Aachen: Ein neues Team für den Kampf gegen Kindeswohlgefährdung

Aachen : Ein neues Team für den Kampf gegen Kindeswohlgefährdung

1106 Meldungen wegen Kindeswohlgefährdung sind im vergangenen Jahr in Aachen gemacht worden. Die Zahl ist gestiegen. Neben den acht bestehenden Sozialraumteams, die sich den Fällen annehmen, ist nun ein neuntes aus der Taufe gehoben worden. Es soll als Wellenbrecher dienen und zentrale Stelle für eingehende Hinweise auf Kindeswohlgefährdung in Aachen sein.

„Die steigende Zahl der Meldungen ist aus unserer Sicht positiv“, sagen Heinrich Brötz und Brigitte Drews. Was sich im ersten Augenblick verdächtig anhören mag, verwirrt, sobald man von der Funktion der beiden erfährt: er ist Leiter des städtischen Fachbereichs Kinder, Jugend und Schule, sie Leiterin der Abteilung Jugend. Die Erklärung jedoch klingt logisch: In der steigenden Zahl der Meldungen erkennen sie eine zunehmende Sensibilierung für das Thema, sowohl in der Bevölkerung, sowie bei anderen Stellen, die mit Familien in Berührung kommen.

Bei den Aachener Sozialraumteams führt diese Zunahme jedoch zu einer hohen Belastung. Um dem entgegenzuwirken und die Sozialarbeiter wieder zu entlasten, wurden zunächst neue Stellen geschaffen — drei in Vollzeit und ein Teamleiterposten. Damit wuchs die Mitarbeiterschar auf 115 Kräfte nur für den Bereich der Stadt Aachen. Die zweite Maßnahme: ein Strukturwandel, wenn man so will.

Ende vergangenen Jahres hat Drews aus der Mitarbeiterschaft heraus eine Arbeitsgruppe gebildet. Zehn Mitarbeiter arbeiteten zwischen Dezember und Ende April an einem Konzept. Entstanden ist das Sozialraumteam IX, das vom 11. Juni an den Interventionsdienst im Falle von Kindeswohlgefährdung bildet. Sie werden in Räume im Verwaltungsgebäude am Heinrich-Thomas-Platz in Eilendorf einziehen und alle ersten Hinweisen und Notfälle in diesem Themenkomplex bearbeiten.

Das Spektrum der Fälle reicht von Kindern, die mit Gewalt im Rahmen der Familie konfrontiert werden, bis hin zu selteneren Szenarien, in denen beispielsweise Elternteile verschwinden. Beim Notruf wegen häuslicher Gewalt rückt zunächst einmal die Polizei aus. Die von den Beamten verfasste Einsatzdokumentation geht, so Kinder involviert sind, an das Kriseninterventionsteam. Auf Grundlage der verfügbaren Informationen entscheiden dessen Mitarbeiter, wie mit dem Fall umgegangen wird — ob Angebote zur Beratung innerhalb der kommenden Wochen ausreichen, oder ob unmittelbares Handeln notwendig ist und ein Kind vielleicht sogar aus der Familie herausgenommen werden muss.

Es komme auch vor das ein Anruf vom Sozialdienst eines Krankenhauses eingehe: „Hier liegt ein Baby, aber die Mutter ist abgehauen.“ Dann werde ein Familiengericht eingeschaltet und der Stadt die Vormundschaft eingerichtet. „Gerade der Anteil psychisch erkrankter Eltern ist enorm gestiegen“, sagt Drews, und das beschere Teamleiter Malte Mommertz und seinen acht Mitarbeitern des Sozialraumteams IX Arbeit — von Eltern, die wegen der psychischen Erkrankung nicht mehr in der Lage sind, sich um ihre Kinder zu kümmern, bis hin zu Suiziden.

Alles erfahrene Kollegen

Teil des neuen Standorts in Eilendorf ist auch ein kindgerechter Raum. „Es kommt vor, dass die Polizei morgens ein Kind auf die Türschwelle setzt, das aus einem Kinderheim irgendwo in Niedersachsen ausgebrochen ist.“ Das Kriseninterventionsteam wird sich dann darum kümmern, wie es mit dem Kind weitergeht. Mommertz Team — allesamt keine Neueinsteiger, „sondern erfahrene Kollegen“, die unter anderem Weiterbildungen zur Kinderschutzfachkraft gemacht haben, aber auch Deeskalationstrainings — sind alle freiwillig dabei.

Pro Jahr, sagt Drews, gebe es in Aachen jährlich etwa 660 bis 700 tatsächliche Fälle von Kindeswohlgefährdung. Wann immer es geht, werde versucht, mit den Eltern gemeinsam eine Lösung zu finden. In 450 bis 500 dieser Fälle würden Hilfen zur Erziehung gegeben, also etwa Beratungen. In circa einem Drittel der Fälle kämen die Kinder als Schutzmaßnahme vorübergehend weg von den Eltern, in der Regel später aber wieder zurück. In etwa einem weiteren Drittel genüge eine ambulante Betreuung. Die Fälle, in denen eine langfristige Herausnahme nötig sei, lägen unter 100.

Aber, erklärt Brötz: „Eine Meldung wegen Kindeswohlgefährdung kann für Familien auch eine Chance sein.“ Die hätten sich sonst vielleicht nie an das Jugendamt gewandt und auch nie von den Hilfs- und Unterstützungsangeboten erfahren.

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