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Aachen: Die unechten Zwillinge aus dem Marianneninstitut

Aachen : Die unechten Zwillinge aus dem Marianneninstitut

Der 20. Mai 1936 war ein Tag mit bemerkenswerten Folgen für die Stadt. Caroline Reinartz und Georg Helg erblickten das Licht der Welt. Im Marianneninstitut, wie sich das für waschechte Öcher gehört. Am Freitag werden die beiden 80 Jahre alt.

Zwei Aachener Urgesteine, justament „die“ beiden, gemeinsam zum Plausch über sich, die Stadt, Gott und die Welt, über alte und neue Zeit — ein Vergnügen fürwahr, aber geht das ab ohne peitschenknallenden Dompteur? Es geht, denn „Schorsch“ darf „Caroline“ bitten: „Halt mal grad de Luft an.“ In den 30 Sekunden, in denen sie das schier Unmögliche schafft, ist er an der Reihe.

Nicht nur Tag und Marianneninstitut sind beiden gemeinsam. Das Wort verbindet die unechten Zwillinge. Jeder auf seine Art ein begnadeter Erzähler. Georg Helg mit der Kunst der freien, geschliffenen Rede. Caroline Reinartz kraftvoll, volksnah, den Hammer schwingend wie der Legende nach der wehrhafte Schmied. Dem ist sie nah, gehört ihr Wohnhaus in der Jakobstraße mit der Gaststätte „Zum wehrhaften Schmied“ doch seit mehr als 100 Jahren der Familie. Immer besorgt um „os Fennegge“ liest sie denen da oben die Leviten. „Dann geb‘ ich denen Zunder“, in Gremien, in Leserbriefen, in Anzeigen, bundesweit.

Spektakulär, als Bombardier Talbot dicht machen wollte, Daten nicht rausrückte und Reinartz kurzerhand 1000 Aktien der Kanadier kaufte, um auf der Hauptversammlung zu rebellieren. Bombardier ließ die Hosen runter, „Ehren-Talbötterin“ nennen die Arbeiter Caroline Reinartz seitdem. „Aachens aktivster Vulkan“, schrieben die Aachener Nachrichten.

Georg Helg brilliert als Fraktionsvorsitzender der FDP im Städteregionstag. „Sehr aktiv“ im Karlspreisdirektorium. Vize im Rathausverein, Initiator und Motor. Mit Charme führt er Besucher durchs Rathaus. Ehrenpräsident des AKV. Ach ja, der AKV — „die“ Erfolgsgeschichte überhaupt des Schorsch Helg. Legendär Ende der 80er seine Premiere als frisch gekürter AKV-Präsident in seiner ersten Ordenssitzung wider den tierischen Ernst. Mit der dicken Tromm vor dem Bauch marschierte er trommelnd und feixend über die Eurogress-Bühne. Der präsidial-jecke Ausbruch aus verstaubt-altväterlicher AKV-Zeremonie geriet zur Frischzellenkur, zum Aufbruch in eine fantastische zehnjährige Helg-Präsidentschaft.

Selbst beruflicher Erfolg ist den Jubilaren gemein. Mehr als 30 Jahre, von 1968 bis 1999, führte er das Modehaus Helg in der Krämerstraße, erste Adresse nobler Kundschaft. Derweil stampfte sie aus dem Nichts ihr Immobilien-Unternehmen aus dem Boden, das nun seit 45 Jahren floriert und dessen Schalthebel sie virtuos bedient.

Wie Helg ist Reinartz politisch mittenmang. In dritter Legislaturperiode Seniorenrätin, sachkundige Bürgerin im Ausschuss für Wirtschaft, stellvertretendes Mitglied im Planungsausschuss. Wachsame Zuhörerin im Rat. In Einwohnerfragestunden auf Attacke gepolt. Reinartz sagt, was andere sich nicht trauen.

