Aachen: Designer-Pavillon zu verschenken: Fast für lau

Aachen : Designer-Pavillon zu verschenken: Fast für lau

Zwei Jahre. So viel Zeit ist seit Vollendung des Pavillons in der Talstraße vergangen. Kaum lange genug, sich an den Anblick des überschaubar großen und extravaganten Gebäudes zu gewöhnen. Nun soll es auch schon wieder verschwinden. Und zwar vollständig.

Das war nicht der Plan, mit dem Lehrende und Studierende des Lehrstuhls für Gebäudelehre an der RWTH damals dieses Projekt ausgetüftelt und verwirklicht hatten. Sie wollen den Pavillon retten, dem der Geist des berühmten Architekten Ludwig Mies van der Rohe innewohnt. Wer eine Idee für eine sinnvolle Nutzung hat, die auch möglichst noch der Allgemeinheit dient, und wer dazu noch ein bisschen Platz hat, der kann den Pavillon bekommen. Bezahlen müsste er wahrscheinlich für Abbau und Transport.

Bernadette Heiermann und Thomas Müller-Simon wollen den Pavillon „Recycling Mies“, der noch vor dem Depot Talstraße steht, retten. Foto: Harald Krömer

Die E-Mail, die Bernadette Heiermann vor kurzem von der Stadtverwaltung erreichte, brachte Ernüchterung mit sich: In zwei Sätzen, sagt sie, wurde ihr mitgeteilt, dass der Pavillon bis zum 30. Juni verschwunden, der kleine Hügel vor dem Depot in der Talstraße geräumt sein muss. Soweit ist daran nichts auszusetzen, die von der Stadt ausgestellte temporäre Baugenehmigung für das Grundstück gilt bis Mitte 2017. „Die Idee damals war eigentlich, den Pavillon nach Ablauf der Zeit zumindest teilweise weiterzunutzen“, sagt die Vertretungsprofessorin am Lehrstuhl für Gebäudelehre und Grundlagen des Entwerfens.

In der ursprünglichen Vision sollten sich zum Beispiel ein Café im Depot und Lesungen oder ähnliche Veranstaltungen im Pavillon, beide nur ein paar Meter weit voneinander entfernt, gegenseitig befruchten. Der Pavillon wurde 2015 fertiggestellt, das Depot bekanntermaßen viel später, eine Gastronomie gibt es bis heute nicht. Dieser Plan trug demnach keine Früchte.

Andere Teile der in Zusammenarbeit mit der Stadt entwickelten Idee für das Haus fanden ihren Weg in die Wirklichkeit. Kinder aus dem nahen Jugendzentrum nutzten den Raum, es fanden Weihnachtsfeiern statt, und die Fachhochschule betrieb zeitweise ein Studio mit 3D-Plottern. Zuletzt nutzte die Gemeinde Christus unser Bruder den Pavillon als spirituellen Raum für Veranstaltungen.

Es war eine glückliche Fügung im Jahr 2013, die überhaupt erst zur Entstehung des Bauwerks führen sollte. Dem „design-build“-Studio des Lehrstuhls für Gebäudelehre wurde ganz besonderes Baumaterial angeboten — aus Krefeld, was an sich noch nichts Außergewöhnliches ist.

Die ursprüngliche Verwendung der Seekiefer-Schichtplatten hingegen schon: Mit ihnen wurde unter dem Titel „Mies 1:1 — Das Golfclub Projekt“ auf begrenzte Zeit in Krefeld ein von Mies van der Rohe geplantes Golfclubgebäude als Modell errichtet — und das Material damit „geadelt“, wie Heiermann es ausdrückt. Nach Abschluss der Ausstellung wurde das verwendete Material aufgeteilt. Ein Teil ging nach Aachen, den Geburtsort des Architekten.

Dort nahmen sich die Studierenden des „Design.Develop. Build“-Programms gemeinsam mit ihren Professoren der Verwendung an. „Es gab gleich eine gute Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Wirtschaftsförderung bei der Stadt“, erinnert sich Thomas Müller-Simon. Wie Heiermann lehrt er am Lehrstuhl für Gebäudelehre und Grundlagen des Entwerfens der RWTH. Gemeinsam entschied man sich — die bereits beschriebene ursprüngliche Vision vor Augen — für den Standort, damals noch die Baustelle Depot. Beim Bau wurden die rund 90 Studierenden und ihre Professoren von etlichen Firmen unterstützt, öffentliche Fördergelder flossen in die Entstehung des Pavillons.

90 Prozent des Materials, aus dem der Bau errichtet wurde, sind recycelt — deshalb auch der Titel „Recycling Mies“. Es war und ist das Leitthema bei dem Projekt. Immerhin wird das Gebäude, so wie es derzeit aussieht, erneut zerlegt und an anderer Stelle mit anderer Nutzung wiederverwendet. Von Seiten der Stadt hieß es auf Nachfrage, man befinde sich zur Zukunft des Pavillons noch im Gespräch mit der RWTH. Heiermann bemerkt, unter den Nutzern des Depots habe sich bisher niemand gefunden, der den Bau etwa als Café oder Atelier weiter nutzen möchte oder kann.

„Ohne Träger macht der Pavillon aber keinen Sinn“, sagt sie. So bleibt vorerst offen, ob es einen möglichen neuen Träger am Ort und weitere Gespräche mit der Stadt gibt oder es eine andere Nutzung an anderem Platze wird. Und selbst ein Verkauf im Internet, sagt Müller-Simon, sei zur Rettung des Pavillons nicht ausgeschlossen.

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