Aachen: Neue CD von Dieter Kaspari: Ein Träumer zieht uns in seinen Bann

Aachen: Neue CD von Dieter Kaspari : Ein Träumer zieht uns in seinen Bann

„Wo bleiben eigentlich die Träume, wenn ein Träumer stirbt?“ hat Dieter Kaspari mal seine Freunde gefragt. Manche sagten: Sie leben weiter in denen, die den Traum weiter träumen. Kasparis neue CD ist bestes Beispiel dafür.

So war es bestimmt auch bei dem Öcher Bergmann, der 37 lange Jahre op de Kull schuftete. Davon 27 in der Nachtschicht, weil das einen Heiermann mehr gab. Was mag er geträumt haben bei der Schufterei in Staub, Hitze und Dunkelheit? Oder die Mutter, wenn sie putzen ging? Jedenfalls kauften sie ihrem Dieter nicht nur neue Hosen und Schuhe, sondern auch eine Gitarre.

Und vielleicht hat der Jung ja endlich auch den heimlichen Traum des Kullepitts und der Putzfrau verwirklicht, als er mit der Gitarre durch die Welt zog: Zweieinhalb Jahre mit Blueslegende Jack Dupree, sagenumwobene Auftritte mit Truss und in zahlreichen anderen Formationen. Zwölf Jahre Berufsmusiker - wie das halt so geht im Musikgeschäft. Aktuell spielt er fest beim Stockpuppenkabarett Pech&Schwefelim Öcher Schängchen und sonst mit seiner Blues-Bajasch.

Eines der schönsten Lieder

Der Titelsong ist schon älteren Semesters, aber sicher eins der schönsten Lieder von Dieter Kaspari. Das kann man immer wieder hören – besonders auch in der neuen Besetzung. Tja, was so alles rauskommt, wenn man in schlafloser Nacht über sich nachdenkt... Was ist los, wo geht es mit mir hin? Bin ich ein Träumer oder nur zu viel allein? Schwarze Gedanken, aber auch: Heute wird gelebt und heute wird gelacht.

Geheimnisvolle Nachtgedanken wabern auch durch Balladen wie „Freij wie Vöüel“. Man denkt nicht an die Zukunft, der Mond scheint hell, Engel schweben durch die Luft; die Sterne leuchten und sogar et Herrjöttche persönlich hat joue Senn än Spaß draan – solche vibrierenden Nächte gibt es, manchmal. Besonders für Träumer. Das ist waschechter Kaspari-Blues.

Aber es geht natürlich auch anders. Neu ist etwa „De Knouche döhnt wieh“, die Story van der ärrme Jupp, der nachts immer ran muss beij et Marie. Er meistert das auch heldenhaft - mär op et Weärk dönt höm dan noch de Knouche wieh.

Pech&Schwefel-Bekanntes

Natürlich ist nicht alles an Marie schrecklich. Schön ist es insbesondere, wenn man vergeblich auf sie wartet und sich dabei in aller Ruhe ein Fläschchen Cognac gönnen kann… („Hallelujah, ich wad op dich“) Man hört förmlich, wo der Pegel in der Flasche gerade steht – das Ding ist richtig witzig. Eifrigen Pech&Schwefel-Besuchern wird es vom letzten Jahr her bekannt vorkommen.

Stets beliebt bei Live-acts ist „Treck dich aan“, die Abenteuergeschichte vom Hosenkauf im Boxemönster. Und die darauf folgende (R)evolutionsgeschichte des Einkaufens in Aachen.

Manchmal drängen sich auch die größeren Dramen des Lebens auf: Wat es met os ajjen Hank, vür fahre jeäje de Wank. Diskutieren, lamentieren - man hat sich halt auseinandergelebt. Da muss man schon mal die Gedanken sortieren und vielleicht einen neuen Anfang wagen.

„Ömmer doe“ ist die melancholische Hymne an – ja, an wen eigentlich? Hier gilt die Devise „Zutreffendes bitte ankreuzen“. Das Lied wurde neu aufgenommen und gewinnt durch die Transponierung in eine andere Tonart – und natürlich die neue Besetzung. Gerade bei den langsamen Stücken ist das Akkordeon eine entscheidende Bereicherung.

Die Öcher Liebeshymne

Und dann natürlich „Oche“, die allseits bekannte Hymne an os Heämetstadt. „Oche, du weäts mich net mieh quitt“ – das ist aber weniger eine Drohung als ein Versprechen. Wollen wir hoffen, dass der Dieter es noch lange halten kann. Denn Oche, leijve Dieter, bruuht dich noch lang. Du gehörst zu Aachen wie et Bahkauv än et Streuengelche – du verstreust halt Lieder statt Klömpchere.

Vielleicht ist diese CD sowas wie eine Bilanz, was man sich ja nach 70 Jahren und etwa zehn Platten auch mal leisten darf… Da richtet sich der Blick auch gerne zurück auf die eigenen Wurzeln, die rund ums Öcher Roskapellchen und den Westpark liegen. So etwas wie eine Zugabe ist die Komposition von Friedel Schwartz „Et tröckt mich nohheäm“. Das sind so die Heimatlieder, wie sie in der 50ern beliebt waren, wo man unbedingt nach Köln oder auch Aachen zu Fuß gehen wollte (oder musste) – glücklich, das Inferno überlebt zu haben. Da fand man naturgemäß all das, was man noch (er)kannte, zum Heulen schön. Also alles, was der Öcher auch heute noch an seiner Stadt zu rühmen pflegt - vom Öcher Bösch bis zum „Schio“. Devise: Taschentücher raus!

Ein Intro und elf Songs

Insgesamt sind es ein Intro und elfSongs, davon vier neue. Aber auch die älteren gewinnen durch die professionelle Neuaufnahme, neue Mischung und neue Besetzung. Das meist sparsame Akkorden von Manfred Leuchter ist ein echter Gewinn für Kasparis Lieder. Über den polyglotten Akkordeon-Artisten braucht man eigentlich nicht mehr viel zu sagen – dass er hier nicht nur als Produzent und Tonmeister aufgetreten, sondern auch selbst mit eingestiegen ist, sagt schon einiges über die Qualität dieser CD. Mark Beumers, der Gitarrist aus Apeldoorn, ist ein typischer Teamplayer. Im Fußball würde man ihn „mannschaftsdienlich“nennen. Er hat alle Spielarten drauf und kann sie jederzeit miteinander verbinden.Praktisch zum Inventar gehört der famose Uwe Böttcher. Wichtige Akzente setzen auch Geige und Bratsche, die er diesmal zusätzlich zum Bass spielt. Man möchte sagen: genau das war es, was zum perfekten Sound noch gefehlt hat.

Vielleicht ist Dieter Kaspari ein Träumer, aber das sind ja bekanntlich nicht die Schlechtesten. Und die Eingangsfrage „Wo geht es mit mir hin“ wird er hoffentlich so beantworten, dass noch viel Öcher Blues dabei rauskommt. Denn dann leben auch die Träume weiter.

Eine richtig schöne Scheibe, die man allen ans Öcher Hazz legen kann – und natürlich auf den Gabentisch.

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