Domspringen in Aachen: Torben Blech in der Stabhochsprung-Weltspitze

Das 15. NetAachen-Domspringen : Shootingstar Torben Blech im Interview

Der ehemalige Zehnkämpfer Torben Blech ist erst vor rund einem Jahr zum Stabhochsprung gewechselt – und gehört dennoch bereits zur Weltspitze. Am Mittwoch startet er beim 15. NetAachen-Domspringen auf dem Katschhof.

Die Karriere des Torben Blech als Stabhochspringer hat vor ziemlich genau einem Jahr begonnen, beim 14. NetAachen-Domspringen. Er ist damals 5,30 Meter gesprungen, er ist Siebter geworden, immerhin. Viel wichtiger war aber, dass Blech nach dem Wettkampf auf dem Katschhof entschied, kein Zehnkämpfer mehr sein zu wollen. Sondern Stabhochspringer. Innerhalb dieses einen Jahres hat sich der Athlet von Bayer Leverkusen in die Weltspitze katapultiert: Er hat sich für die Weltmeisterschaft in Doha qualifiziert, seine Bestleistung hat er 2019 von 5,42 auf 5,80 Meter verbessert. Im Interview mit Lukas Weinberger spricht Blech (24) über seinen rasanten Aufstieg und seine zweites Domspringen am Mittwoch (18.30 Uhr).

Herr Blech, ist Ihnen bei einem Stabhochsprungwettkampf eigentlich manchmal langweilig?

Torben Blech: Nee, wieso? Ach, ich weiß, worauf Sie hinauswollen.

Ja?

Blech: Ich war mal Zehnkämpfer…

Erwartungen, Hoffnungen, Prognosen: Domspringen 2019

… aber Sie verspüren keinen Drang, auf dem Anlaufsteg der Stabhochspringer mal einen Speer in die Hand zu nehmen?

Blech: Auf keinen Fall. Speerwerfen fehlt mir am wenigsten. Ich war nicht mal schlecht darin, aber ich hab’s einfach nicht gerne gemacht. Wenn ich etwas vermisse, dann sind es Weitsprung und Hürdenlauf – und deshalb mache ich das ab und zu im Training. Da liefere ich mir mit meinem Trainingspartner Bo Kanda Lita Baehre kleine Duelle.

Ein bisschen Zehnkampf muss sein.

Blech: Im Training, da schon. Es gibt ja viele Dinge, die ich auch als Stabhochspringer brauche: Schnelligkeit, Sprungkraft, Koordination. Aber ansonsten ist diese Zeit vorbei. Zehnkampf ist brutal, zwei komplette Tage mit den unterschiedlichen Disziplinen durchzustehen, ist eine Qual; das habe ich lange genug gemacht. Sich nur auf den Stabhochsprung fokussieren zu können, ist nicht langweilig. Es macht Spaß.

Warum sind Sie zum Stabhochsprung gewechselt?

Blech: Der Hauptgrund waren meine vielen Verletzungen aus den vergangenen Jahren, vor allem am Rücken. Ich habe in sechs Jahren vielleicht fünf oder sechs Zehnkämpfe komplett bestreiten können. Andere Athleten haben drei oder vier in einem Jahr gemacht. Das hat mir gezeigt, dass da etwas nicht stimmt. Die Belastung war zu groß, daher kamen die Verletzungen. Und dann schwindet auch die Motivation.

Es muss schwierig sein, sich das als Leistungssportler einzugestehen.

Blech: Es ging nicht anders. Nachdem ich im Sommer 2017 so große Probleme mit der Leiste hatte, habe ich bis April 2018 ausgesetzt. Als es mir besser ging, habe ich langsam angefangen zu trainieren. Da hatte ich entschieden, dass ich 2018 keinen Zehnkampf bestreiten würde, wollte aber 2019 wieder angreifen.

Warum kam es anders?

