Konzert: Die ideologische Sprache des Dritten Reiches

Konzert : Die ideologische Sprache des Dritten Reiches

Die „Sprachherrschaft“ der Nazis war Thema beim Konzert der Gesellschaft für zeitgenössische Musik. In Gedenken an die Pogromnacht stellten die Musiker das „Lexikon der Juden in der Musik in Klang und Wort“ in den Mittelpunkt. „Rufmord-verleugnet-entwürdigt-ausgegrenzt“ lautete der Titel dieses ganz besonderen Abends.

„Der Nationalsozialismus ist auf Fanatismus begründet“, trug Jochen Deuticke vom Theater K vor. Und es sei den Nazis gelungen, den Begriff „fanatisch“ positiv zu besetzen und mit Begriffen wie „heldisch und tugendhaft“ gleichsam neu zu verknüpfen. Die „Sprachherrschaft“ der Nazis war das Thema beim jüngsten Konzert der Gesellschaft für zeitgenössische Musik im Ballsaal des alten Kurhauses. In Gedenken an die Pogromnacht stellten die Musiker das „Lexikon der Juden in der Musik in Klang und Wort“ in den Mittelpunkt.

Laut Dr. Gwendolen Webster, Vorsitzende Gesellschaft für zeitgenössische Musik, war dieses Lexikon aber keine wissenschaftliche Arbeit, sondern eine „schwarze Liste“. „Wer da drin stand, der war dem Tod geweiht“, sagte sie.

„Rufmord-verleugnet-entwürdigt-ausgegrenzt“ war entsprechend der Titel dieses ganz besonderen Abends, bei dem einzelne Komponisten besagter schwarzer Liste vorgestellt wurden, und zwar auch so, wie das Lexikon sie beschreibt. Laut Gesellschaft für zeitgenössische Musik wird auf diese Weise die „verzerrte, ideologische Sprache des Dritten Reiches“ entlarvt. Und das Vokabular lasse deutliche Parallelen zum heutigen Populismus erkennen, meint Gwendolen Webster.

Ergänzt wurde die Präsentation durch Texte aus Victor Klemperers Buch „LTI – Notizbuch eines Philologen“. LTI steht für „Lingua Tertii Imperii“ (lateinisch für: Sprache des Dritten Reichs). Klemperer hat also die Sprache des Nationalsozialismus unter die Lupe genommen und aufgezeigt, wie beispielsweise Begriffe wie „Rassengenosse, Zersetzung und Ausmerzung“ zur Alltagssprache des Dritten Reiches wurden. „Worte können wie winzige Arsendosen sein: Sie werden unbemerkt verschluckt; sie scheinen keine Wirkung zu tun - und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da“, rezitierte Jochen Deuticke den Philologen.

Als „Durcheinander von Konsonanz und Dissonanz“, und als „Missklangsystem gegen alle Regeln der Harmonie“ beschrieben die Nazis die Zwölftonmusik von Arnold Schönberg (1874-1951). Er gilt als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Komponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wie sich seine Musik anhört, zeigte das „Neue Musik Ensemble Aachen“ dann an verschiedenen Beispielen. Immer wieder fanden sich die Musikerinnen und Musiker neu zusammen, um neben Arnold Schönberg Komponisten wie Ernest Bloch, Franz Schreker und Gustav Mahler zu Gehör zu bringen. Klavier, Harfe, Violine, Cello, Flöte, Klarinette und Violoncello waren unter anderem die Instrumente, die dabei zum Einsatz kamen. Und als Sopranistin brillierte Catharina Marquet vor allem auch bei der Interpretation der Schönberg-Kompositionen.

Und dass sich die Gesellschaft für zeitgenössische Musik überhaupt einen solchen Abend organisiert hat, liegt laut Gwendolen Webster vor allem daran, dass sich der kürzlich gestorbene Kurt Heiler, langjähriger Vorsitzender des VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) und BdA (Bund deutscher Antifaschisten), so sehr dafür eingesetzt habe. Und beim Publikum kam diese außergewöhnliche Konzert sehr gut an. Der Ballsaal war bis zum letzten Platz besetzt, als das Ensemble die ausgewählten Komponisten vorstellte. Und immer wieder boten die Texte, die der Schauspieler Jochen Deuticke vortrug, einen Kontrast oder aber auch eine Ergänzung zur Musik.

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