Aachen: Die Wurzeln der Annakirmes liegen in Aachen

Aachen : Die Wurzeln der Annakirmes liegen in Aachen

Die Dürener werden es nicht gerne lesen: Aber ohne einen Aachener, genauer Kornelimünsteraner, würde es ihr Mega-Event Annakirmes heute kaum geben. Ende Juli wird das große Volksfest wieder rund eine Million Menschen anlocken, von denen die wenigsten ahnen, dass der Ursprung der Kirmes auf einen Diebstahl zurückzuführen ist.

Um der Sache auf den Grund zu gehen, muss man mehr als 500 Jahre zurückblicken und Spuren in Kornelimünster und Mainz zurückverfolgen. Der Kirchenhistoriker Erwin Gatz hat die entsprechenden Quellen gesichtet und ist dabei auf einen Steinmetz aus Kornelimünster namens Leonhard gestoßen, der im Jahr 1500 in der Mainzer Kirche St. Stephan gearbeitet hat.

Symbole der Annaverehrung in der Region: Der Annaaltar in der Propsteikirche St. Kornelius (kleines Bild) und die Annakirmes in Düren. Foto: Sandra Kinkel

Der damals 25-Jährige hat den historischen Darstellungen zufolge dort das etwa handtellergroße Stück einer Schädelplatte gestohlen, das seit dem Mittelalter als Reliquie der heiligen Anna verehrt wurde. Anna wird von Gläubigen als Mutter von Maria und damit als Großmutter von Jesus angesehen. Das Knochenstück soll der Überlieferung nach im Jahr 1212 aus Bethlehem nach Mainz gebracht worden sein und maßgeblich zur sich ausbreitenden Annaverehrung beigetragen haben.

Was Leonhard zu seiner Tat bewogen hat, ist unklar. In einer Darstellung heißt es, er habe zugelangt, weil man ihm seinen Lohn vorenthalten habe. In einer anderen ist von einer „göttlichen Eingebung“ die Rede, weil die Mainzer die Reliquie zu wenig wertgeschätzt hätten. Widersprüchlich sind — je nach Blickwinkel — auch die Darstellungen zum Tathergang. Aus Dürener Sicht hat Leonhard einfach eine offen herumliegende Heiligenreliquie mitgehen lassen, aus Mainzer Sicht hat er hingegen einen schwer gesicherten Behälter gewaltsam aufgebrochen.

Mit dem Schädelknochen kehrte Leonhard vermutlich im Dezember 1500 zunächst nach Kornelimünster zurück. Hier soll ihn aber seine Mutter gedrängt haben, die Reliquie zurückzugeben. Den Quellen zufolge wanderte er um die Jahreswende zum Franziskanerkloster nach Düren, von wo aus die wertvolle Reliquie eigentlich den ursprünglichen Besitzern in Mainz zugeleitet werden sollte.

Zu diesem Zeitpunkt hatten auch die Mainzer Kirchenoberen längst eine Abordnung losgeschickt, um das gute Stück wieder zurückzuholen. Zunächst ist ihnen das „Annahaupt“ wohl auch tatsächlich übergeben worden, doch kurz vor ihrer Abreise sollen sich ihnen der Schultheiß und der Stadtrat von Düren in den Weg gestellt und die Reliquie wieder abgenommen haben.

Unterschiedliche Sichtweisen

In einer Dürener Überlieferung ist auch von einer tagelangen Revolte der Dürener Frauen die Rede, was von Historikern jedoch angezweifelt wird. Eher dürften es wohl auch wirtschaftliche Interessen gewesen sein, die zu dem schweren und langanhaltenden Streit um das „Annahaupt“ geführt haben. Dafür spricht etwa, dass die Dürener den Mainzern auch eine hohe Entschädigung für die gestohlene Reliquie angeboten haben. Doch es dauerte noch bis zum 18. März 1506, bis Papst Julius II. durch eine päpstliche Bulle Klarheit schuf und entschied, dass das Annahaupt in Düren bleiben durfte.

Auch Kaiser Maximilian I., ein ausgewiesener Verehrer der Heiligen Anna, soll sich maßgeblich auf die Seite der Dürener geschlagen haben. Welche Anziehungskraft das „Annahaupt“ hatte, zeigte sich bereits seit dem Sommer 1501 mit der Ankunft der ersten Pilger. Daraus entwickelten sich die jährlichen Annawallfahrten, die auch heute noch die Gläubigen nach Düren locken. Seit dem 17. Jahrhundert wurde zeitgleich ein Markt rund um die Annakirche veranstaltet, der als Vorläufer der heutigen Annakirmes gilt.

Kornelimünster ist zwar auch ohne „Annahaupt“ ein Wallfahrtsort geworden, doch die herausragende Bedeutung der Reliquie hat seinerzeit allem Anschein nach auch der Abt von Kornelimünster, Heinrich von Binsfeld, erkannt. Der kurze Aufenthalt des Schädelknochens in Kornelimünster war für ihn Anlass, einen Annaaltar herstellen zu lassen, der von einer Kölner Schnitzwerkstatt gefertigt wurde und bis heute seinen Platz in der Propsteikirche St. Kornelius hat.

Kirchenkenner Lothar Stresius, Vorsitzender des Fördervereins St.Kornelius, schließt daraus, dass auch der damalige Abt den gestohlenen Schädelknochen gerne in Kornelimünster gehalten hätte. „Der Altar sollte der Darstellungsort der Reliquie werden.“