Aachen: Die großen Fragen des Menschseins

Aachen: Die großen Fragen des Menschseins

Politische Themen und die großen Fragen der Menschheit - das sind die Dinge, die Hans-Werner Kroesinger interessieren. So ist sein dokumentarisches Theater angelegt. Und so produziert er seit Jahren für diverse Spielstätten der Repulik, von Berlin über Rotterdam, Stuttgart, München und auch Aachen.

Da ging es etwa um den Eichmann-Prozess, um den Militäreinsatz im Kosovo oder den Völkermord in Ruanda. Und auch das neue Stück des Regisseurs ist durchsetzt von Politischem und Menschlichem zugleich. „Die Pest oder Menschen im Belagerungszustand” - so lautet der Titel.

Und der ist selbstverständlich angelehnt an den Großmeister existentieller Fragen, an Albert Camus. Dessen Roman von 1947 und seine Tagebücher bilden die Grundlage für das Kroesinger-Projekt, das am kommenden Samstag in der Kammer des Stadttheaters Premiere feiert.

Gegen Tod und Tyrannei

Ganz knapp die Handlung: In der Stadt Oran an der algerischen Küste bricht die Pest aus. Ganz Oran wird dadurch in einen Ausnahmezustand versetzt und von der Außenwelt abgeschottet. Es gibt tausende Todesopfer. Die Pest bedroht das menschliche Dasein und wird zum gemeinsamen Gegner. Doch das ist nur die äußere Handlungsebene. Hinter dem Pest-Drama verbirgt sich viel mehr. „Wenn man die Tagebücher von Camus liest, wird eindeutig klar: In Die Pest geht es um die Besetzung Frankreichs durch die Nazis”, erklärt Kroesinger. „Um die Deportationen von Juden, um die vielen Todesopfer im Zweiten Weltkrieg. Und um den französischen Widerstand.”

Gemeinsam sind die Menschen von Tod und Tyrannei bedroht, und sie müssen sich dagegen wehren. Und das tut jeder auf seine eigene Weise. An dieser Stelle, so Kroesinger, tun sich die existentiellen Fragen auf: „Wie verhält man sich im Belagerungszustand? Kann man moralisch handeln oder nicht? Was bedeutet es, zu töten? Für was lohnt es sich zu kämpfen? Diese Fragen müssen sich die einzelnen Figuren stellen.” Auf der Bühne der Kammer werden das drei Männer und drei Frauen sein, gespielt von Julia Brettschneider, Emilia Rosa de Fries, Elisabeth Ebeling, Rainer Krause, Philipp Manuel Rothkopf und Robert Seiler.

Sie alle erzählen die Geschichte, die Erfahrung der Katastrophe, als Gruppe, oder auch - im übertragenen Sinne - als ganze Gesellschaft. „Die Schauspieler wechseln sich als Erzähler-Figur immer wieder ab”, erklärt Kroesinger. „Denn auch im Roman ist bis zum Schluss nicht klar: Wer erzählt? Man kann die einzelnen Charaktere verfolgen, die aber nicht an einen Sprecher gebunden sind.” Diese Rollenwechsel verlangen Mimen wie Zuschauern viel Konzentration ab. Das weiß auch der Regisseur. Deshalb hat er das komplexe Werk von einigen Themen befreit und es auf weniger als 90 Minuten verdichtet. „Ich glaube, das Publikum wird durch die Sprache, die Szenen und die Bilder in einen Sog gezogen. Jeder kann das Stück verstehen. Auch der, der Camus nicht kennt.”

Vor allem aber will Kroesinger den Zuschauer zum Mitdenken einladen. Auch dazu, Camus „Pest” und seine Bearbeitung in die Gegenwart zu übertragen. Etwa auf die demokratischen Bestrebungen in Nordafrika und die Flüchtlingsströme nach Europa. „Letzt­endlich werden grundsätzliche Positionen abgefragt: Wie möchte ich leben? Wie stehe ich selbst zu bestimmten gesellschaftlichen Umbrüchen?” Existenzielle Fragen sind eben doch für jeden etwas.

Die Premiere am Samstag, 7. Mai, 20 Uhr, in der Kammer des Aachener Theaters ist bereits ausverkauft. Weitere Termine: 10., 13., 21., 28. und 31. Mai. Das Stück läuft noch bis Ende Juli. Inszenierung: Hans-Werner Kroesinger, Ausstattung: Rob Moonen, Dramaturgie: Ralph Blase. Karten gibt es an der Theaterkasse und im AN-Ticketshop.