Aachen: „Die Bäume sind in Lauerstellung“

Aachen : „Die Bäume sind in Lauerstellung“

Es muss einen unglaublich lauten Knall gegeben haben, als der etwa 300 bis 400 Kilogramm schwere Ast einer Buche im Von-Halfern-Wald am vergangenen Donnerstagnachmittag abgebrochen und zu Boden gefallen ist. Zumindest war der Knall so laut, dass besorgte Anwohner des Ronheider Bergs sofort Förster Wolfgang Kirch kontaktierten.

Der eilte zum Unfallort, um nachzusehen, ob auch wirklich niemand verletzt wurde. „Die Anwohner befürchteten schon, dass vielleicht jemand unter dem Ast liegt“, sagt er. Doch Glück gehabt. Es ist nichts weiter passiert — zumindest wurde niemand verletzt. Der Baum hingegen hat einen riesigen Ast verloren. „Das war ein Sommerbruch“, sagt Kirch.

Förster Wolfgang Kirch hat aufgrund aufmerksamer Nachbarn des Von-Halfern-Waldes einen sogenannten Sommerbruch bei einer Buche entdeckt. Der Baum war völlig gesund, doch die Trockenheit machte ihm wohl zu schaffen. Foto: Michael Jaspers

Und solche Brühe kommen in Trockenzeiten wie denen der vergangenen Wochen leider immer mal wieder vor. „Wenn Äste nach einer langen Trockenperiode ohne ersichtlichen Grund aus einer Krone brechen, spricht man vom sogenannten Grünast- oder Sommerbruch. Durch anhaltende Trockenheit kann der Baum nicht genügend Wasser aus dem Boden in die Stämme und Krone bringen. Dadurch verliert das Holz an der nötigen Spannung, um das Gewicht eines belaubten Astes noch ausreichend zu halten. Das Zugholz auf der Oberseite reißt und der Ast bricht“, erklärt Nino Polaczek-Keilhauer vom Fachbereich Baumpflege, Baumkontrolle und Mähkolonne des Aachener Stadtbetriebs.

Gerd Krämer vom Umweltamt und sein Hund Luke haben ebenfalls ein wachsames Auge auf den Aachener Wald. Die Bäume reagieren deutlich auf die Hitze, produzieren beispielsweise viel mehr Früchte (links). Doch wo möglicherweise ein Astbruch droht, das zeigen die Pflanzen nicht an. Foto: Michael Jaspers

Das bisschen Regen der vergangenen Tage hat da zwar gut getan. Doch wird das Wasser die tiefen Wurzeln der meisten Bäume, die einige Meter unter der Erde liegen, nicht unbedingt erreicht haben. Derzeit profitieren eher Gräser und andere Pflanzen mit Wurzeln direkt unter der Erde von dem Regen, daher werden Wiesen auch gerade wieder grüner. Zudem, so sagt Kirch, sei der Aachener Boden sehr sandig, da sacke das Wasser einfach ab. Daher arbeitet die Stadt Aachen eng mit der Feuerwehr zusammen und gießt und gießt und gießt. „Außerdem sind die Bäume gut gepflegt, das zahlt sich jetzt aus“, so Polaczek-Keilhauer.

Gerd Krämer vom Umweltamt und sein Hund Luke haben ebenfalls ein wachsames Auge auf den Aachener Wald. Die Bäume reagieren deutlich auf die Hitze, produzieren beispielsweise viel mehr Früchte (links). Doch wo möglicherweise ein Astbruch droht, das zeigen die Pflanzen nicht an.

Bäume stehen unter Stress

„Die Bäume stehen momentan ganz klar unter Stress. Das sieht man auch daran, dass sie mehr Früchte tragen und viele Blätter abwerfen“, sagt Förster Kirch. Die Früchte wachsen, weil der Baum im Falle eines Absterbens sein Überleben durch Nachkömmlinge sichern will. Die Blätter werden abgeworfen, um sie nicht mehr versorgen zu müssen. Allerdings behalten die Bäume auch bewusst einige Blätter. Denn: „Sie sind in Lauerstellung.“

Wichtig sei für die Pflanzen jetzt, den Stamm und die Wurzeln zu schützen und mit Wasser zu versorgen. Auf einige Blätter oder sogar Äste können die Bäume daher verzichten, um ihr Überleben zu sichern.

