf und schenkt dem einen oder anderen verdutzten Passanten ein Lächeln. „Sie glauben nicht, wie viel Freude man vielen mit solch kleinen Gesten machen kann“, sagt der gebürtige Limburger, der sich vor Jahren an der Ecke zum Kaiserplatz niedergelassen hat. Allerdings senken sich mitunter auch dunkle Schatten ins sonnige Gemüt des praktizierenden Psychotherapeuten und Unternehmensberaters. „Wenn ich mich umschaue, habe ich das Gefühl, dass diese Stadt verarmt. Junkies und Dealer, Obdachlose, Bettler, Prostituierte, leer stehende Geschäfte prägen das Bild.“ Zum Positiven hat sich aus seiner Sicht rein gar nichts verändert. Und dies, obwohl die „Szene“ inzwischen vor allem zwischen Willy-Brandt-Platz und Bushof allgegenwärtig scheint.

Timmermans will das ändern. Vor ein paar Wochen hat er sich in einem Offenen Brief an den Stadtrat gewandt. „Am Kaiserplatz wird offen gedealt, geraucht, gespritzt“, schreibt er. Frauen böten ihren Körper für ein paar Euro an. „Ordnungsamt und Polizei greifen nicht ein. Passanten, Besucher sind eingeschüchtert und haben oft Angst.“ Beim schlichten Appell an Politiker und Behörden will der Petent es nicht belassen. „Wir brauchen einen Schulterschluss von einflussreichen Bürgern und klugen Köpfen, eine Art ,Task Force‘, die sich intensiv für eine Verbesserung einsetzt. Potenzial ist weiß Gott reichlich vorhanden!“ Zwar sei der Einsatz der Suchthilfe vor Ort vorbildlich.

Und Timmermans bekennt, dass er noch kein konkretes Konzept für eine neue, konzertierte Aktion etablierter Aachener präsentieren könne. „Aber wir sollten uns jetzt gemeinsam an die Arbeit machen“, findet er. Und verweist auf etliche niederländische Gemeinden, die dem vielschichtigen Problem der Fürsorge und Unterstützung seiner Meinung nach mit besseren Strategien entgegentreten. „In Heerlen hat man die Hilfsangebote vor die Tore der Stadt gebündelt. Die Betreuung ist zentral über private Anbieter organisiert.“ Und: „Es müsste doch gelingen, alle an einen Tisch zu bringen, die sich persönlich einbringen wollen.“

Auch bei den Streetworkern des „Troddwar“ ist Timmermans oft zu Gast. „Wir schätzen sein vielfältiges Engagement im sozialen Bereich“, betont dessen Leiter Mark Krznaric. „Wir glauben allerdings nicht, dass es gut wäre, die Szene aus der Stadt herauszubringen. Es sollte darum gehen, Ängste und Hemmschwellen bei den ,normalen‘ Bürgern abzubauen.“ Vertrauensbildende Maßnahmen seien das Gebot der Stunde: „Mit unserem Querbeet-Projekt gehen wir ja auch auf die Menschen zu – und ich denke, die Situation hat sich zumindest am Kaiserplatz durchaus verbessert.“ Das liege eben auch daran, dass es ein funktionierendes Netzwerk aus unterschiedlichen Angeboten gebe.

In der Tat ist laut Statistik zumindest die Zahl der offiziell registrierten kriminellen Delikte im Umfeld des „Troddwar“ leicht zurückgegangen. Aber: „Der Kaiserplatz ist mit Sicherheit nach wie vor ein Einsatzschwerpunkt“, erklärt Polizeisprecher Paul Kemen. Krznaric betont indessen, dass der direkte Kontakt mit ,ganz normalen‘ Bürgern auch der Suchthilfe enorm wichtig sei: „Jeder ist in unserem Café willkommen; man kann sich aktiv einbringen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass man Problemen im direkten Gespräch am besten begegnen kann.“

So sieht es auch Hilde Scheidt. Die Grünen-Bürgermeisterin wohnt seit 32 Jahren unweit des Kaiserplatzes. „Zumindest für die Anwohner hat sich die Situation sehr wohl entspannt“, sagt sie. Ebenso wie Krznaric betont die Politikerin, dass der Beschluss des städtischen Sozialausschusses, einen „Kümmerer“ zu beauftragen, der den längst vorhandenen Zusammenschluss der verantwortlichen Institutionen intensiv begleitet, ein wichtiger Schritt sei. „Und natürlich ist es sinnvoll, das Gespräch mit allen Bürgern weiter zu suchen. Wir haben damit schon viele Missstände beseitigen können. Wir sollten auch das wieder verstärkt in den Blick nehmen, zu offenen Diskussionen bitten, wie sie in der Vergangenheit etwa in der Martin-Luther-Kirche stattgefunden haben.“

Auch Paul Timmermans würde ein solches Forum sicher gern nutzen, um für seine Initiative zu werben. So oder so.

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