Aachen: Diallos Traum: In Aachen leben und arbeiten

Aachen : Diallos Traum: In Aachen leben und arbeiten

Ob seine Mutter noch lebt, weiß er nicht. Sein Vater soll 2008 gestorben sein — hat er zumindest gehört. Damals war er gerade 16 Jahre alt und schon fort von zu Hause. Fort, weil er Lernen wollte — aber niemand ihn ließ. Für Diallo war eine Zukunft auf dem Feld vorbestimmt.

Mittlerweile hat der junge Mann einen Hauptschulabschluss und steht unmittelbar vor dem Abschluss seiner Berufsausbildung zum KFZ-Servicemechaniker. Die theoretische Prüfung ist bestanden, nächste Woche steht die praktische an. „Die wird kein Problem“, sagt er. Ein guter Grund, selbstbewusst in die Zukunft in der Autowerkstadt Unicar in Aachen zu blicken, die ihn nach der Ausbildung unbedingt übernehmen will. Seine Stimme klingt jedoch eher resigniert.

Diallo heißt mit Vornamen Abdourahimi. Seine Kollegen aber rufen ihn beim Nachnamen. „Das ist einfacher“, sagt sein Chef Kai Lorenz. Der 22-Jährige stammt aus dem westafrikanischen Land Guinea, das jüngst wegen der Ebola-Epidemie Schlagzeilen machte. Nach dem deutschen Gesetz muss er nach dem Ende seiner Ausbildung wieder dorthin zurück, denn eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung hat er nicht.

Leben auf der Straße

Was ihn zurück in Guinea erwarten würde, weiß Diallo nicht genau. Sicher sind ihm jedoch Armut und ein Leben auf der Straße. Guinea ist von großer Armut geprägt, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt nur bei Anfang 40. Das Land bekennt sich zwar zu Menschen- und Bürgerrechten, grausame Verstöße offenbarten das jedoch in der Vergangenheit schon als Lippenbekenntnis. Korruption und Vetternwirtschaft sind Alltag. Eine Aufenthaltsgenehmigung könnte Diallo bekommen. Allerdings hat er keinen Pass, und den braucht er nach deutschem Recht dafür. Von der Ausländerbehörde wurde er bereits aufgefordert, sich das Papier zu besorgen. Eine Lösung?

Botschaft kann nicht helfen

Aus der Botschaft der Republik Guinea ist jedenfalls nicht viel Hoffnungsvolles zu vernehmen. Bis vor circa sechs Monaten habe es noch so genannte Proxy-Pässe gegeben, erklärt die Sekretärin des Botschafters. Die konnte man aus dem Ausland durch Verwandte oder Bekannte — so alle Daten vorhanden und richtig und der Antrag korrekt gestellt war — abholen und auf dem Postweg schicken lassen. Mittlerweile gebe es aber neue Pässe, die biometrische Daten enthielten. Dafür müsse der Antragsteller persönlich nach Guinea, denn nur dort gebe es die Möglichkeit, Pässe auszustellen. In der Botschaft sei das nicht möglich.

Allerdings muss die Sekretärin selbst diese Möglichkeit relativieren: „Nicht einmal in Guinea gibt es derzeit genug Pässe und der Wechsel zum neuen Pass läuft sehr zäh an.“ Die Situation in dem west-afrikanischen Land sei, auch wegen der Ebola-Epidemie, im Moment chaotisch. Zwar gibt es neben dem neuen Pass auch ein Ersatzpapier, das „Travel Document“, erklärt sie weiter.

Es erlaube jedoch nur die einmalige Einreise nach Guinea und ist für Personen gedacht, die aus dem Ausland nach Guinea ausgewiesen werden oder zurück möchten, aber keine Papiere haben. Es sei peinlich aber wahr: für Menschen mit Problemen wie dem von Abdourahimi Diallo gebe es momentan keine Lösung. Die Politik in Berlin habe man informiert und es sei auch Hilfe zugesagt worden, wann das aber soweit sei — darauf könne niemand eine fundierte Antwort geben.

Immerhin: „Diallo kann nicht abgeschoben werden“, erklärt zumindest erklärt Diallos Anwalt, und liefert den Grund gleich hinterher: die fünf Monate alte Tochter des jungen Mannes. Es sei unverhältnismäßig hart für das Kind, wenn der Vater es für die Zeit der Passbeschaffung in Guinea zurücklassen müsse, ohne überhaupt sicher sein zu können, jemals zurückkehren zu können. Wenn Diallo nicht abgeschoben wird, bekäme er eine Duldung, die mit Blick auf die Abschiebung eine aufschiebende Wirkung hat. Diallo dürfte sich damit nicht frei bewegen und nicht automatisch eine Arbeit aufnehmen.

„Die Ausländerbehörde kann nichts machen“, erklärt Detlef Funken, Pressesprecher der Städteregion Aachen. „Die Behörde vor Ort kann sich nicht über die Gesetze hinwegsetzen, sie hat in dieser Hinsicht keinen Ermessensspielraum.“ Nur eine Institution in Nordrhein-Westfalen habe den: die Härtefallkommission des Innenministeriums. „Wir sehen das unter den gegebenen Umständen als den aussichtsreichsten Weg an, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen“, sagt Funken.

Für Diallo ist das noch kein Rettungsanker, aber zumindest ein Hoffnungsschimmer. Er will der Härtfallkommission in Düsseldorf seinen Fall schildern. Vielleicht wird er dann in Ruhe sein Traumleben antreten können, das eigentlich sehr bescheiden klingt: in Aachen und bei seiner kleinen Tochter bleiben. Und nicht von morgens bis abends auf einem Feld, sondern als Geselle in einer Autowerkstatt arbeiten.

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