Aachen: Ein ganzes Netzwerk hilft den Obdachlosen in Aachen

Aachen : Ein ganzes Netzwerk hilft den Obdachlosen in Aachen

Die 19 Betten im Kellergeschoss des Gebäudes an der Hermannstraße sind am Dienstagmorgen längst wieder gemacht. Ein Fenster steht zum Lüften der Schlafräume auf Kipp. Man merkt gleich, trotz Sonnenscheins, der durchs Fenster fällt: Es ist kalt in Aachen. Und für Simone Holzapfel und ihr Team im Café Plattform bedeutet das: Abends und nachts ist Hochbetrieb.

Während der aktuell herrschenden Kältewelle übernachten im Schnitt 25 wohnungslose Menschen im Café der Caritas. Doch selbst im Sommer können es schon einmal mehr werden, weiß Leiterin Simone Holzapfel: „Kälte ist nicht der einzige Grund, der einen Wohnungslosen dazu bewegt, unser Café aufzusuchen“, sagt sie. Einsamkeit, Krankheit oder ganz andere Beweggründe könnten dahinterstecken.

Stadt ist verpflichtet zu helfen

374 Menschen ohne festen Wohnsitz sind der Stadt Aachen bekannt, erklärt Sandra Knabe, Leiterin der Abteilung Übergangswohnen im städtischen Fachbereich Wohnen, Soziales und Integration. Sieben Übergangswohnheime gibt es in der Stadt, in denen 259 alleinstehende Menschen, 38 Paare und 77 Familien eine Unterkunft gefunden haben — zumindest übergangsweise.

Selbstverständlich helfe man den Leuten in akuten Notsituationen, „das ist eine unserer städtischen Aufgaben, die Menschen unterzubringen, wenn Gefahr für Leib und Leben besteht“, sagt Knabe. Voraussetzung sei, dass diese Menschen die Hilfe auch annehmen.

Gerne angenommen, so heißt es in einer Pressemitteilung der Polizei, haben auch in der Nacht von Montag auf Dienstag sechs Obdachlose die Hilfe der Streifenbeamten. „Bei Minustemperaturen um die 8 Grad Celsius hatten sich die Ordnungshüter kurz nach 22 Uhr einen Mannschaftswagen geschnappt und die bekannten Örtlichkeiten im Stadtgebiet aufgesucht, an denen sich erfahrungsgemäß die hilfsbedürftigen Menschen aufhalten“, schreibt die Pressestelle der Polizei.

Anschließend wurden die Obdachlosen in die Obhut eines Vereins gegeben, der nicht dem „Großteam Wohnungslosenhilfe“ angehört. Warum in diesem Fall von dem Standard-Prozedere, sich ans Café Plattform zu wenden oder eine Hotelunterbringung auf Kosten der Stadt zu veranlassen, abgewichen wurde, konnte Polizeisprecher Paul Kemen nicht erklären.

Denn Hilfe für Obdachlose gibt es in Aachen längst nicht nur bei der Stadt. Das Café Plattform gibt es seit 30 Jahren. „Wir verstehen uns als erste Anlaufstelle für Menschen in Not, ganz ohne Bürokratie“, sagt Simone Holzapfel. Wer hierher kommt, bekommt einen Schlafplatz, hat die Möglichkeit zu duschen und bekommt im Notfall auch Wechselkleidung zur Verfügung gestellt.

Um die Hilfe für Wohnungslose Menschen möglichst effektiv zu gestalten, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein Netzwerk aufgebaut, eben das „Großteam Wohnungslosenhilfe“. Dazu gehören unter anderem auch das „Troddwar“ der Suchthilfe Aachen oder die Wärmestube der Wabe.

„Gerade an so kalten Tagen suchen wir die Menschen auf der Straße gezielt auf“, erklärt Mark Krznaric, Sozialarbeiter beim „Troddwar“. Das Café am Kaiserplatz war ursprünglich für suchtkranke Menschen ins Leben gerufen worden, ist aber auch für Wohnungslose geöffnet. „Unsere Aufgabe ist es, die Menschen, die sich nachts in Parkhäusern oder geschützten Hauseingängen aufhalten, an das Hilfesystem anzubinden“, berichtet Krznaric.

Und wenn es eben Gründe gebe, das Hilfsangebot einer bestimmten Institution nicht anzunehmen, müsse man über alternative Optionen sprechen. „Wir dürfen die Fähigkeiten dieser Menschen nicht unterschätzen und nicht vergessen, dass sie ein selbstbestimmtes Leben führen.“ Das bestätigt auch Oliver Bielfeld von der Wärmestube der Wabe. Er und seine Kollegen bieten tagsüber Schutz vor der Kälte.

„Zu uns kann jeder kommen, der vielleicht einfach nur in Ruhe seinen Kaffee trinken möchte. Wir stellen keine Fragen, wenn jemand keinen Bedarf hat zu reden“, sagt Bielfeld. Und so greifen die unterschiedlichen Ansätze der Hilfsorganisationen in Aachen ineinander.

Dass das Netzwerk gerade auch an kalten Tagen greift, zeigt sich daran, dass es in den vergangenen 30 Jahren keine Kältetoten in Aachen gegeben hat, erklärt Evelyn Wölk vom Presseamt der Stadt.

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