Aachen: Der Traum von der ganz großen Fußball-Bühne

Aachen: Der Traum von der ganz großen Fußball-Bühne

Kani Taher sitzt im Restaurant „Al Triangolo“ im Schatten des Aachener Doms. Eine Stunde zuvor hat der 23-jährige Fußballer, der ein modisches T-Shirt, Jeans und Sportschuhe trägt, noch im gelb-schwarzen Trikot auf dem Rasen des legendären „Tivoli“-Stadions gekickt.

Am Ende siegte das U23-Team von Alemannia Aachen knapp mit 1:0 gegen den Bonner SC. Fußball-Alltag in der fünftklassigen Verbandsliga Mittelrhein. Als Taher beim Italiener mit seiner Gabel in der Bruschetta stochert, hat er das mittelmäßige Amateurspiel längst abgehakt.

Mit seinen Gedanken ist der schwarzhaarige Kicker 6500 Kilometer weiter — in Afghanistan. „Dieses Land ist eine Herzensangelegenheit“, sagt Taher. Dabei war er seit mehr als 20 Jahren nicht mehr dort.

Bereits als Einjähriger musste Taher das krisen- und kriegsgeschüttelte Afghanistan verlassen. Seine politisch verfolgten Eltern flüchteten mit dem Säugling vor dem Bürgerkrieg ins niederrheinische Korschenbroich vor den Toren von Düsseldorf. Seine ersten Dribbelschritte machte Taher mit drei Jahren auf dem Bolzplatz des örtlichen Asylbewerberheims. „Ein älteres russisches Mädchen brachte mir das Schießen mit dem Ball bei“, erzählt er.

Hobby-Kicker in Kabul

Der Muslim bekennt sich zu seinen Wurzeln. Er kommt aus kleinen Verhältnissen und bewundert die Großen. Zidane und Ronaldo sind seine fußballerischen Vorbilder. „Zu denen schaue ich auf.“ In der Fußball-Bundesliga fiebert der Deutsch-Afghane mit Borussia Dortmund.

Anfang dieses Jahres hat sich für den leidenschaftlichen Kicker ein Kindheitstraum erfüllt. Per E-Mail wurde er in den Kader der afghanischen Fußball-Nationalmannschaft berufen. Die „Afghanistan Football Federation“ hatte den designierten „National Team Player“ zu einem zweiwöchigen Lehrgang nach Katar eingeladen.

Dort bereitete sich die afghanische Auswahl in den ersten beiden Februarwochen auf den „AFC Challenge Cup 2014“ vor. Diese begehrte Trophäe wird Mitte Mai dieses Jahres auf den Malediven unter acht asiatischen Nationalteams ausgespielt. Der Turnier-Sieger ist automatisch für die 2015 in Australien stattfindende Asien-Meisterschaft qualifiziert, ein Ereignis, das in etwa der Fußball-Europameisterschaft entspricht.

Katar und Malediven — das klingt nach aufregenden Geschichten aus Tausend und einer Nacht und nach entspanntem Fünf-Sterne-Urlaub. Tatsächlich geht es um beinharten Leistungssport. Und um viel Vaterlandsstolz. „Der Fußball hält diese Nation zusammen“, sagt der Manager der afghanischen Nationalmannschaft, Ali Askar Lali. Der 55-Jährige gilt in seinem Heimatland als eine Art „afghanischer Beckenbauer“. In den 70er Jahren war er der prominenteste Nationalspieler seines Landes.

Nach Ausbruch des Bürgerkrieges flüchtete Lali nach Deutschland und spielte in der Westfalenliga für die Amateurclubs TuS Schloss Neuhaus und Delbrücker SC. Heute wohnt der afghanische Kultkicker mit seiner vierköpfigen Familie im Essener Süden und zieht von dort aus die Fäden des heimischen Nationalteams.

Bei einem Turnier der Sportorganisation „Afghan Eurosport“ in Köln, bei dem afghanische Amateurteams aus ganz Europa antraten, fiel Lali ein junger, resoluter Sechser ins Auge: Kani Taher. Der spielte damals noch für den siebtklassigen Bezirksligisten SG Kaarst und als Hobby-Kicker für Fortuna Kabul, eine Mannschaft von gebürtigen Afghanen aus dem Großraum Düsseldorf. „Über dieses Team konnten wir hier etliche Flüchtlinge integrieren“, sagt Taher stolz.

