Die Resonanz auf das Projekt Gefahrenstellen.de ist in Aachen groß

Sicherheit im Straßenverkehr : Online-Nutzer identifizieren 250 Gefahrenstellen in Aachen

Seit knapp einem Jahr können Nutzer auf der Online-Plattform Gefahrenstellen.de kritische Verkehrssituationen eintragen. Für das Aachener Stadtgebiet wurden bislang 250 Eingaben gemacht. Im Juli geht das Projekt, das von der RWTH Aachen wissenschaftlich begleitet wird, in die Phase zwei.

Spätestens am 13. Juni 2018 hätte man gewarnt sein können. „Autofahrer beachten beim Rechtsabbiegen von der Vaalser Straße auf den Amsterdamer Ring nicht den weiter geradeaus führenden Fahrradweg und die dort fahrenden Fahrradfahrer“, schreibt ein Nutzer an diesem Mittwochmittag auf der Online-Plattform Gefahrenstellen.de. 244 Tage bevor an ebenjener Stelle eine Radfahrerin tödlich verunglückt. Weil ein Lkw-Fahrer sie beim Abbiegen übersehen hat. Mittlerweile wurde der Radschutzstreifen auf der Vaalser Straße zwischen der Straße Kronenberg und der Kreuzung Amsterdamer Ring rot eingefärbt. Eine gesonderte Ampelschaltung für den Radverkehr wird folgen.

Ein Unfall passiert, dann reagieren die Verantwortlichen: Nach diesem Prozedere läuft laut Dirk Kemper aktuell die Sicherheitsarbeit im Straßenverkehr. Das soll sich ändern. Seit knapp einem Jahr begleitet der Oberingenieur am Institut für Straßenwesen der RWTH Aachen mit seinem Team wissenschaftlich das Projekt „Gefahrenstellen.de“, eine Online-Plattform, die der Bonner Arno Wolter mit seinen Brüdern Henrik und Jörn ins Leben gerufen hat. Und mit der langfristig Unfallbrennpunkte entschärft werden sollen bevor es kracht.

Seit April können Nutzer auf der Internetseite www.gefahrenstellen.de auf einer interaktiven Karte kritische Verkehrspunkte markieren und angeben, für wen die Stelle eine Gefahr darstellt: für Radfahrer, Fußgänger oder Autofahrer, für Motorradfahrer, Lkw oder Busse. Sogenannte Unterstützer können die Gefahrenstellen bestätigen und zusätzliche Angaben dazu machen. Die Resonanz ist groß. Mehr als 250 kritische Punkte wurden bislang im Stadtgebiet Aachen eingetragen, im näheren Umkreis sind es insgesamt 350. Hinzu kommen nach Angaben von Henrik Wolter ebenso viele Ergänzungen sowie mehrere hundert Kommentare. Schwerpunkte des Projekts sind zwar Aachen und Bonn als sogenannte Modellstädte. Doch auch darüber hinaus waren mittlerweile zahlreiche Nutzer aktiv. Selbst in Paris, Slowenien und Irland wurden bereits Gefahrenstellen markiert.

Vor der Abbiegesituation auf der Vaalser Straße in Aachen warnen aktuell 28 „Unterstützer“. Damit erhält diese Unfallstelle deutlich mehr Bestätigung als der Großteil der anderen Eingaben. Was angesichts der reinen Masse nicht überraschen sollte. Einige potenzielle Unfallschwerpunkte kristallisieren sich jedoch bei näherer Betrachtung heraus. Die einen, etwa der Hansemannplatz, liegen auf der Hand. Andere Konfliktstellen dürften einigen Verkehrsteilnehmern aber gar nicht bewusst sein. Etwa die Eilfschornsteinstraße. Während Autos in Fahrtrichtung Super C an der Ecke Templergraben entweder nach links oder rechts abbiegen müssen, dürfen Radfahrer geradeaus in die Wüllnerstraße, eine Einbahnstraße, fahren. Neun Nutzer warnen davor, dass Verkehrsteilnehmer, die von der Wüllnerstraße aus kommend links in den Templergraben fahren, an dieser Stelle von den entgegenkommenden Radfahrern überrascht werden und deshalb nicht stoppen. Auch die Straßenführung am Kapuzinergraben auf der Höhe des Kapuzinerkarrees wird als „sehr gefährlich“ kritisiert, da Radfahrer von der rechten auf die linke Fahrbahnseite wechseln müssen – und es damit schnell zu einem Zusammenstoß mit Autos kommen könne. Weitere Beispiele mit vergleichsweise hoher Unterstützeranzahl sind die Junkerstraße und die Bleiberger Straße.

Dass Meldungen wie diese für mehr Sicherheit auf der Straße sorgen können, das sieht Dirk Kempen bestätigt. Im November wurde die Machbarkeitsstudie beendet. „Wir haben die Usermeldungen ausgewertet und konnten zeigen, dass es sinnvoll ist, mit so einem System zu arbeiten“, freut sich Kemper. Deshalb werde man im Juli das Projekt mit weiteren Partnern ausweiten und deutschlandweit ausrollen. So werde man unter anderem mit der Deutschen Hochschule der Polizei kooperieren und die Nutzermeldungen mit polizeilich erfassten Unfalldaten zusammenfassen. Mit einem Software-Anbieter wolle man zudem erarbeiten, wie die gemeldeten Gefahrenstellen automatisiert ausgewertet werden können. Langfristig sollen anhand dieser Daten nicht nur einzelne Gefahrenstellen behoben werden. Auch Anwender wie Kommunen und Ingenieurbüros sollen von dem Mitmachprojekt profitieren und ihre Stadtplanung entsprechend anpassen. Damit schwere Unfälle wie zuletzt der an der Vaalser Straße in Zukunft vermieden werden können.

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