Aachen: Der Kragen ist geplatzt: Bürger gehen nachts auf Streife

Aachen : Der Kragen ist geplatzt: Bürger gehen nachts auf Streife

Aufgeschreckt durch die Serie brutaler Raubüberfälle seit Ende August, hat sich in Aachen eine Gruppe von Menschen zusammengefunden, die nachts auf Patrouille geht. Dabei will man nicht der Polizei die Arbeit abnehmen, sagen die Initiatoren, sondern flankierende Hilfestellung leisten.

Das Motto dieser für die Grenzstadt bislang einmaligen Aktion lautet denn auch „Wir helfen Aachen“. „Wir wollen die Bürger vor Überfällen schützen“. Den ersten Testlauf haben die Aktivisten in der Nacht der Shuttle Party (vor einer Woche) schon absolviert, sie ziehen ein durchaus positives Fazit: „Wir sind von einigen Mitbürgern erkannt und auch angesprochen worden. Das Feedback war übrigens sehr positiv.“

Im Schilde führte das Projekt, wie es sich selbst bezeichnet, zunächst den Wehrhaften Schmied, dessen Denkmal in der Jakobstraße steht — wahrscheinlich ein Metzger, der 1278 Graf Wilhelm von Jülich in der Jakobstraße erschlug. Dieser war mit Gefolge nach Aachen eingedrungen und wollte die Freie Reichsstadt unterwerfen, das scheiterte jedoch an der Gegenwehr Aachener Bürger.

Auf den einschlägigen Seiten im Internet sind auch nachdenkliche Stimmen zu vernehmen: „Der Wehrhafte Schmied hat auf die Bedrohung geantwortet. Ich glaube, wir haben heute andere Mittel als zu der Zeit des Grafen von Jülich.“ Aber auch Kritik wird auf Facebook geäußert, von einem Hans Lenz: „In diesem Land stinkt es vorne und hinten, die Polizei ist nur noch beim Abkassieren schnell, nicht beim Helfen.“ Antwort der Projektverantwortlichen, die das Wort Bürgerwehr sorgsam vermeiden: „Das ist keine Gruppe, die bezwecken soll, dass wir Selbstjustiz üben oder eine Gang gründen. Es geht rein darum, Hilfe und Unterstützung (Zivilcourage) zu leisten! Durch Präsenz kann man viel erreichen.“

Wolfgang Ebel, Inhaber eines Sicherheitsunternehmens in Übach-Palenberg, ist einer der beiden Initiatoren von „Wir helfen Aachen“. Als sich die Überfälle häuften, sei er in seinem Bekanntenkreis angesprochen worden: „Kann man da nicht etwas unternehmen.“ Ein Freund hatte die gleiche Idee und auf Facebook ging man auf die Suche nach Gleichgesinnten. Erstaunlich viele Menschen, nämlich 19, seien zum ersten Treffen gekommen, Lehrer, Handwerker, Beamte, ein Student, zwei Niederländer. Es ist Ebel klar, dass das Vorhaben brisant ist, „deshalb müssen wir vorsichtig sein“. Stress wolle man nicht haben, rechtsradikale Anbiederungsversuche ebenfalls nicht, Rassismus sei ausgeschlossen, entsprechende Einträge gelöscht. Zur ersten Nacht hätten sich neun Männer gemeldet, die in drei Trupps durch dunkle Straßen gegangen seien, sagt Ebel, der eine Zeit lang als Türsteher am B 9 gearbeitet hat und deshalb mit dem Nachtleben vertraut ist: „Manchmal ist es echt erschreckend, was in Aachen abgeht.“

„Ich möchte, dass meine 16-jährige Tochter durch Aachen gehen kann, ohne dass etwas passiert“, schildert er seinen persönlichen Antrieb, sich jetzt quasi ehrenamtlich die Nächte um die Ohren zu schlagen. Mit der Polizei habe man schon Kontakt gehabt, die habe auch schnell klar gemacht, wer das Gewaltmonopol in Deutschland hat. „Wir dürfen keine Waffen oder Uniformen tragen oder von uns aus Personen ansprechen. Das ist der Hoheitsbereich der Polizei.“

Die Ordnungshüter selbst zeigen sich von der unerbetenen Hilfe von ungewohnter Seite durchaus angetan. Sprecher Paul Kemen: „Wenn die Bürger die Augen und Ohren offen halten und als Zeugen etwa auch in späteren Strafverfahren dienen, begrüßen wir das außerordentlich und freuen uns darüber.“ Man warne aber dringend davor, Maßnahmen zu treffen, die nur von der Polizei veranlasst werden dürften: „Ungeachtet davon sollte sich niemand in persönliche Gefahr bringen oder sich auf körperliche Auseinandersetzungen einlassen.“

Viele Tattoos

Bei einem zweiten Treffen am Dienstag kamen schon mehr als 30 Interessierte. Unter ihnen nicht wenige mit breitem Oberkörper, knappen T-Shirts und Tattoos, aber nicht nur. „Wir haben viele mit kurzem Haar“, brachte es Wolfgang Ebel selbstironisch auf den Punkt, er betonte die Seriösität des Vorgehens. Hilfe holen werde man etwa, wenn ein Opfer von fünf Angreifern niedergeschlagen werde. Erst die Polizei verständigen, dann die eigenen Leute. Mitinitiator Karsten Rose, Angestellter: „Gewalt gegen Gewalt ist keine Lösung. Wir sind keine Bürgerwehr und keine Söldnertruppe, sondern ganz normale Helfer.“ Allerdings werde man noch kritisch beobachtet und kämpfe um Anerkennung. „Wir wollen gegen die Kriminalität Präsenz zeigen.“ Ziel sei es, Hunderte Helfer zu gewinnen.