Aachen: Die Beverau war einst Teil einer ganz großen Idee

Aachen: Die Beverau war einst Teil einer ganz großen Idee

Der dicht bebaute Aachener Stadtteil Beverau sah vor hundert Jahren ganz anders aus: Aus einem Urwald voller Laubbäume wurde durch Rodungen seit dem Mittelalter eine Kulturlandschaft: Neben dem zurückgedrängten Waldbestand — heute nur noch der Nellessenpark als privater Restwald — entstand ein landwirtschaftlich genutztes Terrain mit Wiesen und Ackerland.

Es wurde Beverau genannt, weil der wasserreiche, viel genutzte Grenzbach gegenüber dem Forster Gebiet, das früher ein Teil des Herzogtums Jülich war, Beverbach hieß.

Nicht nur eine namenlose Nummer: Die ersten Häuser der Beverau bekamen Hausnamen, die auch heute noch an den Fassaden sichtbar sind. Erst 1939 war die Nummerierung komplett. Foto: Andreas Herrmann

Die Beverau gehörte jahrhundertelang nicht zu Aachen, sondern war ein Teil der Burtscheider Reichsabtei, von Nonnen regiert bis zu Napoleon. Das Revier wurde im 19. Jahrhundert geprägt durch zwei große Gutshöfe: Schöntal im Osten und Branderhof im Westen. Haupteigentümer war lange Zeit die Tuchfabrikanten-Familie Nellessen. In der Vorzeit gab es unter anderem noch zahlreiche Mühlen am Beverbach, den Eselsweg in der Mitte als Verbindung von der Frankenburg zum Wald und einen kleinen Weiler mit den Buschhäusern. Später kamen noch etliche Schrebergärten hinzu. Die eigentliche Besiedlung des heutigen Stadtteils Beverau begann aber erst Anfang des 20. Jahrhunderts.

Eine Reihe Aachener Bürger gründete 1911 eine Genossenschaft: die Gartenstadt Beverau. „Gartenstadt“ als Begriff und Idee entstand in England und löste eine weltweite Bewegung aus — mit sehr unterschiedlichen Konzepten und Auseinandersetzungen.

Der Erfinder war der englische Sozialreformer Ebenezer Howard (vgl. Box: „Trabantenstädte als Antwort auf die Landflucht“). Deutsche Städtebau-Reformer knüpften begeistert an Howard an. Sie propagierten eine naturnahe Lebensweise gegen die Verfallserscheinungen der modernen Zivilisationsentwicklungen, besonders gegen soziale Missstände wie Verstädterung, Proletarisierung, Wohnungsnot oder Mietskasernen, zugunsten eines Lebens im Grünen vor den Toren der bevölkerungsreichen Großstädte.

Licht, Luft und Sonne waren die Leitbegriffe. Aber die Deutschen modifizierten das englische Vorbild. Im Gegensatz zu Howard, der keine Schlafstadt wollte, plädierten sie für eine Trennung von Arbeit und Wohnen und für bezahlbare Häuser für die Kleinbürger mit Einzelhausbebauung und Zeilenstruktur statt Blockbebauung.

Schon im Jahre 1902 wurde in Berlin die Deutsche Gartenstadtgesellschaft gegründet — nicht als Bauträger, sondern zur Verbreitung der Gartenstadt-Ideen. In ihrer Satzung steht: „Die deutsche Gartenstadt-Gesellschaft ist eine Propagandagesellschaft. Sie erblickt ihr Hauptziel in der Gewinnung des Volkes für die Begründung von Gartenstädten.“

Die Organisation arbeitete folgenreich mit einer eigenen, werbewirksamen Zeitschrift und engagierte angesehene Architekten und Städtebauer. So kam es ab 1906 zu etlichen durchgrünten Wohnsiedlungen an Stadträndern: also keine eigentlichen Garten-Städte, sondern mehr Garten-Vorstädte. Bekannt und weltweit diskutiert sind bis heute besonders die ersten deutschen Gartenstädte Margarethenhöhe in Essen (von Margarethe Krupp gegründet), Rüppurr in Karlsruhe und Hellerau in Dresden — aber auch in anderen Ländern bis nach China, wo mehrere Gartenstädte in den letzten Jahren international ausgezeichnet wurden.