Er selbst war frühzeitig integriert. In Korschenbroich, seiner neuen Heimat, startete er beim örtlichen VfB als Sechsjähriger in der „Pampers-Liga“. Rasch wurden Nachbarclubs auf das Talent des Mittelfeldakteurs aufmerksam. Taher spielte in den Nachwuchsteams vom Rheydter SV, dem SC Wegberg-Beeck und von Fortuna Düsseldorf. Dort aber stoppten Bänderrisse in gleich beiden Fußgelenken vorerst seine hoffnungsvolle Karriere.

Doch der Trainer der SG Kaarst, Dirk Schneider, erkannte rasch die außergewöhnliche Fußballbegabung des dynamischen Deutsch-Afghanen. Zwei Jahre kickte Taher am „Kaarster See“, ehe er zum Oberliga-Aufsteiger SV Uedesheim wechselte. In der fünften Liga setzte sich der Mittelfeldakteur prompt durch. Mit seiner Zweikampfstärke und seinen filigranen Pässen hatte er in der letzten Saison großen Anteil am überraschenden Klassenerhalt des Dorfclubs aus dem Neusser Süden.

Sein Studium verschlug Taher Mitte des vergangenen Jahres nach Aachen, wo er im Stadtteil Schanz ein gemütliches Appartement bewohnt. An der RWTH wird er zum Wirtschaftsingenieur ausgebildet. Fußballerischen Anschluss fand er beim Traditionsclub Alemannia Aachen und avancierte prompt zum Vertragsspieler im U23-Team.

„Kani ist ein guter Mittelfeldspieler, der besonders auf der Sechser-Position seine Stärken hat“, urteilt Nationalmannschafts-Manager Lali. Er könne „das Spiel gut kontrollieren“ und mit seiner Schnelligkeit für ständige Tempowechsel sorgen. Allein die internationale Erfahrung fehle dem Aachener derzeit noch. Dennoch sieht Lali den 23-Jährigen auf einem „erfolgreichen Weg, ein unverzichtbarer Spieler in der Nationalelf zu werden“.

„Wann kommst Du im Fernsehen?“

Tahers Heimatland ist ein Zwerg auf der Fußball-Landkarte. Aber der ehrgeizige Kicker freut sich riesig über die Berufung in das Nationalteam. „Wenn ich Fernsehbilder aus Afghanistan sehe, dann weiß ich, dass ich auf meinem Lebensweg viel Glück hatte“, sagt Taher. „Deshalb habe ich das Bedürfnis, diesem Land etwas zurückzugeben.“ Gerade über den Sport lasse sich eine Menge bewegen. „Es ist ein Traum, für mein Heimatland spielen zu dürfen.“

In wenigen Wochen soll es so weit sein. Vor wenigen Tagen hat Taher, der fließend Persisch spricht, über die Bonner Botschaft seinen afghanischen Pass erhalten. Fußball gilt inzwischen als Volkssport in dem einstigen Hockeyland. Bei Länderspielen ist das heimische Ghazi-Stadion in Kabul mit 30.000 Zuschauern stets ausverkauft. Zudem säßen einige Millionen Afghanen bei den Liveübertragungen vor den Bildschirmen, schwärmt Taher. Seine 65-jährige Oma Rahima, die in der afghanischen Hauptstadt lebt, kann den ersten Auftritt ihres Enkels im knallroten Nationaltrikot kaum erwarten. „Kani, wann kommst Du endlich im Fernsehen?“, fragt sie ihn aufgeregt bei ihren wöchentlichen Telefonaten.

80.000 registrierte Fußballer

Der Fußball boomt in Afghanistan. Längst gibt es wieder einen ordentlichen Spielbetrieb. In allen 34 Provinzen des Landes gibt es je vier Leistungsklassen, in denen etwa 80.000 Fußballer registriert sind. Vor einer Saison startete auch die Premier League APL — mit acht Mannschaften, TV-Liveübertragungen und Vollprofis, die monatlich etwa 1000 Dollar kassieren. Zum Vergleich: Ein Regierungsangestellter bei der Flughafensicherheit muss sich mit 300 Dollar begnügen.

Die Stärke der höchsten afghanischen Liga vergleicht Manager Lali mit der fünften Spielklasse in Deutschland, der Oberliga. Seinem Nationalteam attestiert er Regionalliga-Niveau. Dennoch hat Fußball für Afghanen große Bedeutung. „Man erlebt das Gefühl, eine Nation und ein Volk zu sein, nirgendwo so deutlich wie bei einem internationalen Sportereignis mit afghanischer Beteiligung“, sagt Lali. „Das ist die größte Wirkung des Fußballs in Afghanistan.“ Zudem sei Fußball das beste Mittel, um Jugendliche von Waffen, Gewalt und Drogen abzuhalten.

