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Architektur und Städtebau: „Der preußische Pfahl im katholischen Aachen“

Architektur und Städtebau : „Der preußische Pfahl im katholischen Aachen“

Eine leichte Lektüre sieht anders aus: Der emeritierte Architektur-Professor Gerhard Curdes hat die Geschichte der entsprechenden Aachener Fakultät an der RWTH zusammengefasst und aufgeschrieben: Herausgekommen ist dabei ein fast 3,5 Kilogramm schweres Werk in drei Bänden mit insgesamt 1262 Seiten.

„Und dafür war es höchste Zeit“, sagt zumindest der Autor selbst. Als Gerhard Curdes nämlich 1971 an den Lehrstuhl für Architektur und Städtebau berufen wurde, den er bis 1998 innehaben sollte, „da wusste ich nicht, was vorher war“. Ein Archiv der Fakultät oder eine ähnliche Material- oder Datenerfassung habe es nicht gegeben. Und diese Verärgerung bezeichnet der heute 87-Jährige als Hauptmotivation, diese Lücke zu füllen.

Begonnen hat er damit im Laufe des Jahres 2016, 18 Jahre nach seiner Emeritierung. „Denn für einen aktiven Professor wäre das nicht möglich gewesen“, sagt Curdes bei der Buchpräsentation – erstens zeitlich nicht und zweitens wäre er noch zu nah am Geschehen gewesen, gleichbedeutend mit einem „Griff ins lebende Fleisch“, wie Curdes es ausdrückt, „und damit hochriskant.“

Deshalb fehlen bei der Abbildung der Fakultätsgeschichte auch die letzten 20 Jahre. Beschrieben und mit mehr als 1000 Abbildungen auch umfangreich bebildert wird die Geschichte von der Gründung 1870 bis 1945 (Band I) sowie von 1945 bis 2000 (Band II). Hinzu kommt ein dritter Band mit 37 persönlichen Rückblicken von Professoren, 61 Biographien von anderen Hochschullehrern der Fakultät sowie jeder Menge Daten – von der Anzahl der Architekturstudenten (1870 waren 43, 1890 als Folge des Kulturkampfes nur noch 18, heute zählt die Fakultät mit mehr als 2000 Studentinnen und Studenten zu den größten in Deutschland) über die der Abschlüsse und Promotionen (alle 498 werden einzeln aufgezählt) bis hin zu einem ausführlichen Professorenverzeichnis (von Ferdinand Robert Cremer 1870-1871 bis heute).

130 Jahre Architekturgeschichte, die im Jahr des 150-jährigen Bestehens der Rheinisch-Westfälischen Hochschule (RWTH) Aachen natürlich gerade recht kommen. Zeigt sie doch für den Aachener Verleger, Architekten und RWTH-Absolventen Björn Schötten, welche Entwicklung die Fakultät – eine der Gründungsfakultäten der RWTH Aachen – genommen hat hin zu einem „wichtigen Baustein in der 150-jährigen Geschichte der RWTH. Für seinen Autor Gerhard Curdes ist das dreibändige Werk auch eine Art Rechenschaftsbericht gegenüber der Aachener Gesellschaft darüber, „was die da an der Hochschule eigentlich machen“.

Einiges dürften Leserinnen und Leser aus Aachen auch wiedererkennen: etwa die „Grünen Finger“, die die Frischluftversorgung Aachens sicherstellen sollen und von den Aachener Professoren Henrici, Sieben und Schimpff 1920 erdacht worden sind, um nur ein Beispiel zu nennen.

Jahrzehnt der Umbrüche

Sichtlich stolz ist Gerhard Curdes auf die Darstellung der 1960er Jahre, dem Jahrzehnt der Umbrüche vor allem an den Universitäten. Für die Darstellung der Aktivitäten der Aachener Architekturstudenten in dieser Zeit hat Curdes den damaligen Studentensprecher am Reiffmuseum, Stefan Goerner, gewinnen können, der die Zeit, Stimmung und Atmosphäre in Aachen in einer eindrucksvollen Text-/Bildmontage veranschaulicht. „Als ich 1971 nach Aachen berufen wurde, hat man mir damals erzählt, die Hochschule und die überwiegend protestantische Hochschulehrerschaft seien ,der preußische Pfahl im katholischen Aachen““, erzählt Curdes. Und genau das werde in der Darstellung der 1960er Jahre deutlich. Und Stellen wie diese machen die Chronik auch für Nicht-Architekten interessant.

Wie allerdings der Büchel künftig aussehen soll, beantwortet auch Curdes’ Werk nicht. „Das kann die Fakultät auch gar nicht“, sagt Verleger Björn Schötten. „Dafür müssen erst andere soziologische, soziale und gesellschaftliche Fragen beantwortet werden. Dann kann die Architektur Vorschläge machen. Aber so lange die genannten Fragen nicht gelöst sind, wird sich dort nichts bewegen.“

Gerhard Curdes: „Architektur und Städtebau“. 130 Jahre Lehre und Forschung an der RWTH Aachen. Drei Bände mit insgesamt 1262 Seiten und mehr als 1000 Abbildungen. Geymüller Verlag für Architektur. Aachen 2020. ISBN 978-3-943164-50-3. 69 Euro.