Anhänger unterschiedlicher Lebensreform-Bewegungen suchten Verbindung mit der Gartenstadt-Bewegung. George Orwell spottete über die Reformgeister: „Fruchtsaftapostel, Sandalenträger und Pazifisten …“. Die bürgerlichen Kräfte der maßgebenden Akteure setzten sich durch und verbreiteten ein architektonisch differenziertes Gefüge von kleinen Gartenstädten quer durchs Land — allerdings ohne die großen Städtebau-Probleme damit zu lösen. Auch der Nationalsozialismus und andere Ideologien benutzten „Gartenstadt“ als Aushängeschild für teilweise missbräuchliche Zwecke und verwässerten das ursprünglich so idealistische Ziel.

Charakteristisch für die komplexe Bewegung war neben der Propagierung des Eigenheims der Garten in der durchgrünten Stadt als Leitmotiv. Der produktive Gemüsegarten wurde nicht nur als Mittel zur materiellen Existenzsicherung durch Selbstversorgung betrachtet. Diesen Nutzen hat Alfred Krupp ebenso geschätzt wie die späteren chinesischen Kulturrevolutionäre.

Doch es gab gleichzeitig auch andere Motive: Garten als Mittel zur Kompensation der Arbeitswelt (Reuß), als Faulenzer-Paradies vor der Haustür (Borg-stadt), als „Erdung“, als Wertschätzung gesunder Ernährung. Harrison sah darin einen Weg von der Kultivierung des Bodens zur Kultivierung des Geistes. Gerade durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung des Auseinanderfallens von Produktion und Reproduktion, von Wohnen und Arbeiten in der Industriegesellschaft sah man im Gartenbau einen individuell verfügbaren kreativen Produktionsbereich — oder auch die private Illusion von Heimat. Das waren harmonisierende bürgerliche Vorstellungen — kein Klassenkampf („Existenzsicherung ist Sache der Lohnkämpfe, Garten ist Ort der Erholung!“), obwohl Führungsgestalten der Gartenstadtbewegung antikapitalistische Sozialdemokraten waren.

Insgesamt hat aber Howards Idee eine breit gefächerte Zustimmung und nachhaltige Wirkung bis zur Gegenwart erfahren: Die Gartenstadt war das „organische“ Gegenbild zur kritisierten Stadt durch Rückkehr zur Natur. Aber es blieben auch besorgte Fragen offen, die auch heute kommunalpolitisch aktuell sind, ob nicht „flächenfressende Eigenheimgebiete nachträglich verdichtet werden müssen, um die Stadtränder nicht noch weiter zu verfasern“ (Zimmermann). Und manche belanglose Siedlung benutzte nur das werbekräftige Etikett Gartenstadt.

In Aachen vollzog sich die Gründung weniger spektakulär mit einer beschränkten sachlichen Zielsetzung. Am Bau eines Eigenheims interessierte Aachener Bürger schlossen sich 1908 zunächst zu einem Gartenstadt-Verein zusammen. Aus ihr ging 1911 die „Gartenstadt Beverau/eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht“ hervor. Sie wurde von 58 Mitgliedern gegründet und 1912 in das Genossenschaftsregister eingetragen. In ihrer Satzung wurde festgelegt: „Der Zweck der Genossenschaft ist ausschließlich darauf gerichtet, Minderbemittelten gesunde und zweckmäßig eingerichtete Wohnungen mit Gärten in eigens erbauten oder angekauften Häusern zu billigen Preisen zu verschaffen.“

Die Genossenschaft erwarb auf einem Gelände an fünf späteren Straßen 54 Parzellen (und verkaufte sie in der Bauzeit an die Genossenschaftsmitglieder) im Bereich der heutigen Erzbergerallee, parallel dazu Auf Beverau und Im Grüntal, und seitlich im rechten Winkel (Richtung Beverbach) Au-straße und Dedolphstraße. Dieses Areal war das noch offene Hinterland des Frankenberger Viertels, das Ende des 19. Jahrhunderts entstand — mit dem Abschluss der Herz-Jesu-Kirche und des Bahndamms der Strecke Aachen-Köln.

