Aachen: Die Drogenszene hat sich stark verändert

Aachen : Die Drogenszene hat sich stark verändert

Vor gut acht Jahren hat in Aachen eine große Diskussion über den Umgang mit der offenen Drogenszene am Kaiserplatz begonnen, die Ende 2011 unter anderem zur Schließung des Drogenkonsumraums führte. Damals war das hoch umstritten.

Vor allem die Suchthilfe Aachen warnte vor diesem Schritt, da sie Sorge hatte, ihre Zielgruppe nicht mehr erreichen zu können. Die Angst war offenbar unbegründet.

Denn nicht nur das Angebot für Drogenkranke hat sich zwischenzeitlich deutlich gewandelt, auch die Szene und ihre Konsumgewohnheiten haben sich in den zurückliegenden Jahren stark verändert. „Mit einem Drogenkonsumraum hätten wir heute wohl ein Angebot für eine sehr exquisite Gruppe“, meint Gudrun Jelich, Geschäftsführerin der Suchthilfe. Die klassischen Fixer, die sich Heroin spritzen, seien in Aachen immer seltener anzutreffen — vor allem jene, die nicht auch zugleich mit Methadon behandelt werden.

Seltener intravenös

Auf diese Zielgruppe war damals der Drogenkonsumraum, der in anderen Städten auch Fixerstube genannt wird, ausgerichtet. Unter hygienischeren Bedingungen sollten sich Junkies dort ihre Spritzen setzen können, zugleich sollte so auch vermieden werden, dass gebrauchte Spritzen auf Spielplätzen, in Blumenbeeten oder anderswo in der Landschaft landen.

Die seltener gewordenen Spritzenfunde heute sind für Jelich Beleg, dass Drogen auch immer seltener intravenös konsumiert werden. Vielfach gebe die Szene heute Kokain den Vorzug vor Heroin, meist allerdings im „Beigebrauch“ zur Methadonsubstitution. Die intensive Arbeit der Suchthilfe in den zurückliegenden Jahren mit neuen Konzepten, neuen Einrichtungen und neuen Angeboten auch rund um den Kaiserplatz hat aus Sicht von Jelich „gut gegriffen“. „Wir können auf die Leute zugehen und auf sie einwirken“, sagt sie. Und: „Wir haben es mit einer relativ verantwortungsbewussten Klientel zu tun.“

Vielfach seien die Schwellen erfolgreich verringert worden, die Drogenkranke überwinden müssen, um Hilfen anzunehmen. Vor Ort gibt es eine ambulante medizinische Versorgung. Die Präventionsarbeit — auch in den Schulen — wurde verbessert. Die Angebote für betreutes Wohnen wurden ausgebaut. Es gibt einen Treffpunkt speziell für drogenkranke Frauen. Und es gibt das Gartenprojekt „Querbeet“, bei dem Abhängige die bislang eher triste Grünfläche am Kaiserplatz mitgestalten. Sie sollen sich nicht nur verantwortlich für die Anpflanzungen fühlen, sondern zugleich auch etwas für ihr eigenes Ansehen und gegen die vielen Anfeindungen aus der Bevölkerung tun können.

Jelich will die Situation am Kaiserplatz und an weiteren Hotspots der Szene insgesamt nicht verklären, betont sie. „Natürlich gibt es auch Menschen, die wir nicht erreichen und die sich unflätig benehmen.“ So unter anderem auch im vergangenen Sommer auf dem Bahnhofsvorplatz. Dann müssten natürlich auch Polizei oder Ordnungsamt einschreiten. In vielen Fällen sei es aber gelungen, für Ruhe zu sorgen und die Situation zu entspannen. Nicht zuletzt habe sich auch der Drogenkonsum vielfach von der Straße weg in private Räume verlagert.

Die Kommunikation mit den Anwohnern und Geschäftsleuten rund um den Kaiserplatz hat sich aus ihrer Sicht vielleicht auch deshalb verbessert und zunehmend versachlicht. So pflegt die Suchthilfe nicht nur den engen Kontakt mit den Ordnungsbehörden, sondern auch mit der Geschäftsführung des Aquis Plaza. „Wir sind auf einem guten Weg“, ist Jelich überzeugt, die für den seit gut fünf Jahren geschlossenen Drogenkonsumraum heute keinen Bedarf mehr sieht. Wichtiger sei gewesen, dass mit der Schließung keine Mittelkürzungen einhergingen. „Das Angebot wurde nicht ausgehöhlt“ — es wurde verändert.

Eine immer wieder geforderte Zerschlagung und Verlagerung der Kaiserplatz-Szene, die ja auch ein Anziehungspunkt für Dealer und andere Kriminelle ist, hält Jelich hingegen weiterhin für problematisch. „Für uns wird es dann schwieriger, diese Menschen zu erreichen, das bringt mehr Probleme.“ Abgesehen davon seien aber auch alle Bemühungen gescheitert, andernorts Räume für die Suchthilfe zu finden, um die Drogenszene zu dezentralisieren. „Uns will niemand in der Nachbarschaft haben“, weiß Jelich. Und auch das in der Vergangenheit diskutierte Vorhaben, Krankenschwestern und Ärzte per Bus an andere Treffpunkte in der Städteregion zu entsenden, ist nicht vorangekommen. „Es scheitert an der Finanzierung“, sagt Jelich. Auch habe man die dafür qualifizierten Ärzte nicht gefunden.

In naher Zukunft werden sich Suchthilfe und Sozialbehörden offenbar mit einem völlig neuen Thema auseinandersetzen müssen, denn der demografische Wandel geht auch an den Drogenabhängigen nicht vorbei. Dank einer verbesserten Gesundheitsversorgung werden auch sie immer älter. Noch sei die Gesellschaft darauf gar nicht vorbereitet, meint Jelich. Man werde die Menschen nicht nur „in die Lage versetzen müssen, sich mehr für sich selber einzusetzen“, sondern man werde einmal mehr völlig neue Hilfsangebote schaffen müssen.

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