Aachen: Die beiden Großen sind die Gewinner

Aachen: Die beiden Großen sind die Gewinner

Die beiden großen Parteien CDU und SPD können sich als Gewinner fühlen, die Kleinen verlieren und die FDP stürzt dramatisch ab. Auch die Aachener erlebten am Sonntag einen überraschenden Wahlabend mit einer Zitterpartie für die beiden Spitzenkandidaten von CDU und SPD, die am Ende CDU-Mann Rudolf Henke doch deutlich für sich entscheiden konnte.

Ganz Gentleman überließ Henke seiner Kontrahentin Ulla Schmidt jedoch den Vortritt: Gut eine Viertelstunde, bevor er sich für seine Wiederwahl von seinen Anhängern feiern ließ, zog Ulla Schmidt kurz nach 20 Uhr unter dem frenetischen Jubel ihrer Genossen im Krönungssaal des Rathauses ein. Zu diesem Zeitpunkt stand so gut wie fest, dass Aachen wieder drei Abgeordnete nach Berlin entsendet: Neben Henke auch die Sozialdemokraten Ulla Schmidt und Andrej Hunko (Linke), die beide über die Liste den Einzug in den Bundestag schaffen.

„Ulla, Ulla“-Rufe für die SPD-Kandidatin Ulla Schmidt: Sie hat deutlich hinzugewinnen können und wurde wie eine Siegerin gefeiert. Doch für den Bundestag muss die Liste ziehen. Foto: Harald Krömer

„Ulla, Ulla“ skandierten ihre Parteifreunde. Sie hielten vorbereitete Pappschilder mit der Aufschrift „Danke Ulla“ hoch, und fast hätte man denken können, die Sozialdemokratin habe das Direktmandat zurückgewonnen. Doch dafür fehlten am Ende doch gut fünf Prozent. Allein, dass die Schmach von vor vier Jahren wieder wettgemacht werden konnte, war Grund genug für helle Freude bei der SPD.

„Gewinnerin der Herzen“

„Ulla ist die Gewinnerin der Herzen in Aachen“, rief Parteichef Karl Schultheis aus. Dass die Aachener SPD auch bei den Zweitstimmen gut fünf Prozent hinzugewinnen konnte und damit deutlich über dem Bundesschnitt liegt, ließ die Stimmung bei den Aachener Genossen hochkochen. Von einem „sehr erfreulichen Ergebnis“ sprach Schultheis. „Auf Bundesebene habe ich mir das anders vorgestellt“, erklärte Schmidt. „Aber für Aachen ist das eine gute Ausgangsbasis für die nächste Wahl.

Erst nachdem der minutenlange Applaus auf Seiten der SPD verklungen war, hatte Henke seinen Auftritt. Und der fiel nicht weniger enthusiastisch aus. Begleitet von „Rudolf, Rudolf“-Rufen rief er seinen Leuten zu: „Ihr seid eine tollte Truppe. Wir haben noch zugelegt.“

Seiner Kontrahentin Ulla Schmidt bescheinigte er einen „tollen und enorm professionellen Wahlkampf“. Sie habe verdient hinzugewonnen, sagte er. Umso mehr zeigte er sich aber auch erleichtert und „richtig froh“, erneut „ein starkes Mandat für Aachen“ geholt zu haben. Schon am Dienstag wird er nach Berlin fahren und die Weichen für eine neue Regierung mit einer Kanzlerin Angela Merkel mitstellen. Auch für Aachen wolle er „das Beste aus dem Ergebnis machen“.

Bei aller Freude machten sich jedoch nicht wenige CDU-Anhänger auch Gedanken darüber, warum das Ergebnis vor Ort doch deutlich schwächer ist als im Bundesschnitt. Ist das auch auf die innerparteilichen Querelen vor Ort zurückzuführen? Das „Thema Geschlossenheit“ muss sicher nochmal diskutiert werden, meinte am Abend auch Oberbürgermeister Marcel Philipp, der sich ansonsten als Wahlleiter strikt neutral verhielt. Auch CDU-Parteichefin Ulla Thönnissen blieb etwas nachdenklich, zeigte sich ansonsten aber „sehr zufrieden“ mit dem Wahlergebnis ihrer Partei.

