Ein besonderer Aspekt der Gleichberechtigung

Zehn Jahre Frauenbeauftragte bei der Lebenshilfe : Wichtige Etappen auf einem langem Weg

Strahlend blaue Schlüsselanhänger mit dem Logo der Lebenshilfe wechselten in den Werkstätten der Lebenshilfe in Haaren und an der Neuenhofstraße die Besitzer: Die Frauenbeauftragte der Werkstätten, Regina Offergeld, und ihre Stellvertreterin Andrea Bongard verteilten hundertfach das kleine Mitgebsel anlässlich des Weltfrauentages an ihre Kollegenschaft. Ihre Tour durch die Werkstattteams hatte jedoch einen ganz besonderen Anlass: Bereits seit zehn Jahren gibt es hier das Amt der Frauenbeauftragten. Damit sind die Aachener Lebenshilfe-Werkstätten absolute Pioniere.

Erst seit 2017 schreibt das Bundesteilhabegesetz die Wahl einer Frauenbeauftragten im Kontext von Wohnen und Arbeiten von Menschen mit Behinderung vor. Hintergrund ist, dass Frauen mit Behinderung häufiger Opfer von gewalttätigen oder sexuellen Übergriffen werden als Frauen ohne Behinderung, dies aber gleichzeitig nicht in ähnlicher Weise wahrgenommen wird und sie sich aufgrund von Handicaps auch nicht immer vergleichbar wehren können. „Die Wahl einer Frauenbeauftragten aus den Reihen der Frauen mit Behinderung soll ein Sprechen auf Augenhöhe über dieses Thema ermöglichen“, erläutert Marlies Janhsen. Sie unterstützt Offergeld und Bongard bei der Ausübung ihres Mandats.

Besonders Frauen mit einer geistigen Behinderung wissen oft nicht, dass sie Opfer eines Übergriffs werden. Sie wissen nur, dass sie sich unwohl fühlen. „Deshalb ist es so wichtig, darüber zu sprechen“, findet Offergeld. Sie und Bongard sind stets ansprechbar und gleichzeitig zum Schweigen verpflichtet. Sie richten sich aber auch aktiv an ihre Kolleginnen, um das Thema Gewalt und sexuelle Übergriffe zu thematisieren. Zum Beispiel in Frauencafés, einem recht zwanglosen Zusammenkommen bei Kaffee und Kuchen, bei denen sich die Frauenbeauftragten vorstellen und erklären, was eine sexuelle Belästigung ist. Angebote für die Stärkung des Selbstbewusstseins und der Selbstbehauptung sind ebenfalls Teil des Angebots. Außerdem hat Offergeld im vergangenen Jahr das erste Regionaltreffen von Frauenbeauftragten und ihren Unterstützerinnen in Einrichtungen der Behindertenhilfe in der Haarener Werkstatt organisiert, um ein Netzwerk aufzubauen.

„Über einen Übergriff in der Werkstatt haben wir noch keine Kenntnis bekommen, aber ich habe schon Frauen begleitet, denen das im häuslichen Kontext passiert ist“, berichtet Bongard, die vor zehn Jahren erste Frauenbeauftragte der Aachener Lebenshilfe-Werkstätten wurde. Sie traute sich damals die nötige Sensibilität und Hartnäckigkeit für dieses gänzlich neue Amt zu und absolvierte eine zweijährige Ausbildung. Sie suchte auch den Kontakt zum damaligen Frauennotruf, heute „Rückhalt e.V.“ Der hat mittlerweile die Beratung von Frauen mit geistiger Behinderung professionalisiert. Dennoch sagt Mariele Storms, in der Werkstätten-Geschäftsleitung für Soziales, Bildung und Mitarbeiterentwicklung zuständig: „Leider ist die Fürsorge für betroffene Frauen mit geistiger Behinderung noch gänzlich unterentwickelt. In Aachen gibt es gerade mal eine Therapeutin dafür.“

Für klassische Themen der Gleichstellung – Lohnungerechtigkeiten, Postenbesetzungen – können die Frauenbeauftragten auch aktiv werden, „allerdings sind die hier sehr wenig Thema, weil alle Beschäftigten den gleichen Lohn bekommen und es keine hierarchischen Strukturen innerhalb der Belegschaft der Menschen mit Behinderung gibt“, erklärt Storms. „Wir gucken hier, was Der- oder Diejenige kann, und nicht welches Geschlecht die Person hat.“ Auch deshalb dürfen sich heute alle Beschäftigten – Frauen wie Männer – über einen neuen Schlüsselanhänger freuen.

Mehr von Aachener Nachrichten