Die Aachener Architekten Ferdinand und Josef Heusch erhielten von der Genossenschaft die Bauplanung. Im Januar 1913 wurden Pläne bei der Stadt Aachen eingereicht, die nicht genehmigt wurden und korrigiert werden mussten. Doch 1914 konnte mit dem Bau begonnen werden. Geplant waren rund 200 Häuser für etwa 1200 Personen. Die meisten Ein- und Zweifamilienhäuser waren Doppelhäuser und einige Dreierhäuser mit sehr kleinen Vorgärten und relativ großen, aber schmalen Gärten.

Die ersten Beverau-Häuser als Einfamilien-Doppelhäuser wurden 1915, also genau vor 100 Jahren, bezogen — mitten im Ersten Weltkrieg — auf dem Gelände der heutigen Straße Auf Beverau. Später folgten einige am Buschhausener Weg, der heute Erzbergerallee heißt. So entstand der Stadtbezirk IX, später mit der Bezeichnung „Beverau“.

Straßen, Bürgersteige, Straßennamen und Hausnummern gab es zunächst noch nicht. Bis 1935 waren die Bewohner „in den dunklen Jahren zum Schutz vor Dieben und Einbrechern auf ihre Hunde angewiesen, die steuerlich auch als Wachhunde anerkannt waren“ (Reiff). Die erste errichtete Häusergruppe wurde provisorisch „der Starz“ genannt. Das war der Reviername des Burtscheider Äbtissinnen-Waldes: Mafrauenstarz. Und die einzelnen Häuser bekamen zur Kennzeichnung eigene Hausnamen — wie in alten Zeiten bis 1794 vor der Franzosenherrschaft — so zum Beispiel „Eintracht“ und „Waldfried“, die heute noch an den Häuserfassaden sichtbar sind. Erst 1939 war die Nummerierung komplett.

Der Krieg verzögerte zwar den Ausbau der neuen Siedlung, dennoch wurden im Ersten Weltkrieg immerhin neun Wohnungen fertiggestellt. Nach dem Krieg ging es nur schleppend weiter. Schließlich entstanden an den fünf genannten Straßen 55 Einfamilien- und Zweifamilien-Häuser bis zum Jahr 1936, als die Genossenschaft mit über 120 Mitgliedern aufgelöst wurde. Die Stadt übernahm die nicht verkauften Grundstücke der Genossenschaft.

Die Gartenstadt-Idee wurde in der Nachkriegszeit in Aachen außerhalb der Beverau in mehreren neu errichteten Siedlungen weitergeführt, so im benachbarten Revier der „Heimgärten“. Aber auch auf der Beverau selbst waren die weiteren Siedlungen und auch Einzelhäuser vor und nach dem Zweiten Weltkrieg inspiriert vom Leitbild der Gartenstadt.

Zunächst trat die GAGFAH (Gemeinnützige Aktiengesellschaft für Angestellten-Heimstätten) ab 1934 in die Fußstapfen der Genossenschaft Gartenstadt Beverau und errichtete auf der Beverau ihre Typen-Häuser in bescheidener Serienbauweise. Spektakulärer traten dann nach dem Zweiten Weltkrieg die Papageienhäuser mit 182 Wohnungen aus der Marshallplan-Initiative in Erscheinung: extrem billige und bunte Mini-Häuser mit Mini-Gärten. Bezeichnend für die ganze Siedlungsgeschichte ist der sichtbare Prozess einer fortschreitenden Reduzierung der Häusergrößen mit kostensparender Typisierung der Bauformen und Bauelemente.

Fazit: Hundert Jahre Beverau-Besiedlung — gestartet unter dem Motto Gartenstadt, aber mit wachsender Verflachung seines Leitbildes, das „allmählich entwertet“ wurde.

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