Das blanke Entsetzen herrschte hingegen bei der FDP, die auch in Aachen fast neun Prozent der Stimmen verliert. Früh, sehr früh und schwer genervt verließen deren Mitglieder den Krönungssaal. Gemeinsames Wundenlecken im „Goldenen Schwan“ gleich gegenüber vom Rathaus war angesagt. Hämischen Applaus über das Ausscheiden der Liberalen aus dem Bundestag wollten sie nicht ertragen. Einige Ratsmitglieder hatten die Tränen in den Augen. Tapfer hielt die Direktkandidatin Birgit Haveneth noch am längsten die Stellung. „Bei den Zweitstimmen sind wir wenigstens besser als im Bund“, hielt sie sich zugute. Den Wahlkampf aber behält sie als „unter Niveau“ in Erinnerung. Viele Beschimpfungen und Beleidigungen habe sie ertragen müssen.

„Sympathiewerte gegen Null“

Dass die Stimmung nach dem Höhenflug vor vier Jahren derart umgekippt ist, führt Aachens FDP-Parteichef Alexander Heyn vor allem auf das Personal im Bund zurück. „Über die krachende Landung muss man sich nicht wundern, wenn die Sympathiewerte der Spitzenkandidaten gegen Null tendieren.“ Er sehe jedoch eine Chance auf Erneuerung. „Der Hoffnungsträger heißt Christian Lindner.“

Ganz so übel hat es die Aachener Grünen nicht getroffen, doch auch bei ihnen überwogen die betretenen Mienen. „Es ist kein Desaster, aber auch kein Grund zum Jubeln“, meinte Geschäftsführer Jochen Luczak, der noch vor vier Jahren 13,4 Prozent als Direktkandidat holen konnte. Sein junger Nachfolger Andreas Mittelstädt holte diesmal 4,5 Prozent weniger. Er sei erst seit zwei Jahren dabei und noch „ein unbeschriebenes Blatt“, da wolle er sich nicht beschweren, sagte der 25-Jährige.

Gleichwohl bedauert er es, dass vor allem die Steuerdebatte und der Veggieday und zuletzt auch noch das Pädopholie-Thema den grünen Wahlkampf geprägt habe. „Es ist uns nicht gelungen unsere anderen Tehmen in den Vordergrund zu stellen.“ Immerhin: Aachen ist mit einem Zweitstimmenergebnis von über 13 Prozent immer noch eine Grünen-Hochburg.

Ein gutes Pflaster ist Aachen auch für die Linken, die kaum verlieren und mit knapp 7,7 Prozent deutlich über dem Landesschnitt liegen, wie ein zufriedener Andrej Hunko feststellte. Er schafft erneut den Einzug in den Bundestag und freut sich, nun in der drittstärksten Fraktion mitarbeiten zu können. „Im Westen sind wir gut verankert“, sagte er auch mit Blick auf das Ergebnis in Hessen, „das war mir wichtig.“

Und dann war da auch noch der Newcomer des Jahres — die Alternative für Deutschland, die auch in Aachen mit einem Direktkandidaten ins Rennen gegangen ist: Uwe Bahmann hatte auf ein zweistelliges Ergebnis für seine AfD gehofft, am Ende landete seine Gruppierung in Aachen nur bei 3,1 Prozent — deutlich weiter von der Fünfporzenthürde entfernt als im Rest des Landes. Das Ergebnis sei dennoch „sehr positiv“, sagte er. „Wir hatten ja nur sechs Monate Zeit.“ Für die kommenden Wahlen sei das ein „Supersignal und eine große Motivation“. Seite 27

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