Was politisiert einen so? „Das war, als ich schon selbstständig war und mitkriegte, wie so viele Dinge am Bürger vorbei entschieden werden, das kann ich nicht vertragen“, sagt Caroline Reinartz. Den jungen Freigeist Georg Helg trieb früh „der autoritäre Staat des Konrad Adenauer“ zu den Liberalen. Im rabenschwarzen Aachen drängte es ihn, „die jahrzehntelange absolute Mehrheit der CDU aufzubrechen“. Als er Ratsherr wurde, spät und nur kurz, 1989 bis 1994, war die christdemokratische Allmacht geknackt. Fortan rannte er an gegen Grüne, die „bar jeder Vernunft“ die Stadt hätten verkehrlich abriegeln wollen.

Heute erschreckt ihn in der Lokalpolitik „der Verzicht auf Mut und Risiko“. Unbegreiflich ist ihm, „wie man sehenden Auges eine Alemannia zugrunde gehen lässt, das hätte verhindert werden müssen“. Unbegreiflich, „wie zaghaft Aachen modernisiert wird“. Grund mit, auch mit 80 noch lokal-regional mitzumischen.

Profitmacherei

Die „baulichen Sünden der Vergangenheit“ sind ein beliebtes Thema der Caroline Reinartz. Die Marienkirche, der Betonklotz Verwaltung Lagerhausstraße etwa. „Bedingt durch den Beruf“, sagt sie, habe sie „damals noch Architekten kennengelernt, gestandene Leute, die stolz waren, der Stadt ein imposantes Gebäude zu hinterlassen“. Heute dagegen sei zu vieles nur noch Profitmacherei.

Ist alles erledigt — oder was muss noch getan werden? „Noch ‘ne ganze Menge“, sagt Helg, „für einen 80-Jährigen bin ich voll ausgelastet. Das will ich beibehalten“. Sein Blick ist aufs Rathaus fokussiert. Vor zehn Jahren gelang ihm, was ihn als „wissenschaftlichen Quereinsteiger“ stolz macht und wofür die Fachwelt ihn lobt. Gemeinsam mit Alt-Oberbürgermeister Jürgen Linden verfasste er ein grandioses Buch: „Vom Kaiserglanz zur Bürgerfreiheit — Das Aachener Rathaus.“

Inzwischen für Historiker „das“ Standardwerk. So sicherte sich denn auch die RWTH sein Wissen für ein Studienprojekt, das in drei Büchern das Aachener Rathaus baugeschichtlich erfasst. Er bearbeitet die Barockphase, sein Buch erscheint im September. Zum Achtzigsten überreicht er Oberbürgermeister Marcel Philipp seine DVD „1200 Jahre Aachener Rathaus in 120 Minuten“, eine „filmische Dokumentation einer zweistündigen Führung mit Georg Helg durch das Rathaus bis in alle geheimen Ecken“. Drei Jahre hat er daran gearbeitet.

„Ich arbeite gern“, sagt auch Caroline Reinartz. Die Familie absichern, die Firma in die Zukunft führen, es freut sie, dass Großneffe Robin Reinartz mit ins Geschäft eingestiegen ist, Verantwortung tragen, weiterarbeiten, „um meine Leute nicht arbeitslos zu machen“. Voller Demut die Freude, es sich leisten zu können, in aller Stille zu helfen, überall da, wo Not ist, Kinderkrebsstation und Kinderheime unterstützen, Tiere und Umwelt nicht vergessen.

Ohne den Neid der Götter zu erregen: Glücklich? Caroline Reinartz weicht aus und wird leise, gesundheitlich habe sie „einen auf die Schnauze bekommen“. Weshalb sie „mit döm do ovve ene Deal“ gemacht habe, einen leicht erpresserischen Handel mit dem Herrgott, auf dass sie noch lange leben möge, sonst werde sie „da oben die Grundstücke kramen“.

„Uneingeschränkt glücklich“, zögert Schorsch Helg keine Sekunde. Seit jetzt 33 Jahren lebe er mit seiner zweiten Frau Sophie „in völlig unumschränkten Glück“. Darin einbezogen die Kinder und Enkelkinder. „Ich werde geliebt. Liebe ist wichtiger als alles.“