Aachen: Diskussionsrunde über die Perspektiven des Einzelhandels

Aachen: Diskussionsrunde über die Perspektiven des Einzelhandels

Der Titel kam wie ein Krimi daher: „Die toten Augen der Stadt.“ Er hielt, was er versprach. Dreieinhalb Stunden Spannung pur lieferten der Bund Deutscher Architekten Aachen (BDA) und der Förderverein Aachen-Fenster in ihrer vierten und letzten Diskussionsrunde zur Zukunft der Stadt.

Wieder strömten wie in den Debatten zuvor knapp 100 Zuhörer in das ehemalige „Lust for Life“ am Bädersteig, unter ihnen diesmal auch zahlreiche Geschäftsleute.

Der leerstehende ehemalige Hor-ten-Komplex stand gleichsam sym-bolisch für das Thema des Abends. „Leere Schaufenster — die toten Augen der Stadt. Problemfall Erdgeschoss. Wie ändert sich das Bild der Innenstädte?“ hieß es komplett. In seiner Einführung machte BDA-Vorsitzender Professor Klaus Klever deutlich, was an vielen Stellen in der Stadt zu sehen ist: Die Verödung der Innenstadt schreitet erschreckend voran. Konjunktur haben Schilder wie „Räumungsverkauf“, „Ge-schäftsaufgabe“, „Alles muss raus“, „Zu vermieten“.

Was ist zu tun? Die Initiatoren bewiesen eine mehr als glückliche Hand mit den sieben geladenen Referenten: Jens Imorde (Stadtentwickler aus Münster), Professor Gerrit Heinemann (Hochschule Niederrhein, Mönchengladbach), Dr. Peter Achten (Hauptgeschäftsführer Einzelhandelsverband NRW, Düsseldorf), Jan Christoph Zimmermann (City-Manager Langenfeld), Till Beutling (Interaktive Gestaltung, Köln) und Markus Knöpfle (Bike Components, Neupforte in Aachen). Gewohnt souverän und bestens vorbereitet auf die Referenten und mit viel Wissen zum Einzelhandel vor Ort führte Moderator Robert Esser wieder locker Regie.

Fazit von lebhaften dreieinhalb Stunden: Aachen steht mit der Not keineswegs allein. Oberzentren wie Aachen halten sich jedoch noch, aber je kleiner die Stadt, desto größer die Probleme. Die Randlagen, 2B-Lagen, brechen weg. Die Einzelhändler müssen sich selber aus dem Schlamassel ziehen — wie einst in alten Zeiten einfach einen Laden aufmachen und abwarten, reicht nicht mehr. Die Stadt kann sich nur um die Rahmenbedingungen kümmern, wozu attraktiv gestaltete Verweilzonen gehören — Beispiel Duisburg mit Brunnenanlage und großflächiger Ruhezone über einer hellen, zufahrtsleichten Tiefgarage mit breiten Parkständen, alles ohne Stress.

Keine weiteren Einkaufszentren

Weitere Felder der Stadt: keine weiteren Einkaufszentren auf der grünen Wiese. Autos wieder stärker in die Innenstadt lassen und nicht aus ihr verbannen. „Wenn Parken in der Innenstadt, dann vernünftig“, rät Jens Imorde und das blanke Entsetzen zeichnet sein Gesicht: „Ihr Parkhaus Büchel — ein schlimmeres kenne ich nicht.“ Fachmärkte und Lebensmittelhandel in die Stadt zurückholen. Keine großen Einkaufszentren mehr in der City.

Das Jammern über den rasant wachsenden E-Commerce (Internethandel) werde von den Einzelhändlern als „Entschuldigung für eigenes Versagen“ angeführt. Der Online-Handel gehe jetzt erst richtig los. Sein Anteil werde in den nächsten Jahren von derzeit zehn auf 20 bis 25 Prozent steigen. Welche Möglichkeiten sich für den Einzelhandel bieten, wenn sie die fortschreitende Digitalisierung im eigenen Geschäft nutzen, zeigten der Interaktions-Designer Zimmermann und Markus Knöpfle von Bike Components an der Neupforte. Hier kann der übers Internet schon bestens informierte Kunde über die firmeneigene Plattform mehr als 500.000 Artikel rund ums Rad auf das Schnellste bestellen.

Auch das vom Land geförderte und von Jannik Wendorff vom städtischen Fachbereich Wirtschaft ex-zellent präsentierte neue „Projekt Shopping Lab“ der Stadt im ehemaligen Horten lädt Händler und andere Interessenten ein, vor Ort zu studieren, wie die „(R)Evolution im Handel“ online genutzt werden könnte (siehe auch: www.shopping-lab-aachen.de).

City-Manager Jan Christoph Zimmermann aus der 60.000-Einwohnerstadt Langenfeld zwischen Düsseldorf und Köln schilderte sein vielfältiges Aufgabenfeld derart begeisternd, dass am Ende Professor Klever den Besuchern die Frage mit auf den Heimweg gab: „Wäre es nicht ganz gut, darüber nachzudenken, ob wir nicht auch in Aachen einen City-Manager brauchen, damit Bewegung in die Entwicklung unserer Stadt kommt, damit es wieder nach vorn geht?“