Aachen: Deutsch-Israelische Gesellschaft bangt um ihre Existenz

Aachen : Deutsch-Israelische Gesellschaft bangt um ihre Existenz

Die Zukunft der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Aachen (DIG Aachen) hängt wegen schwerwiegender finanzieller Probleme offenbar am seidenen Faden. Hintergrund sind finanzielle Unregelmäßigkeiten, die bereits im Frühjahr zum Rücktritt des Schatzmeisters geführt haben.

Im Zuge der vereinsinternen Ausein­andersetzungen hat am vergangenen Sonntag nun auch der langjährige Vorsitzende Axel H. A. Holst seinen Rücktritt erklärt.

Zu seinen Beweggründen wollte sich Holst auf Anfrage der „Nachrichten“ nicht äußern. Ebenso wenig wollte er zu Finanzproblemen Stellung nehmen, die den Verein nun in echte Existenznöte bringen könnten. Weil offenbar über Jahre hinweg Gelder vom Vereinskonto abgezweigt wurden, droht der DIG-Aachen die Aberkennung der Gemeinnützigkeit.

Auch stehen Nachforderungen seitens des Finanzamtes im Raum. Für die DIG Aachen, die unabhängig von der DIG auf Bundesebene agiert und aktuell rund 180 Mitglieder hat, könnte dies das Ende bedeuten.

Maßgeblich geprägt

Es wäre auch so etwas wie der Zusammenbruch des Lebenswerks von Holst, der den Verein 38 Jahre lang maßgeblich geprägt hat. Die DIG Aachen setzt sich unter anderem mit Studienfahrten sowie Schüler- und Jugendaustauschmaßnahmen für die guten Beziehungen zwischen Israel und Deutschland ein.

Einen Namen hat sich der Verein auch durch die Ehrenpreise gemacht, die er seit 2005 an Prominente für ihren besonderen Einsatz für Israel und gegen Antisemitismus vergibt, darunter Iris Berben, Hans Koschnick, Charlotte Knobloch und Ralph Giordano.

Schwer umstritten war allerdings auch die Auszeichnung des Publizisten Henryk M. Broder im Jahr 2011, in dessen Folge es zu Austritten und Diskussionen über die politische Ausrichtung des Vereins kam, der sich selbst als überparteilich sieht.

Offenbar wurde damals jedoch erstmals, dass sich auch rechte Burschenschaftler, Rassisten, AfD-Anhänger und Hetzer gegen Muslime im Fahrwasser des Vereins tummelten. Holst tat sich schwer, Stellung zu beziehen und geriet auch innerhalb der eigenen Reihen zunehmend in die Kritik.

Rund 21.000 Euro

Doch es ist insbesondere eine merkwürdige Handhabung der Vereinskasse, die die DIG Aachen jetzt in Nöte bringt und letztlich wohl auch den Rücktritt von Holst erzwungen hat.

Wie die „Nachrichten“ aus sicherer Quelle erfuhren, steht vor allem der einstige Schatzmeister in Verdacht, über Jahre hinweg immer wieder gestückelt Geld abgehoben und in eigene Taschen umgelenkt zu haben. Er soll die Unterschlagungen inzwischen auch zugegeben haben. Ihm soll eine Summe von 21.000 Euro nachgewiesen worden sein, knapp ein Drittel davon habe er zwischenzeitlich zurückgezahlt.

Weil Kassenbelege über einen Zeitraum von knapp zehn Jahren fehlen, könnte der Schaden allerdings auch größer sein. Eine Anzeige wurde gegen den früheren Schatzmeister bislang nicht erstattet, Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dürften nun jedoch nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Trotz erheblicher Sparbemühungen und regelmäßiger Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen in Höhe von jährlich rund 5000 Euro soll der Verein seit Jahren in den roten Zahlen stehen, was aber weder die Mitglieder noch Teile der Vorstands gewusst hätten.

Ob Holst es wusste, ist eine Frage, die bislang noch ungeklärt ist. Es gibt Eingeweihte, die an Ahnungslosigkeit nicht glauben wollen und ihm zumindest Mitwisserschaft und Verschleierung der wahren Finanzlage unterstellen. Auch deswegen wurde Holst zuletzt von seinen Vorstandskollegen einhellig aufgefordert, seinen Posten abzugeben und den Weg für einen Neuanfang freizumachen.

Mit leichter Verzögerung ist Holst der Forderung nun nachgekommen. Er wolle damit Schaden von der DIG-Aachen abwenden, erklärt er in seinem Schreiben an die Vorstandskollegen, „sowie weiteren Spekulationen, Gerüchten, Unterstellungen den Boden (...) entziehen“. Ausdrücklich weist der 78-Jährige zudem sämtliche „mir unterstellte Manipulationen“ zurück.

Fürs Erste wird nun Holsts Stellvertreter Jörg Lindemann den Verein führen, der eilends für den Montagabend eine Vorstandssitzung einberief. „Dort werden wir beraten, wie es weitergeht“, sagte Lindemann am Montag auf Anfrage. Seinen Angaben zufolge seien die „finanziellen Unregelmäßigkeiten“ erst zum Jahreswechsel aufgefallen. „In so einem Verein geht viel mit Vertrauen“, sagt er. Auch habe man sich stets auf die Kassenprüfer verlassen.

Hoffnung auf Neuanfang

In Kürze will er nun ein Gespräch mit dem Finanzamt führen. Um „den Dampfer wieder auf Kurs zu kriegen“ müsse das oberste Ziel lauten, die Gemeinnützigkeit zu behalten. Sollte dies nicht gelingen, sei der Verein nicht mehr zu retten. Daran mag Lindemann derzeit nicht denken, der auf einen Neuanfang hofft. Eine Mitgliederversammlung sei für die zweite Oktoberhälfte geplant, auf der die Situation besprochen und auch ein neuer Vorsitzender gewählt werden soll.

Wenn alles schiefgeht, stünde den Israelfreunden der Stadt immer noch der Bundesverband der Deutsch-Israelischen Gesellschaft offen, mit dem sich die Aachener unter Holst vor Jahrzehnten überworfen haben und die seitdem einen Sonderweg gegangen sind.

Mehr von Aachener Nachrichten