Blech: Ich habe in dieser Zeit vor allem Stabhochsprung trainiert, es hat Spaß gemacht, weil ich auch ein paar tolle Wettkämpfe hatte. Mit ein bisschen Glück bin ich 2018 ja sogar zum Domspringen eingeladen worden – und nach dem Meeting habe ich zu meinen Eltern gesagt: Ich will mehr von diesen Wettkämpfen vor großem Publikum haben. Ich will Stabhochspringer sein.

Zeigte beim Istaf in Berlin am Sonntag wieder eine gute Vorstellung: Torben Blech. Foto: dpa/Jens Büttner

Klingt ganz einfach.

Blech: Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, die Ahnung vom Stabhochsprung haben, vor allem mit Christine Adams (Teamleiterin Stabhochsprung beim Deutschen Leichtathletik-Verband und Blechs Trainerin bei Bayer Leverkusen; Anm. d. Red.) und Jörn Elberding (ehemaliger Bundestrainer). Und alle haben mir gesagt, dass ich das Potenzial dazu habe. Da war die Entscheidung gefallen.

Hat es eine Rolle gespielt, dass die nationale Konkurrenz im Stabhochsprung kleiner ist als im Zehnkampf?

Blech: Ganz ehrlich? Das war definitiv ein Faktor bei meiner Entscheidung. Ich bin kein Leistungssportler geworden, der jeden Tag seinen Körper schindet, um bei Deutschen Meisterschaften Neunter zu werden – ohne, dass das despektierlich klingen soll. Ich bin Leistungssportler geworden, um bei internationalen Wettkämpfen dabei zu sein. Dieser Weg im Zehnkampf wäre weit gewesen. Ich bin keiner, der sich vor Arbeit drückt, aber ich bin auch Realist: Ich hätte es in den nächsten vier, fünf Jahren nicht geschafft, im Zehnkampf zur Elite zu gehören.

Im Stabhochsprung war die Chance größer, weil die Leistungsdichte nicht so hoch ist.

Blech: Ich habe diese Disziplin schon im Zehnkampf gemocht, ich war immer gut darin. Und es sind eben nicht mehr die Zeiten von Danny Ecker, Tim Lobinger und Co., als Deutschland ganz viele Weltklasse-Stabhochspringer hatte. Das soll nicht überheblich klingen, aber ich glaube schon, dass Bo, Raphael Holzdeppe und ich viele, viele gute Wettbewerbe in dieser Saison gemacht haben und den anderen deutschen Springern ein bisschen voraus sind. Ich wusste, dass ich das kann – wenn ich mein Potenzial abrufe.

Was Sie eindrucksvoll getan haben: Sie haben schon im Mai mit einem Sprung über 5,71 Meter in Bremen die Norm für die Weltmeisterschaft in Doha geknackt.

Blech: Meine Bestleistung bei Freiluftwettkämpfen lag im Winter bei 5,42 Meter. Im ersten Meeting im Frühjahr bin ich 5,50 Meter gesprungen – und kurz darauf eben die 5,71 Meter in Bremen. Wenn ich so drüber nachdenke: Das ist eine ganz schön große Verbesserung.

Und es ging ja weiter: 5,76 Meter bei der Universiade in Neapel.

Blech: Das war ein krasses Erlebnis, das musste ich danach erst mal verarbeiten. Aus der zweiten Reihe plötzlich in die Weltspitze zu springen – das hat schon etwas mit mir gemacht. Und trotzdem bin ich wenig später in Wittenberg noch mal 5,71 Meter gesprungen. Ich habe gedacht: Das war’s jetzt für dieses Jahr. Was sollte da noch kommen?

5,80 Meter in Leverkusen, das war die Norm für die Olympia 2020.

Blech: Da lief’s irgendwie einfach. Wahnsinn! Ich bin jahrelang Platzierungen und Punkten hinterher gehechelt, und jetzt klappt vieles von allein, weil ich die Dinge auf mich zukommen lasse. Ich habe mich nicht ablenken lassen, das ist meine Philosophie. Aber: So richtig realisiert habe ich das noch nicht, was in diesem Jahr passiert ist.