Inzwischen besitzt weit über die Hälfte der 30 Millionen Afghanen ein eigenes Handy, es gibt 24 TV-Kanäle mit Polit-Talks, Kochshows, Castings und Fußballspielen. Beim Trainingscamp der Nationalelf in Katar hätten die Teamkameraden aus Afghanistan teilweise modernere Smartphones besessen als die Spieler aus Deutschland, sagt Taher. „Die leben da nicht mehr hinter dem Mond.“

Ähnlich wie die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Wunder von Bern wollen die Afghanen via Fußball den Anschluss an die moderne Welt schaffen. Im vergangenen Jahr hat ihre Fußball-Nationalmannschaft, die auf Platz 127 der Fifa-Weltrangliste rangiert, bereits einen ersten bedeutenden Titel errungen: die Südasien-Meisterschaft. Beim Halbfinalsieg gegen Nepal hielt der afghanische Torhüter Mansur Faqiryar, der im Fußball-Alltag für den Regionalligisten VfB Oldenburg aufläuft, gleich zwei Elfmeter und sicherte seiner Mannschaft den Einzug ins Finale. Dort bezwangen die Afghanen später Indien erfolgreich mit 2:0. Seither wird Faqiryar als Volksheld gefeiert. Die meisten afghanischen Nationalkicker spielen im Ausland Fußball, viele in Deutschland — wie Keeper Faqiryar oder Mittelfeldakteur Taher — in der vierten oder fünften Liga. Andere kicken in Australien, Kanada, Norwegen oder Holland.

„Die Spieler aus Deutschland sind die Wirbelsäule der Nationalmannschaft“, sagt Manager Lali. Mit diesen Amateur-Spielern hat das Fußballentwicklungsland in den letzten acht Jahren 79 Plätze in der Fifa-Weltrangliste aufgeholt. Schon träumen sie in Kabul vom Gewinn des diesjährigen „AFC Challenge-Cup 2014“ und einer anschließenden Teilnahme an den Asien-Meisterschaften.

Die Funktionäre wollen nichts dem Zufall überlassen. Hilfesuchend wandte sich der Präsident des afghanischen Fußballverbandes, Karim Keramuddin, vor wenigen Wochen an DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Der asiatische Fußballverband AFC habe den aktuellen Head Coach seiner Nationalelf, Mohammad Yousef Kargar, wegen Schiedsrichterbeleidigung für vier offizielle Länderspiele gesperrt. Deshalb suche Afghanistan dringend einen erfahrenen Interims-Coach. Niersbach konnte helfen. Er überredete Erich Rutemöller, den einstigen Kölner Bundesligatrainer und langjährigen Fußballlehrer-Ausbilder des DFB, sich beim prestigeträchtigen Challenge-Cup auf die Trainerbank der Afghanen zu setzen.

„Das ist absolutes Neuland für mich“, räumt Rutemöller ein. Bisher kenne er weder die Struktur des dortigen Fußballs noch die Nationalspieler. Dennoch freut sich der 69-jährige Fußball-Weltenbummler, der als „Instrukteur“ der Fifa und Uefa auf allen Kontinenten Fußballtrainer ausbildet, auf das Abenteuer Afghanistan.

„Träumen ist doch erlaubt“

Als die Berufung von Rutemöller zum afghanischen Interims-Coach bekannt wurde, hat sich Taher erst mal im Internet über dessen Fußball-Vita schlaugemacht. „Ich bin sehr angetan von seiner vielfältigen Erfahrung“, sagt der Nachwuchskicker. „Er wird bestimmt neue Impulse für den afghanischen Fußball bringen.“

Unterdessen hat Taher das Angebot erhalten, in einer Spielfilm-Dokumentation des Regisseurs Rodrigo Diaz für die Fußball-WM 2022 in Katar eine der Hauptrollen zu spielen. Der geplante Streifen „Basis Road“ erzählt die Geschichte eines afghanischen Jungen, der sein Heimatland verlässt und sich über etliche fußballerische Stationen in Europa und Brasilien hartnäckig einen Platz in der Nationalmannschaft erkämpft — rechtzeitig zur WM 2022.

Taher ist in dem Streifen für das Happy End in der Rolle des Helden als Nationalspieler im Gespräch. Alles nur ein Film? „Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar bin ich schon dreißig“, sagt Taher. „Aber Träumen ist doch erlaubt.“

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