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Die Aufräumarbeiten im Aachener Wald laufen nach den Sturmtiefs noch

Aufräumen im Aachener Wald : Mit schwerem Gerät gegen das „All-you-can-eat-Buffet“

Stürme, Hitze, Borkenkäfer

In Zeiten von Corona suchen besonders viele Aachener den Wald auf. Dort ist zurzeit auch schweres Gerät am Werk. Denn die Aufräumarbeiten nach den Sturmtiefs im Februar laufen noch immer. Doch die Zeit drängt.

Wenn der Harvester zuschlägt, dann ist Widerstand zwecklos. Mit seinem langen Kranarm greift sich die 20 Tonnen schwere Holzernte-Maschine im Aachener Waldstück rund um Grüne Eiche die Fichte. Und dann geht es ganz schnell. Sägen, fällen, entasten. Entrinden und in fünf bis sechs Meter lange Stämme schneiden. Gerade mal 30 Sekunden vergehen, bis der einst stattliche Baum in seine Einzelteile zerlegt ist. 50 bis 60 Jahre dürfte besagte Fichte alt gewesen sein, schätzt Gerd Krämer.

Aus Vergnügen lässt der Leiter des Gemeindeforstamts Aachen den Baum wahrlich nicht fällen. Die Arbeiten mit dem schweren Gerät einer belgischen Spezialfirma, die nach den Ostertagen im Öcher Bösch begonnen haben, gehören vielmehr zum „Katastrophenmanagement“, in dem sich die Mitarbeiter des Forstamts laut Krämer seit mehr als zwei Jahren befinden. Begonnen habe dieses im Januar 2018 mit Sturmtief „Friederike“, berichtet er. Und seitdem sei der Wald nicht mehr zur Ruhe gekommen. Sturm, Hitze, Trockenheit, Sturm. Und natürlich: der Borkenkäfer.

 Gerd Krämer, Leiter des Gemeindeforstamts Aachen, hofft, dass der Aachener Wald mit einem blauen Auge davonkommt.
Gerd Krämer, Leiter des Gemeindeforstamts Aachen, hofft, dass der Aachener Wald mit einem blauen Auge davonkommt. Foto: Harald Krömer

Letzterer ist auch der Grund, warum die Zeit drängt. Denn noch immer laufen die Aufräumarbeiten nach den Stürmen „Sabine“ und „Victoria“, die im Februar gewütet haben. Mindestens 8000 Kubikmeter Holz müssten nach Schätzungen des Forstamtsleiters allein infolge der Sturmschäden beseitigt werden. Das entspricht etwa 230 Lkw-Ladungen. Besonders stark gebeutelt seien in Aachen der Preuswald und der Brander Wald. Doch auch an anderen Stellen können Spaziergänger immer noch zahlreiche entwurzelte Bäume sehen. Betroffen seien fast ausschließlich Fichten.

Dass sich die Beseitigung der Sturmschäden hinzieht, hat auch mit einer Erkrankung zu tun, die Bäumen eigentlich nichts anhaben kann. Wegen des Coronavirus mussten zahlreiche Sägewerke und andere Unternehmen der Papierindustrie ihren Betrieb schließen oder zumindest stark einschränken. Entsprechend haben sich die potenziellen Abnehmer für das Holz deutlich reduziert. „In einem normalen Jahr wäre so ein Sturm innerhalb eines Monats erledigt gewesen.“

 Schweres Gerät: Der sogenannte Harvester, eine Baumerntemaschine, fällt den Baum, entfernt Äste und Rinde und zerkleinert ihn – und das innerhalb von 30 Sekunden.
Schweres Gerät: Der sogenannte Harvester, eine Baumerntemaschine, fällt den Baum, entfernt Äste und Rinde und zerkleinert ihn – und das innerhalb von 30 Sekunden. Foto: Harald Krömer

Jetzt hofft Krämer, dass die belgische Spezialfirma mit ihrem Harvester noch möglichst lange in Aachen Station macht. Arbeit für drei bis vier Wochen wäre genug da. Ärgerlich sei diese Verzögerung vor allem auch deshalb, weil aufgrund der aktuellen Einschränkungen des öffentlichen Lebens besonders viele Aachener im Wald spazieren gehen.

Der Gewinner dieses unnormalen Jahres könnte wieder mal der Borkenkäfer sein. Für den seien herumliegende Bäume ein „All-you-can-eat-Buffet“, sagt Krämer. „Es ist immer gefährlich, wenn Bäume im Wald liegenbleiben. Da vermehren sich Borkenkäfer besonders gerne.“ Und das nicht zu knapp. Ein Weibchen könne im Jahr rund 100.000 Nachfahren produzieren, erläutert der Forstamtschef. Haben die einmal zugeschlagen, schadet das nicht nur dem befallenen Baum und all jenen, auf die der Käfer übergreifen könne. Das Holz lasse sich ab einem bestimmten Punkt auch nicht mehr verkaufen.

Umso wichtiger sei, dass die Bäume schnell entfernt oder zumindest mit dem Harvester entrindet werden. Ohne diese Schutzschicht seien die Baumstämme für den Borkenkäfer nicht mehr interessant, erklärt Jouck Lorenz, Holzeinkäufer des belgischen Forstunternehmens Sapin, das seit Dienstag mit schwerem Gerät im Aachener Wald tätig ist. Die Baumstämme werden nun zu Bauholz, Spanplatten und Paletten verarbeitet. Papier werde aufgrund von Corona zurzeit nicht hergestellt.

 Baum fällt! Seit den Ostertagen sieht man das im Aachener Wald immer häufiger. Die Stadt Aachen ist immer noch damit beschäftigt, Sturmschäden von Februar zu beseitigen.
Baum fällt! Seit den Ostertagen sieht man das im Aachener Wald immer häufiger. Die Stadt Aachen ist immer noch damit beschäftigt, Sturmschäden von Februar zu beseitigen. Foto: Harald Krömer

Wie sich der Holzmarkt in den kommenden Wochen und Monaten entwickeln werde, ist nach Ansicht des Holzeinkäufers völlig offen. Schließlich versucht nicht nur die Stadt Aachen, ihre Bäume an den Mann zu bringen. So viel steht zumindest fest: „Der Holzpreis ist katastrophal.“ Während man für einen stehenden Baum vor zehn Jahren noch etwa 65 Euro bekommen habe, seien es jetzt gerade mal zehn Euro, sagt Forstamtsleiter Krämer. Entsprechend groß sei demzufolge auch der wirtschaftliche Schaden für die Kommunen.

Ob der noch größer wird, sollten die kommenden Wochen zeigen. Dann werde man sehen, wie viele Borkenkäfer den Winter überlebt haben. Gerd Krämer hofft, dass der Aachener Wald auch durch die aktuellen Maßnahmen mit einem blauen Auge davonkommt. Gleichzeitig rechnet er fest damit, dass dem Schädling auch dieses Jahr noch Tausende Kubikmeter Holz zum Opfer fallen werden.