Aachen: Ein wenig Wehmut und ganz viel Vorfreude

Aachen: Ein wenig Wehmut und ganz viel Vorfreude

Kooperativ, mutig und absolut korrekt: Das Zeugnis, das Karl Hütten der Stadt Aachen rückblickend ausstellt, könnte besser nicht sein. Eine glatte Eins sozusagen. „Die Stadt hat in dieser Sache wirklich eine hervorragende Rolle gespielt“, sagt er.

„Diese Sache“, das ist der geplante Umzug des Atelierhauses Aachen (Aha), dessen stellvertretender Vorsitzender Hütten ist. In knapp drei Jahren muss der Verein, dem rund 40 Künstlerinnen und Künstlern aus der Region und den angrenzenden Ländern angehören, seinen bisherigen Sitz im ehemaligen Kloster „Schwestern vom Guten Hirten“ in der Süsterfeldstraße aufgeben.

Noch keine Ausschreibung

Der Grund: Der schmucke Gebäudekomplex im neugotischen Stil soll im Zuge der Entwicklung des Campus West verkauft werden. Im Bereich des „Guten Hirten“ soll ein Wohngebiet entstehen (siehe Box). Das hat der Stadtrat in seiner Dezembersitzung beschlossen. Eine Ausschreibung gibt es nach Auskunft des Presseamtes noch nicht. Interessierte Investoren sind aber offenbar nicht mehr weit. Im Gespräch ist wohl ein Unternehmen für Denkmalentwicklung, das bereits einige Gebäude in der Region saniert hat.

Neu ist diese Nachricht für Hütten, Atelierhaus-Geschäftsführerin Nadya Bascha, Schatzmeister Peter Grube und die Künstler aber keineswegs. Bascha: „Wir sind von Anfang an von der Stadt in die Planungen um den Campus West und unser Haus miteinbezogen worden. Und wir haben gemeinsam nach einem alternativen Standort Ausschau gehalten.“ Da seien in der Vergangenheit einige Vorschläge verworfen worden — etwa eine Ansiedlung der Ateliers und Ausstellungsräume am Alten Schlachthof.

Mit dem jetzigen Ergebnis — das Atelierhaus findet Ende 2015 im geplanten Kreativ-Depot an der Talstraße ein neues Zuhause — sind Bascha, Hütten und die anderen sehr zufrieden. „Wir haben dort eins zu eins den gleichen Platz wie bisher, also rund 2000 Quadratmeter“, erklärt Bascha. „Das alte Straßenbahndepot hat eine tolle Atmosphäre. Und wir konnten mit den Architekten und Raumplanern an dem Konzept mitarbeiten.“ Die Aha-Geschäftsführerin hofft sehr, dass alle Künstlerinnen und Künstler den Weg zur Tal-straße mitgehen. „Die Möglichkeit besteht.“ Jedoch würden die Mietkosten wohl geringfügig steigen, was den ein oder anderen abschrecken könnte. „Aber mit den Kosten kann man wohl leben“, meint Schatzmeister Grube.

Das finden auch Gerhard Günther und Monika Radhoff-Troll. Wie ein Großteil der Aha-Künstler sind sie — nach anfänglichen Vorbehalten und etwas Wehmut — glücklich mit dem Alternativ-Standort. „Es wird etwas ganz Neues werden, aber das kann auch einen Schub geben“, meint Günther und schließt etwas poetisch an: „Jeder, der umzieht, verlässt etwas Vertrautes. Aber jeder Umzug ist auch ein neuer Anfang.“

So sehen Vereinsmitglieder vor allem vielfältige Chancen für neue Kooperationen — mit anderen Nutzern des Kreativ-Depots, aber auch mit den Schulen im Viertel und dem nahen Ludwig-Forum. Hütten: „Die Talstraße bietet wirklich ein interessantes Potenzial. Und auch die Anbindung an die Innenstadt ist viel besser.“ Nadya Bascha betont, dass es einfacher sei, Bürger, die das Atelierhaus noch nicht kennen, für Kunst und Projekte zu begeistern. „Wir arbeiten gerne interdisziplinär, und unser Angebot ist niederschwellig. Das passt gut ins Kreativ-Depot.“

Bis das Atelierhaus sich im ehemaligen Depot einrichten kann, werden aber noch mindestens drei Jahre vergehen. Der zweit Bauabschnitt soll nach derzeitigen Planungen nämlich Ende 2015 fertig werden. Bis dahin — und das loben die Aha-ler ganz besonders — werden sie trotz Verkaufs des „Guten Hirten“ keineswegs auf der Straße sitzen. „Sie haben die feste Zusicherung, dass sie dort bleiben können, bis das Kreativ-Depot Tal­straße für sie fertiggestellt ist“, bestätigt Björn Gürtler vom Presseamt den Beschluss des Rats. 2015 wird der Verein Atelierhaus Aachen 20 Jahre alt. Das könnte er dann mit seinem Umzug feiern.