Aachen: Dreimal Notruf 110 und niemand geht ran

Aachen: Dreimal Notruf 110 und niemand geht ran

Nachts ertönte in einem Haus am Luxemburger Ring, also eine der feineren Wohngegenden der Stadt, eine Alarmsirene. Ein Nachbar reagierte und wählte den Notruf 110, um eine unangenehme Überraschung zu erleben: „Erst nach Ablauf von etwa zehn Minuten hat sich beim dritten Telefonat jemand gemeldet.

Von mir auf die vorhergehenden vergeblichen Versuche angesprochen, sagte ein Mitarbeiter, es seien halt alle Kollegen beschäftigt gewesen.“ So schildert der Nachbar, der ehemalige Beigeordnete Dr. Heiner Jüttner, den Vorfall in der Nacht zum 20. Juli. Der Fall ließ ihm keine Ruhe: „Als ich Bekannten mein Erlebnis schilderte, erntete ich zunächst nur ungläubiges Staunen, das dann in Entsetzen umschlug. Niemand konnte sich vorstellen, dass der Polizeinotruf nicht erreichbar sein könnte.“

Jüttner schritt zur Tat und verfasste einen geharnischten Brief an das Polizeipräsidium. „Ich halte eine solche Nicht-Erreichbarkeit des Notrufs für untragbar. In meinem Fall war die Verzögerung wahrscheinlich nicht besonders schlimm. Ich kann mir jedoch eine Reihe von Situationen vorstellen, wo die Betroffenen auf sofortigen Kontakt angewiesen sind oder vielleicht gar nicht in der Lage sind, mehrfach anzurufen.“ Schließlich gebe es heute eine Vielzahl von technischen Möglichkeiten, die sogar ihm als Laien sofort einfielen, etwa die Umschaltung auf eine andere Dienststelle, ein Polizeifahrzeug oder die Feuerwehr: „Das Mindeste wäre, wenn der Anruf aufgezeichnet würde.“

Beantwortet wurde der Brief von der Leitenden Regierungsdirektorin Bärbel Feldmann-Beuß, der Stellvertreterin des Polizeipräsidenten. Sie schilderte noch einmal die „angespannte Einsatz- und Notruflage“ in jener Nacht: „Bei einem hohen Einsatzaufkommen kann es ausnahmsweise zu einer längeren Wartezeit kommen. Dafür bitte ich um Ihr Verständnis. Unsere technischen Möglichkeiten werden zudem fortlaufend optimiert, um Notrufe möglichst schnell entgegenzunehmen.“ Man werde Jüttners Anregungen jedoch gerne aufnehmen.

Schreiben an den Minister

Damit wollte sich der Südviertel-Bewohner jedoch nicht zufrieden geben und verfasste dieserhalb ein Schreiben an Innenminister Ralf Jäger: „Die Antwort ist leider derartig nichtssagend, dass ich es für notwendig halte, mich an Sie persönlich zu wenden.“ Er sei der Überzeugung, dass der Polizeinotruf stets erreichbar sein müsse und auch eine angespannte Personallage dem nicht entgegenstehen dürfe. Selbst wenn diese nicht kurzfristig verbessert werden könne, müssten die vorhandenen technischen Möglichkeiten genutzt werden, um die ständige Erreichbarkeit sicherzustellen: „Ich bin sicher, dass meine Forderung der Erwartungshaltung der meisten Mitbürger entspricht.“

Weitere Nachforschungen der „Nachrichten“ ergaben, dass derartige Fälle der „sehr angespannten Notruf- und Einsatzlage“ gar nicht so selten sind — im Gegenteil. „Über 161.000 Notrufe gehen bei unserer Leitstelle in Aachen jährlich ein. Etwa 6700 Notrufe können nicht angenommen werden. Das sind umgerechnet 4,2 Prozent“, sagt Polizeisprecher Paul Kemen. In der Regel dauere es den Anrufern zu lange, bis abgenommen werde oder es melde sich niemand, weil die Auslastung erreicht sei. Dies komme vor allem bei Ereignissen vor, bei denen viele Anrufer per Notruf von ein und derselben Feststellung berichteten (etwa Feuer, schwerer Unfall, Wetter….). „Im Landesvergleich sind wir noch eine der Behörden, bei der die wenigsten Notrufe verloren gehen. In der Notrufbearbeitung haben wir mit etwa 1,5 Sekunden gar einen Spitzenwert“, rückt der Sprecher die Zahl der „verloren gegangenen Anrufe“ in die rechte Dimension.

„Nicht in Sicht“

Große Hoffnung auf schnelle Besserung kann Kemen nicht machen: „Eine andere Lösung ist derzeit nicht in Sicht. Wir raten den Leuten, wenn sie tatsächlich nicht angenommen werden sollten, in ganz dringenden Fällen, wenn die Umstände es zulassen, noch einmal zu wählen oder die 112 anzurufen. Umgekehrt ist es auch so, dass uns Menschen anrufen, wenn sie unter der 112 nicht durchkamen oder generell nicht mehr weiter wissen. Wir sind eng vernetzt.“

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