Aachen: Ebbe im Fluss und ein FKK-Campingplatz: Neuntklässler auf Tour

Aachen : Ebbe im Fluss und ein FKK-Campingplatz: Neuntklässler auf Tour

Da will man Kanu fahren, aber der Fluss hat zu wenig Wasser. Da kommt man am Campingplatz an, aber da zelten nur FKK-Anhänger. Zwischenfälle dieser Art auf einer Reise sind ärgerlich, aber kein Weltuntergang.

Wenn aber 14- und 15-Jährige an der Lahn stehen und nicht paddeln können oder auf dem Campingplatz nicht nackt zelten wollen, dann können solche Situationen durchaus Krisenpotenzial entwickeln. Seit Montag erleben alle Neuntklässler der 4. Aachener Gesamtschule viele Abenteuer. In Kleingruppen sind sie unterwegs zu einem selbst gewählten Ziel. 17 Tage dauert diese Herausforderung.

Margret Lensges, Hauptkoordinatorin dieses für alle Beteiligten anspruchsvollen Projekts, gab nun einen ersten Zwischenbericht. Und sie hatte schon viel zu erzählen. „Sehr gut sieht es aus“, sagte Lensges. „Von den 16 Gruppen sind 14 richtig gut unterwegs. Und die Schüler machen großartige Erfahrungen.“

Erfahrungen wie diese: Jugendliche, die mit dem Rad in Richtung holländische Küste unterwegs sind, kommen am Campingplatz an und stellen fest, dass sie ausgerechnet einen FKK-Platz gebucht haben. Bleiben wollen sie dort nicht, aber auch nicht mehr viele Kilometer strampeln. Die Jugendlichen sprechen eine Frau an, die in ihrem Garten werkelt. „Und eine Stunde später bekommen wir ein Video“, erzählt Lensges, „drei Zelte im Garten und die Gruppe beim Abendessen auf der Terrasse.“

Überraschung auch für die Kanu-Truppe, die auf der Lahn paddelt: zu wenig Wasser im Fluss, Bootspartie akut gefährdet. Die Mitglieder eines Wassersportvereins haben dann spontan geholfen und die Jugendlichen samt ihren Booten so weit den Fluss entlang transportiert, dass sie wieder Wasser unterm Kiel hatten.

Das große Abenteuer Herausforderung hat sich offenbar über Aachen hinaus herumgesprochen. „Seid Ihr nicht die Schüler von der 4. Gesamtschule?“, fragten freundliche Wanderer auf dem Eifelsteig und steckten den Jugendlichen Proviant zu. Und in einem Fahrradladen bekamen die Schüler einen „Platten“ repariert, ohne dass sie dafür einen Cent zahlen mussten.

Natürlich gab es in der ersten Woche auch das eine oder andere Malheur. Arztbesuche waren nötig, etwa weil fiese Mückenstiche allergische Reaktionen auslösten. Ein junger Wanderer musste seine Tour leider auch abbrechen, weil eine bestehende Fußverletzung sich bei den strammen Märschen verschlimmert hatte.

Eine Gruppe erlebte schon eine Stunde nach dem Start einen Riesenschreck, als einer der Radler an einem parkenden Wagen den Außenspiegel mitnahm. Da musste erst mal die Polizei kommen, erzählt Margret Lensges. „Und die Gruppe kam am ersten Tag nur bis Baesweiler.“

Zunächst etwas ratlos war auch die Gruppe, die in Frankreich auf dem Campingplatz abgewiesen wurde, weil die Jugendlichen zwar, wie jede Gruppe, einen erwachsenen Begleiter dabei hatten, aber keine elterlichen Vollmachten. Die Gruppe hat dann ihre Route geändert.

Zwei der 16 Gruppen allerdings sind mittlerweile zurückgekehrt. Zwei Mädchen waren mit ihrer Begleitung als Miniteam auf dem Eifelsteig gestartet, weil alle anderen in der Gruppe kurzfristig abgesprungen waren. Sie mussten aus gesundheitlichen Gründen umkehren. „Die beiden sind jetzt im Schulverschönerungsprojekt und sehr glücklich damit“, berichtet Lensges.

Eine Gruppe mit fünf Jungen wiederum wollte eigentlich nach Frankfurt wandern, kam aber nur mit dem Zug bis Köln. Es gab Unstimmigkeiten in der Gruppe, das Reiseziel Frankfurt musste nach vielen Gesprächen zu den Akten gelegt werden. Die Gruppe ist jetzt wieder in Aachen, ihre Herausforderung aber noch lange nicht vorbei.

Jetzt werden jeden Tag neue Projekte gemeinsam angepackt. Und wenn es gut läuft, brechen die Jungen vielleicht noch einmal für ein paar Tage miteinander auf. „Diese Gruppe hat vielleicht jetzt schon mehr gelernt als andere, bei denen alles super läuft“, überlegt die Lehrerin. „Man kann scheitern, aber das ist nicht das Ende. Und keine Herausforderung wird abgebrochen.“

Eine Herausforderung sind diese 17 Tage auch für die Eltern, die der Schule ihr Vertrauen schenken und ihre Kinder losziehen lassen. Für interessierte Mütter und Väter hatte die Schule am Donnerstag ein Elterncafé organisiert.

Da wurden Filme von der Verabschiedung der Neuntklässler am Montag gezeigt ebenso wie die „Zwölf-Uhr-Fotos“, die alle Gruppen jeden Tag als Lebenszeichen an die Schule schicken. Für die kommende Woche, erzählt Lensges, haben sich die Eltern spontan noch so ein Treffen gewünscht.

Die nächste Woche dürfte auch für die betreuenden Lehrer spannend werden. Erfahrungsgemäß kriselt es in der zweiten Woche in manchen Gruppen. Das bestätigen auch die Aussagen der Berliner Partnerschule, die beim Thema Herausforderung bereits einige Jahre Erfahrung hat. „Da müssen wir sehr aufmerksam sein“, sagt Margret Lensges. „Es bleibt spannend.“

„Wenn alles so weitergeht“, sagt die Koordinatorin dann noch, „dann sind wir nach drei Wochen alle todmüde, aber glücklich.“

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