Aachen: Der Lennet Kann verlässt die große TV-Bühne

Aachen : Der Lennet Kann verlässt die große TV-Bühne

Da kütt der Lennet zum letzten Mal. Ein letztes Mal stakst Dr. Dirk von Pezold alias Lennet Kann am Samstag durch das Eurogress, wenn der Orden wider den tierischen Ernst verliehen wird. Ein letztes Mal gibt er den Lennet Kann, der mit schlaksigen Bewegungen voranschreitet. Die Zuschauer im Saal werden aufstehen, sie haben ihn erwartet. Die Sitzung ist erst vorbei, wenn das Aachener Stadtoriginal aufgetreten ist. Lennet Kann gehört zum Aachener Karnevalsverein (AKV) wie das Bühnenbild. Es ist ein Abschied. Dirk von Pezold verlässt die TV-Bühne. Freiwillig.

„Mir war es immer wichtig, den richtigen Zeitpunkt zu finden.“ Im letzten Jahr hat der 74-Jährige erstmals seit 32 Jahren bei der Ordensverleihung gefehlt, ein hartnäckiger Virus hatte ihn außer Gefecht gesetzt. Das hat den Entschluss forciert, er will sich auch dem TV-Stress nicht mehr aussetzen. Jetzt ist Schluss. Von Pezold wird also den viel zu kurzen Gehrock — es ist immer noch sein erster — hinter der Bühne in einer kleinen Garderobe anziehen. Dann wird er nach seinem Zylinder greifen und diesen schwankenden Gang des angeheiterten Lennets einnehmen. Er wird wie immer Lampenfieber haben, das auch nach Hunderten Auftritten noch ein unfreiwilliger Begleiter ist. Er wird wie immer live performen. „Ich freue mich immer auf den Lennet“, sagt er vor dem Finale. Das klingt nach Vorfreude auf einen liebgewordenen Weggefährten.

Der Lennet Kann im Jahr 1987 - noch mit künstlicher Bühnennase... Foto: Sepp Linckens

Wie von Pezold und das alte Stadtoriginal zueinander fanden? 1969 war von Pezold der Stadtprinz in Aachen, Motto der Veranstaltung „Öcher Lü verkleid üch bonk, denn et jeäht atwier ronk!“ Es ist dann tatsächlich rundgegangen, der junge, selbstbewusste Prinz mischte den Laden kräftig auf. In seiner Session lernte von Pezold Jupp Schollen kennen, der mit seinen Öcher Leddchere durch die Säle zog und regelmäßig das Eis brach, bevor zum Finale der gerade amtierende Karnevalsprinz als Letzter in die gut besuchten Säle einzog. „Er war ein Faszinosum“, beobachtete von Pezold hinterm Vorhang, wann immer er auf seinen Auftritt wartete.

Die Männer sind auch am Ende der Session freundschaftlich verbunden geblieben. Und irgendwann übertrug ihm Schollen sein musikalisches Erbe. Einer musste doch die vielen Karnevalsliedchen für nachwachsende Generationen pflegen. „So kam der Lennet 1985 zu mir“, sagt von Pezold. In den ersten Monaten half die bühnenerfahrene Gitta Haller dem Stimmungssänger dabei, die Rolle einzustudieren. Die ersten Auftritte erfolgten mit langem Rauschebart und so stark geschminkt, dass ihn selbst engste Freunde nicht einmal erkannten. Das Aussehen hat sich verändert: Als bei einem Auftritt die Kunstnase abfiel, hat von Pezold auf die Maskerade wieder verzichtet.

Das Lennet-Lied erklang auch, als er vor gut 26 Jahren seine Frau Ina heiratete. Der Lennet war immer schon da. Im Lied gibt es die Passage: „Und ging man des sonntags in den Wald hinein, die Waldschenk‘ hinauf nach Siebenwegen, so kam einem dort von einem Stein ein seltsamer Ritter entgegen.“ Ganz in der Nähe der Waldschenke wohnt das Ehepaar heute noch. Und als von Pezold vor ziemlich genau 15 Jahren sein Präsidentenamt beim AKV niederlegte, kam er mit „Lennet Kann“ kurz vor Mitternacht auf die Bühne.

Der Fastelovvend habe ihm immer eine „ganz tief empfundene Liebe zur Vaterstadt“ geschenkt, sagt er immer noch. An diesem Samstag hat von Pezold zum Abschied ein kleines Medley von Frank-Sinatra-Hits geplant, denen er im Laufe der Jahre lokalpatriotische Texte verpasst hat. Vielleicht bleiben die letzten Minuten auch nur dem Saalpublikum vorbehalten. Die Sitzung wird gekürzt übertragen. Aber den „Lennet“ hat in all‘ den Jahren nie ein Fernsehsender herausgeschnitten. Mal ist der Vortrag um eine Strophe reduziert worden, was schon zu Misstönen geführt hat. Als er noch Präsident war, ist Geschäftsführer Helmut Strack immer nach der Sitzung mit in den Schnitt gefahren, um Einfluss zu nehmen. Die Zeiten der Mitsprache sind vorbei. „Wir wollten damals eine einzigartige Karnevalssitzung machen, mit Aachener Kräften eine Geschichte um den Ordensritter erzählen.“

Der Karneval hat sich verändert, sagt von Pezold, und man kann ihm ansehen, wie er darüber denkt. Der übertragende WDR führe nun mit einer anderen Philosophie Regie. Die Ordensverleihung ist eine Revue mit auswärtigen Humoristen geworden. Das ist nicht mehr zwingend seine Welt. „Ich aue Büll fühle mich da schon ein bisschen aus der Zeit gefallen.“ Er findet, dass Karneval und Öcher Platt untrennbar miteinander verbunden sind, so wie er und Lennet Kann. „Karneval muss man selbst machen, Karneval muss man leben und erleben.“ Ob es einen neuen Lennet Kann bei der Ordensverleihung geben wird, ist noch offen. Der AKV will im April überlegen, wie es weitergeht, sagt der amtierende Präsident Werner Pfeil. Denn fest steht: „Dirk von Pezold hatte den größten Wiedererkennungswert unserer Sitzung in den letzten Jahrzehnten.“

Von Pezold geht nicht im Groll. „Ich hänge schon sehr am AKV“, sagt er jetzt kurz vor seinem Abschied vom Orden wider den tierischen Ernst. Leonard van Kann (so der richtige Name) und Dirk von Pezold werden sich nicht völlig trennen. In Altenheimen, bei Mundartveranstaltungen und natürlich beim Festival der Öcher Lieder der AZ am Mittwoch, 1. Februar, 19.30 Uhr, im Eurogress zugunsten unserer Hilfsaktion Menschen helfen Menschen werden sie weiterhin auftreten.

Eine Gage hat von Pezold nie genommen, nur immer eine Spende für den Aachener Kinderschutzbund angeregt. Diese Auftritte zumeist bei Senioren bleiben ihm wichtig. Er beobachtet oft, dass er mit seinen Liedern regelmäßig das Lachen bei älteren Menschen anknipst.

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