Wie ist es, mit der Höhe Elfter der Weltjahresbestenliste zu sein?

Blech: Unglaublich. Ich lag 2018 auf Platz 80 oder so. Die 5,71 Meter waren der Schritt zur Tür in die Weltklasse, und mit dem Sprung über 5,80 Meter bin ich durchgegangen.

Sie waren plötzlich Favorit für die Deutschen Meisterschaften, obwohl sie nicht mal ein Jahr lang Spezialspringer waren; am Ende gab’s Bronze. Waren Sie enttäuscht?

Blech: Ich hatte natürlich eine Erwartungshaltung, ich wollte gut springen, eine Höhe von 5,70 oder 5,80 Meter schaffen. Am Ende waren es 5,50 Meter – und, klar, ich war irgendwie enttäuscht. Ich habe da einfach gemerkt, dass ich müde bin. Bei den Team-Europameisterschaften eine Woche später war das noch extremer. Und deshalb habe ich dann erst mal eine Woche Urlaub gemacht und danach 14 Tage nur trainiert. Das war genau richtig, ich bin wieder fit. Das habe ich auch am Wochenende beim Istaf in Berlin gezeigt: Da stehen zwar „nur“ ein neunter Platz und eine Höhe von 5,60 Meter in den Ergebnislisten, aber ich habe mich einfach wieder sehr gut gefühlt.

Pünktlich zum Domspringen.

Blech: Ich freue mich unglaublich auf diesen Wettkampf. Für mich ist das Meeting in Aachen eines der besten auf der Welt. Es ist total elektrisierend, weil die Zuschauer es so besonders machen. Ich weiß, dass das schon viele gesagt haben – aber es ist wirklich so!

Können Sie das erklären?

Blech: Ein Beispiel: Ich hatte noch nie einen Blackout – bis zu meinem ersten Sprung beim Domspringen im vergangenen Jahr: Ich stand da und hab‘ den Stab nicht mehr hochbekommen, ich konnte nicht anlaufen, nicht springen. Am Ende bin ich einfach durchgelaufen – weil ich so perplex war. Diese Atmosphäre in Aachen ist grandios, und ich kannte das vom Zehnkampf nicht. Ab dem zweiten Sprung konnte ich das genießen, und ich habe ja zumindest die 5,30 Meter geschafft.

Am Mittwoch wollen Sie höher springen, oder?

Blech: Ich habe mir wieder die 5,70 oder 5,80 Meter als Ziel gesetzt. Wenn ich damit Zweiter werden würde, wäre ich sehr zufrieden. Ich würde aber auch glücklich sein, wenn ich mit einer solchen Höhe Achter werden würde. Aber natürlich: In Aachen irgendwann mal zu gewinnen, ist ein schönes Ziel.

Wer gewinnt denn am Mittwoch?

Blech: Ich tippe auf Piotr Lisek. Er ist großartig in Form.

Wie wichtig ist der Wettkampf in Aachen für Sie im Hinblick auf die WM in rund vier Wochen?

Blech: Sehr wichtig. Ich habe ja zuletzt viel trainiert, jetzt brauche ich wieder ein paar Wettkampfsprünge, um Erfahrungen zu sammeln und in den Rhythmus zu kommen.

Sind Sie ein Medaillenkandidat?

Blech: (lacht) Nee, nee, nee. Das Ziel ist, ins Finale zu kommen. Und wenn ich das geschafft habe, will ich auch da gut performen, vielleicht Bestleistung springen. Was dabei herauskommt, sehen wir dann.

Platz vier wäre doch doof.

Blech: Platz vier ist immer doof.

Vor allem wenn man Blech heißt.

Blech: Ach, die Witze kenne ich schon. Damit hab‘ ich kein Problem. Und Vierter bei einer WM – das wäre doch großartig.

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