Aachen: Der Krimi spielt zum Auftakt nur eine Nebenrolle

Aachen : Der Krimi spielt zum Auftakt nur eine Nebenrolle

Was braucht ein Krimi, um ein Krimi zu sein? Diese Frage stellte sich, nachdem der Autor Max Annas zum Auftakt der 7. Aachener Krimitage sein jüngstes Buch „Illegal“ vorgestellt hatte.

Einen Mord gibt es in seiner Geschichte von Kodjo, dem Schwarzen, der illegal in Berlin lebt, zwar tatsächlich, denn Kodjo wird unfreiwillig Zeuge, wie eine Prostituierte ermordet wird. Die Kapitel, die Annas dann aber für die Lesung im Alten Schwurgerichtssaal des Justizzentrums ausgewählt hatte, befassten sich eher wenig mit dem Verbrechen und dessen Aufklärung.

Das Motiv des Laufens, oder auch des Weglaufens, hat Annas nach eigenen Worten am meisten beschäftigt. Und so begann seine Lesung mit einer minutiösen Beschreibung eines illegalen Flüchtlings in Berlin, der in ständiger Angst lebt, entdeckt zu werden, und entsprechend immer auf der Flucht ist.

Beweis im neunten Kapitel

„Ich verstehe nicht, warum ausgerechnet zur Eröffnung der Krimitage ein Buch gewählt wurde, in dem der Krimi eigentlich nebensächlich ist“, merkte eine Zuhörerin nach der Lesung enttäuscht an. Und tatsächlich ging es Annas offensichtlich mehr um die Beschreibung der Situation eines illegalen Flüchtlings in Berlin, als um die spannungsgeladene Lösung eines Mordfalls.

Auch wenn er mit dem neunten Kapitel dann durchaus noch den Beweis antrat, dass es sich bei „Illegal“ tatsächlich um einen Krimi handelt: Hier beobachtet Kodjo in einem abbruchreifen Haus, das ihm als Versteck dient, den Mord an einer Prostituierten. Aber das wars dann auch vorerst.

„Es ist mir wichtig, andere Perspektiven einzunehmen“, führte Annas in der Lesung aus. Er hat vorübergehend in Südafrika gelebt und sah sich entsprechend mit dem Thema Rassismus konfrontiert. Und die Situation eines Menschen, der aus dem eigenen Land flieht, um in Deutschland zu leben, auch wenn das nur in der Illegalität geht, hat ihn offensichtlich fasziniert. Tatsächlich taucht das Thema Flucht immer wieder auf.

„Was macht sie so selbstbewusst, dass sie als Weißer eine schwarze Geschichte schreiben?“, wollte ein Zuhörer wissen. „Mich interessiert gerade dieser Perspektivwechsel“, betonte der Autor einmal mehr: Aus der eigenen Komfortzone herauskommen und in die Welt eines schwarzen, illegalen Flüchtlings eintauchen also.

„Politisch hochaktuell“

„Ich wollte mehrere Türen öffnen, durch die sie das Buch betreten können“, meinte Annas. Die vorgestellten Kapitel habe er in diesem Sinne ausgewählt. Die kriminalistische Seite des Buches ist demnach nur eine von vielen. Als „politisch hochaktueller Krimi“ war das Buch den Zuhörern angekündigt worden. Offensichtlich war der eine oder andere nach der Lesung enttäuscht. „Ich hatte mehr erwartet“, sagte eine Zuhörerin im Anschluss. Max Annas erhielt für seinen Thriller „Die Mauer“ den Deutschen Krimipreis 2017 und kam auch mit „Die Farm“ auf die Krimibestenliste. Er stammt aus Köln, verbrachte einige Jahre in Südafrika und lebt heute in Berlin.

Max Annas Lesung war der Auftakt der 7. Aachener Krimitage, in deren Rahmen in den kommenden drei Wochen neben weiteren Lesungen unter anderem auch ein Kinofilm, ein Comedyabend und eine Tagesfahrt nach Lüttich angeboten werden.

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