Obwohl die Situation laut Gerd Krämer, Leiter des Fachbereichs Umwelt der Stadt Aachen, und Wolfgang Kirch im Aachener Wald noch recht entspannt ist, komme es dennoch vor, dass Bäume Äste einfach abwerfen — und das kann in der Innenstadt in Parkanlagen oder Alleen auch im Zweifel gefährlich werden.

„Es gibt viele Theorien, weshalb das passiert“, sagt Kirch. Bricht ein Ast nachmittags, dann sei das oft ein Indiz für einen Sommerbruch. Denn dann ist die heißeste Phase des ohnehin schon heißen Tages erreicht und der Baum leidet sozusagen am meisten. Davon betroffen sind vor allem Pappeln und Weiden, die sehr weiches Holz haben. Dicht gefolgt von Buchen, Kastanien und Eichen. Doch trotz aller Theorien gibt es keine wasserdichte Erklärung für einen solchen Bruch. „Die Theorie, dass der Baum das Wasser aus den Ästen zieht und sie deshalb brechen, wird auch oft hinterfragt. Denn weshalb bricht dann nur ein Ast ab? Und warum nicht an mehreren Bäumen?“, sagt Kirch. Das sei ein sehr komplexes Thema und noch nicht so ganz erforscht.

Im Wald sei das nicht mal so schlimm, wenn ein Ast bricht, sagen Krämer und Kirch. Denn dort fangen sich die Bäume gegenseitig ab. Und durch den vielen Schatten kommen Brüche selten vor und führen sehr selten zu Unfällen. „In der Stadt und in den Parks ist es da schon anders“, sagt Kirch. „In Aachen sind mir aktuell nur sehr wenige Fälle bekannt. Allerdings gab es einen Sommerbruch an der großen Buche auf dem alten evangelischen Friedhof im Stadtpark. „Dort ist zum Glück niemand zu Schaden gekommen“, sagt Polaczek-Keilhauer.

Warnhinweis gibt es nicht

Dennoch könne man sich nicht völlig vor einem möglichen Astbruch schützen, da auch nie abzusehen sei, ob und wann ein Baum einen akuten Wassermangel habe und einen Ast nicht länger halten könne. Einen natürlichen Warnhinweis gebe es nicht. Die Baumkontrolleure, die in der Stadt unterwegs sind, versuchen die kleinsten Indizien zu finden. Doch ganz so einfach sei das nicht. Bei der Kontrolle im Frühjahr wird sich dann erst zeigen, wie sehr die Bäume wirklich unter der Trockenzeit gelitten haben.

Denn: „Der Ast, der im Wald abgebrochen ist, war völlig gesund“, sagt Kirch. Der Abbruch bleibt also ein kleines Mysterium. Und doch gebe es keine konkrete Warnung für den Aachener Wald. „Im Wald ist man immer auf eigene Gefahr unterwegs“, sagt Krämer. Der Von-Halfern-Wald ist rund zweieinhalbtausend Hektar groß und reicht vom südlichen Aachen bis zur Himmelsleiter. „Unser Glück ist, dass es einen sehr großen Anteil an Laubholz gibt. Das sind knapp 60 Prozent, 40 Prozent machen die Nadelhölzer aus“, so Kirch weiter. Dieser Mix sei für die Bewirtschaftung sehr angenehm.

Für alle Spaziergänger und Sonnenanbeter bleibt daher nur eine Empfehlung, keine Warnung: Bei großen Bedenken sollte man sich momentan nicht dauerhaft unter großen Bäumen mit ausladenden Ästen aufhalten. „Sollte das Wetter aber weiteren Regen bringen und sollten zeitnah keine heftigen Stürme aufziehen, wird es keine weiteren Sommerbrüche geben“, sagt Polaczek-Keilhauer.

Und auch der Aachener Wald wird sich dann erholen. „Noch gibt es keinen direkten Schaden auf allen Bäumen. Vielleicht bei einzelnen. Aber die Bäume sind sehr alt, sie wissen sich schon zu versorgen, sonst würden sie nicht bereits über so viele Jahre hier stehen“, sagt Förster Kirch.

Mehr von Aachener Nachrichten