Aachen: Eindringlich das Leben in der DDR geschildert

Aachen: Eindringlich das Leben in der DDR geschildert

Lilly unter den Linden - das könnte der Titel eines lustigen Bilderbuches sein. Wäre Lilly nicht der Name eines 13jährigen Hamburger Mädchens, das im Jahr 1988 gerade seine Mutter verloren hat und stünden die Linden nicht in Ost-Berlin, in der DDR, wo Lillys gesamte Verwandtschaft lebt.

Eine spannungsreiche Konstellation, die sich schließlich in einer umgekehrten Republikflucht entlädt.

Tom Hirtz vom DasDa-Theater hat das Stück mit Blick auf den 20. Jahrestag des Mauerfalls ausgewählt. Ein Ereignis, das seiner Einschätzung nach im Alltag der Gesellschaft immer weniger eine Rolle spielt. Und das junge Menschen kaum noch aus eigenem Erleben kennen. „Das sehe ich an meiner Tochter, die jetzt zwölf Jahre alt ist und für die es gar kein anderes Deutschland gibt” so Hirtz.

Die Entscheidung für „Lilly unter den Linden” hat neben den politischen aber vor allem inhaltliche Gründe. „Ich wollte kein Stück, das in erster Linie nur Fakten oder politische Dimensionen in den Vordergrund stellt. Ich finde Geschichte interessant, wenn sie von Menschen erzählt.”

Und das Leben der jungen Lilly ist wirklich dramatisch. Schon mit acht Jahren verliert sie ihren Vater bei einem Unfall, fünf Jahre später stirbt ihre Mutter an Krebs. Die Mutter, die zu Anfang des Dramas den denkwürdigen Satz spricht: „Du kannst zum Zuckerhut fliegen, aber zu Deinen eigenen Leuten kannst Du nicht. Fang bloß niemals an, das normal zu finden.”

Zu „ihren Leuten”, Tante, Onkel und Cousine, zieht es Lilly aber, sie will unter keinen Umständen in der vom Jugendamt vorgeschriebenen Familie Weihnachten feiern. So überredet sie den Lebensgefährten ihrer Mutter, mit ihr nach Berlin zu fahren, ihr über die deutsch-deutsche Grenze zu helfen - am Tag vor Heiligabend.

Auch das Stück selbst hat eine ungewöhnliche Geschichte: Zuerst 2002 für das Fernsehen verfilmt, kam kurz danach als „Buch zum Film” der Roman und erst einige Zeit später die Bühnenfassung. „Man merkt, dass es ursprünglich ein Drehbuch war” , sagt Tom Hirtz.

Dramaturgisch mussten sich die Theaterleute einiges einfallen lassen, um dem Publikum die Zeitsprünge zwischen 1988, den 70er Jahren und heute zu verdeutlichen. Maren Dupont verfiel auf einen ebenso einfachen wie genialen Kunstgriff: In mehreren Zwischensequenzen spricht Lilly (Ina Pappert) das Publikum immer wieder direkt an, führt als Erzählerin durch ihr eigenes Leben.

Für die Schauspieler ist die Konstellation eine Herausforderung: Franziska Holitschke als Lillys Mutter Lena beispielsweise muss ständig zwischen der todkranken Krebspatientin und dem jungen Mädchen in den 70er Jahren wechseln.

Frank Rommerskirchen hat aus der Not eine Tugend gemacht, die schnellen Schnitte in Bühnen- und Kostümbild umgesetzt: Ein sehr wandelbares Bühnenbild, abstrakt in Schwarz-Rot-Gold gehalten und Schauspieler, die sich auf offener Bühne umkleiden, schaffen eine enge und eindringliche Atmosphäre.