Aachen: „doc/ fest on tour“ zeigt Stück Aachener Tuchmachergeschichte

Aachen : „doc/ fest on tour“ zeigt Stück Aachener Tuchmachergeschichte

Der Blick über die Schultern der Näherinnen in Richterich kam beim Publikum in der Tuchfabrik Soers gut an. „Für unsere Mitarbeiterinnen war es etwas ganz Besonders, gefilmt zu werden“, erläuterte Helmut Schmachtenberg. Seine Familie kam vor langer Zeit nach Aachen, um im „Mekka des Tuchhandwerks“ Fuß zu fassen.

In den 1960er Jahren konzentrierte sich der Vater mit seiner Firma „Ideal“ auf die Produktion von Anzügen, Sakkos und Mänteln. „Auch wir hatten damals Fachkräftemangel“, erinnert sich Sohn Helmut. Und so warb die Firma in den benachbarten Niederlanden junge Mädchen an, die gern zum Nähen in die Richtericher Fabrik kamen.

Helmut Schmachtenberg hat auch den Niedergang der Textilindustrie in Aachen miterlebt. Foto: Andreas Herrmann

Und da wurde zugeschnitten, zusammengenäht, gebügelt und geprüft. Der Film bietet Einblick in jeden Arbeitsschritt, und die entsprechenden Kommentare Schmachtenbergs lassen eine längst vergangene Zeit lebendig werden. Ein Mitarbeiter, der auch beim Bügeln die Zigarette nicht aus dem Mund nimmt, oder eine junge Dame, die die Knöpfe noch sorgfältig per Hand annäht, sorgen für Zwischenrufe aus dem Publikum. „Die Sakkos konnten damals stehen“, erläutert Schmachtenberg, denn sie waren mit entsprechenden Einlagen, oft aus Rosshaar, so gearbeitet, dass sie die Form auch ohne ihre Träger hielten.

Der Auftakt zum Garagenkino in der Tuchfabrik lockte zwar kein großes Publikum in die Soers, aber ein sehr dankbares. „Das war sehr schön und wirklich interessant“, hieß es im Anschluss. Der Film aus dem Familienschatz von Helmut Schmachtenberg wurde vorab digitalisiert und per Beamer auf die Leinwand gebracht. Ton gab es dabei keinen, aber Schmachtenberg begeisterte die Zuschauer mit seinen humorvollen Kommentaren und Erläuterungen.

Er selbst hat den endgültigen Niedergang der Textilindustrie in Aachen am eigenen Leib erlebt. Produktionsstätten wie „Ideal“ in Richterich waren schon bald nicht mehr wettbewerbsfähig und dem Untergang geweiht. Wie und wo heute produziert wird, zeigte am Abend der Film „Machines“, der eine gigantische Textilfabrik in Indien beschreibt.

Ungewöhnliche Filme an ungewöhnlichen Spielorten: Das ist laut Dokumentarfilmer Michael Chauvistré das Motto des Dokumentarfilm-Festivals mit dem Titel „doc/ fest on tour“. Ob im Gefängnis, in der Tuchfabrik oder an anderen zunächst seltsam anmutenden Orten: Der Gast soll neben dem Film auch die Möglichkeit bekommen, die jeweilige Spielstätte ganz neu zu erleben. In der Tuchfabrik gab es neben mehreren Filmen das Angebot, das Tuchwerk bei einer Führung kennenzulernen. Und in der Mitte der weitläufigen Halle mit all ihren Maschinen wartete eine große Leinwand auf die Zuschauer am Abend.

Helmut Schmachtenbergs Film dagegen war tatsächlich in einer Art Garage zu sehen. Ein paar Bänke, Beamer und Leinwand: Fertig war das Garagenkino. Und das bot den Zuschauern eine ganz familiäre Atmosphäre. Außerdem vervollständigten Talkrunden mit Experten wie Hans-Walter Hensen, Textilingenieur und Färbereileiter der Tuchfabrik Becker, das Angebot des Festivals.