Aachen: Ein Museum wie ein Geschenk an die Stadt Aachen

Aachen : Ein Museum wie ein Geschenk an die Stadt Aachen

Die meisten halten ihn für verrückt. Wenn Jörg von der Laage erzählt, dass er ein Museum aufmacht, erntet er mitunter ungläubiges Staunen, zunehmend aber auch Begeisterung. In einer Zeit, in der ohne Subventionen und öffentliche Hilfe (nicht nur) im Kultursektor so gut wie nichts geht, hat von der Laage ein Haus gekauft und setzt dort seine seit zehn Jahren gehegte Idee in die Tat um.

Mitten in der Stadt, in einem der ältesten Bürgerhäuser Aachens am Büchel 14, in dem sich, purer Zufall, eine der bekanntesten Kneipen befunden hat: Charlys Leierkasten. Ein Traum wird Wirklichkeit. Natürlich kostet ein derartiges Vorhaben eine schöne Stange Geld. Aber während sich andere eine Luxusvilla, eine kleine Insel oder einen teuren Oldtimer kaufen, gönnt sich Jörg von der Laage ein Museum.

Der 70-Jährige war wohl schon in der Jugend anders als andere. In den wilden 1960er Jahren arbeitete er als Feinmechaniker an der RWTH, holte auf dem zweiten Bildungsweg sein Abitur nach und studierte zunächst Maschinenbau. Über das Nebenfach Psychologie fand er Gefallen an der Arbeit mit Menschen und absolvierte eine Ausbildung zum Psychotherapeuten in München.

Dort kam er in Berührung mit der Kunstszene an der Maximilianstraße: „Die jungen Künstler hatten ebenfalls kein Geld.“ So kam man überein, dass Student von der Laage ihre Werke unters Volk brachte. Wenn er drei Gemälde verkaufte, war eins für ihn.

Aus diesen Anfängen ist inzwischen eine stattliche Sammlung von Hunderten Exponaten entstanden. Der junge Mann ging nicht nur zur Demo, sondern auch ins Theater und liebte Rock’n’Roll ebenso wie klassische Musik.

Die Entdeckung Orliks

Irgendwann stieß der Kulturmensch, vor rund 20 Jahren, auf Emil Orlik und begeisterte sich für ihn, ein eher Eingeweihten bekannter Maler und Grafiker, 1870 in Prag geboren und 1932 in Berlin gestorben: „Ein einmaliger Künstler, bei mir entbrannte eine Leidenschaft. Er hat die Kunst und das Kunsthandwerk wieder zusammengeführt“, sprudelt es aus von der Laage heraus. Die waren nämlich in den Jahrhunderten zuvor als Gewerke getrennt worden. „Er zeichnete, schnitt und druckte selber, weil er nur so das, was er sah, in der Art, wie er es sah, authentisch umsetzen konnte.“

Orlik war mit Gerhart Hauptmann und Rainer Maria Rilke eng befreundet und entwarf so das Plakat für „Die Weber“. Er unternahm 1900 seine erste Reise nach Japan, erlernte dort von den alten Künstlern die Techniken der Farbholzschnitte „mit dünnsten, filigranen Stegen, die er mit einer expressionistischen Farbigkeit kombinierte“ (Jörg von der Laage), wurde 1899 Mitglied der Wiener Secession, verstand sich als Zeichner des Augenblicks und war Anfang des 20. Jahrhunderts der begehrteste Porträtist von fast allen bedeutenden Wissenschaftlern, Dichtern, Komponisten und Schauspielern wie Ernst Barlach, Otto Dix, Käthe Kollwitz, Thomas Mann, Albert Einstein oder Wilhelm Furtwängler.

1904 wurde er als Professor an die staatliche Lehranstalt nach Berlin berufen, wo er seinen Schülern die Technik des Sehens, Empfindens und Schaffens vermittelte. Als Höhepunkte seines Werks gelten japanische Radierungen oder Holzschnitte sowie Porträts.

Kunstsammler von der Laage führt seit 1981 eine eigene psychotherapeutische Praxis in Aachen und ist in der psychotherapeutischen Weiterbildung tätig. In Charlys Leierkasten, der in den 1970er Jahren weit über Aachen hinaus bekannten Kultkneipe, war der 70-Jährige regelmäßiger Gast. Charly hatte die Gasträume am Büchel 14 vollgestellt mit Hunderten Kuriositäten und — teilweise angeketteten — Antiquitäten, er legte oft Platten von Franz Josef Degenhardt („Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“), Hannes Wader, Konstantin Wecker und anderen Aufsässigen auf die „alte Hobel“, den Plattenspieler, und hielt regelmäßig Ansprachen ans Kneipenvolk.

Der „Leierkasten“ macht in der langen Geschichte des Hauses Büchel 14 ( siehe Infobox) allerdings nur einen vergleichsweise kleinen Abschnitt aus, und es ist sicher nicht verkehrt, sich vorzustellen, dass der 1989 gestorbene „Charly“ mit der neuen Nutzung durchaus einverstanden sein könnte.

Denn in den vergangenen Jahrzehnten hatte das altehrwürdige Gemäuer viele Metamorphosen, Besitzer- und Pächterwechsel erlebt. Aus dem skurrilen Szenetreff, in der mehrere Studentengenerationen bleibende Erinnerungen an ihre Zeit in Aachen gewannen, wurde unter anderem eine Speisegaststätte oder eine Tanz- und Pianobar. Aber alle Geschäftsmodelle scheiterten, keine Nutzung prägte sich wirklich in das Öcher Bewusstsein ein.

Kultur pur, kein Kommerz

Jetzt also Kultur pur, kein Kommerz mehr. Als Name für das Museum ist „Rote Burg — Büchel Museum Aachen“ auserkoren. Große bauliche Veränderungen in den beiden unteren Ebenen (die beiden oberen Geschosse bleiben Wohnungen) werden nicht vorgenommen, sie sind auch gar nicht notwendig.

Der Gewölbekeller aus dem 15. Jahrhundert mit seiner mächtigen gemauerten Decke und handgebrannten Tonziegeln aus Raeren hat die Zeit fast unbeschadet überstanden, der Holzboden im Erdgeschoss wird restauriert. Die Fassade im Erdgeschoss soll wie die oberen Etagen mit Blaustein bekleidet werden.

Als zentrale Ausstellung wird zunächst eine umfangreiche Sammlung mit Grafiken und Arbeiten vom Emil Orlik gezeigt. Daneben sollen in dem neuen Museum literarische Abende mit Lesungen von Autoren, auch aus der Region, stattfinden sowie Musikabende zur Förderung junger Musiker. Schulen werden angesprochen, private Sammler sollen motiviert werden, ihre heimlichen Schätze zu zeigen. In größeren Abständen soll zu einem Grafik- und Kunstmarkt eingeladen werden. Vorgesehen ist auch ein Museumsshop. Die Eröffnung soll zur 21. Kunstroute Aachen am Wochenende 29./30. September erfolgen.

Ganz ohne Unterstützung kann und will Initiator Jörg von der Laage das kühne Projekt freilich nicht angehen, schließlich wird auch der laufende Betrieb beträchtliche Kosten verursachen. Deshalb ist die Gründung eines Fördervereins in Vorbereitung, auch Sponsoren aller Art sind willkommen. Mehr in Kürze unter info@roteshaus-buechelmuseum.de oder Telefon 01520/4041797.

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