Aachen: Ein Aachener „Igelmensch“ findet seine Stimme

Aachen : Ein Aachener „Igelmensch“ findet seine Stimme

Sven hat seinen Nichten Nele und Nora einen langen Brief geschrieben, der jetzt in kleiner Auflage unter dem Titel „Sage ‚soso‘ meine dabei aber ‚ich liebhabe euch‘ — Brief eines Autisten für und an meine beiden Nichten“ für Verwandte und Freunde veröffentlicht worden ist.

Ehe nun die Frage aufkommt, was denn das Besondere an dieser Nachricht sein soll, muss man wissen, dass Sven an einer ausgeprägten Form von Autismus leidet, nicht im gewohnten Rahmen kommunizieren kann und eigentlich nicht in der Lage ist, einen Brief zu schreiben. Dennoch hat Sven Torner vor Jahren einen Weg gefunden, wie er Gedanken und Gefühle nach außen tragen kann.

Die Methode nennt sich FC, die Abkürzung von Faciliated Communication, und bedeutet soviel wie gestützte Kommunikation. Auf diese Weise soll es Menschen mit spezifischen Beeinträchtigungen ermöglicht werden, spezielle Kommunikationsmaterialien — im Fall von Sven ein normaler Laptop mit handelsüblichem Textverarbeitungsprogramm — zuverlässig zu nutzen. Das bedeutet, es gibt Unterstützung, um das Arbeiten mit diesen Geräten zu erleichtern.

Die Zielgruppe von FC sind daher Menschen, die bei der Planung und Ausführung von Handlungen auf eine physische Hilfestellung durch Personen angewiesen sind, die als Stützerin oder Stützer bezeichnet werden. Es sei hier darauf hingewiesen, dass es durchaus kritische Stimmen gibt, die diese Methode als unwirksam verurteilen und sogar behaupten, mit FC erzielte Ergebnisse seien lediglich Produkte der Fantasie der Stützer.

Auf diese Kritik reagieren Edith und Dieter Torner, Svens Eltern, mit großer Gelassenheit. Denn Barbara, Svens Stützerin seit gut 15 Jahren, habe mit ihm Texte erarbeitet, in denen es oft um Gegebenheiten gehe, die in Svens familiärem Hintergrund verankert seien, den Barbara so genau gar nicht kenne. So sind die Eltern überzeugt, dass Barbara Sven geholfen hat, seine „Stimme“ zu entdecken.

Es sei Barbaras zielstrebiger Haltung kombiniert mit ihrer Freundlichkeit, Zuwendung und Geduld zu verdanken, dass Sven, mittlerweile 37 Jahre alt, viel erreicht habe. Und natürlich sei es für sie wie „eine zweite Geburt“ gewesen, als sich damals ihrem Sohn die Möglichkeit eröffnete, auf diese Weise mit ihnen in Verbindung zu treten.

Einblicke in Svens Innenleben

Komplex ist das richtige Stichwort: Denn zum einen ist Svens Brief an Nele und Nora, die Töchter seiner Schwester Simone, mit 50 Seiten ungewöhnlich lang, und zum anderen gibt er autobiografisch tiefe Einblicke in Svens Innenleben in einer Weise, die allein wegen der sprachschöpferischen Elemente literarische Qualität offenbart.

Entstanden ist ein Buch von außergewöhnlicher Kraft, bisweilen humorvoll, oft aber auch traurig und verzweifelt, etwa wenn er mit den nie gehabten Chancen in seinem Leben hadert. Dennoch überwiegt bei ihm die Dankbarkeit, einen Weg gefunden zu haben, der sein Schicksal erträglicher werden lässt.

Lassen wir Sven in einer Passage aus seinem Brief selbst zu Wort kommen: „Manche siehst du, die autistische menschen sind. Igelmenschen sind das. Sie grüßen dich nicht, gucken dir nie in die augen, quatschen dumme sachen oder reden gar nichts. Sie werfen wupizuppi puzzleteile in die luft — und fangen sehr treffsicher das teilchen auf, das sehr du gesucht hast. Leider leiden diese autisten sehr darunter, dass sie keine gefühle zeigen können. Sie sind sehr schlau, können das leider niemals zeigen. Linsen und sand gerne in den händen rieseln lassen. Sehr traurige menschen sind, weil wirken jeck, wirken dumm, wirken so, als möchten sie zu anderen keinen kontakt haben. Otterähnlich viele autistische menschen jedoch schwimmen können. Seiten intelligente, weiche, zarte, kontaktfreudige, herzliche leider leider nicht nach außen zeigen können — wie der igel, der alle weichen stellen ganz im verborgenen hat, diese preisgibt nur selten und igelstacheln aufstellt.“

Seinen Nichten gibt Sven in seinem Brief den Rat mit, die Chancen, die das Leben bietet, zu nutzen, sich bewusst zu sein, wie wichtig Gefühle sind und das Lernen in der Schule ernstzunehmen. Aber er mahnt auch: „Seid uferlos offen für alles, was das leben euch außerhalb der schule beibringen will.“

Nicht unerwähnt bleiben dürfen — so will es Sven — die Designerin Beate Müller, die mit großem Einfühlungsvermögen Textpassagen wie etwa den „igelsven“ illustriert hat, und die Firma Wimmer Druck aus Oberforstbach, die Svens Brief zu ihrer Herzensangelegenheit machte. Das Ergebnis ist überzeugend und Sven denkt darüber nach, ein weiteres Opus folgen zu lassen.

Mehr von Aachener Nachrichten