Aachen: Der Glücksfall für die Demokratie: Leo Frings wird 90 Jahre alt

Aachen : Der Glücksfall für die Demokratie: Leo Frings wird 90 Jahre alt

Leo Frings, der alte Fahrensmann der CDU, wird am Sonntag 90 Jahre alt. Der flunkert, der ist viel jünger, denkt, wer ihm gegenübersitzt und plaudern hört. Lebhaft, den Schalk in den Augen und in der politischen Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse messerscharf wie eh und je.

„Die Demokratie steht und fällt mit dem Engagement der Bürger“, sagte der scheidende Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Abschiedsrede. Lammert muss an Menschen wie Leo Frings gedacht haben. Ein Glücksfall für die Demokratie, für die Stadt, für das Land. So einen wie ihn findet eine Partei nicht alle Tage.

Politisches Urgestein, sozialer Altkämpe, CDU-Haudegen, ewiger Streiter für „die da unten“ — mit solchen Titeln steht Leo Frings in den Annalen. „Herz-Jesu-Marxist“ nannten ihn manche. Dann lachte Leo Frings: „In der Gewerkschaft war ich immer der Schwarze, bei den Christdemokraten immer der Rote.“

Nach wie vor unterwegs

Was treibt der Schwarz-Rote mit 90 den lieben langen Ruhestandstag? Ehefrau Marlene und Leo Frings sitzen im lichtdurchfluteten Wintergarten ihres behaglichen Eigenheims in der Brander Straße in Eilendorf und blicken über die Terrasse in ihren riesigen Garten, der mit gepflegtem Rasen wie ein Park vor ihnen liegt. „Hinter den Bäumen da, siehste, liegt unser Nutzgarten, Obst und Gemüse, fast alles ziehen wir selbst. Da bin ich morgens anderthalb Stunden drin und nachmittags nochmal.“

Einer wie er, zeitlebens eine öffentliche Person, ist nach wie vor unterwegs. „Er muss die Leute haben, er muss ins Dorf“, bewundert Ehefrau Marlene (83) die Fitness ihres Mannes. Unterwegs ist er meist mit seinem Pedelec. „Das Schönste, was es gibt. Und das Allerschönste: Du siehst viel mehr von der Umwelt“, schwärmt er vom Fahrradfahren. Auf seinen Routen stellt er das Pedelec „auf die unterste Stufe“ ein, „ich will gerne treten, das ist für den Körper gut, ich will auch merken, dass es einen Berg hochgeht“, verrät er sein Fitness-Programm.

In Eilendorf gibt es keinen Verein, wo er nicht Mitglied, Ehrenmitglied oder Ehrenvorsitzender ist wie etwa bei den Fußballern der Arminia. „Bei Festen und anderem musste dich da überall sehen lassen.“ Auch mit 90 packt er an, wo es zu helfen gilt. Politik, wie früher zu Kampfzeiten an der Theke, ist nicht mehr. „Es gibt ja kaum eine Kneipe, wo man noch hingehen kann. Am besten ist es, wenn die Messe aus ist. Da bleibste stehen, hier ein paar Worte, da ein paar.“

Er braucht halt Leute um sich rum. Seine Großfamilie sorgt mit dafür. Fünf Kinder und Schwiegerkinder, elf Enkel und drei Urenkel „und drei im Anmarsch“ bilden den mehr als 30-köpfigen Frings-Clan. Die älteste Tochter Beate (58) managt das Familiengeschehen. Einmal im Jahr kommt die Sippe aus ganz Deutschland zusammen, um drei Tage in einem Pfadfinderhaus bei Blankenheim zu verleben. „Sie kommen alle gerne und freuen sich darauf“, erzählt Mutter Marlene und hat Tränen in den Augen. Bald ist der Clan wieder beisammen. Nicht nur der hohe runde Geburtstag des Vaters ist zu feiern, Marlene und Leo Frings sind auch seit 60 Jahren verheiratet. Diamantene Hochzeit und Geburtstag werden bejubelt am Sonntag, 17. September, beginnend um 11.30 Uhr mit einem Dankgottesdienst in der Kirche St. Apollonia, anschließend Umtrunk im Jugendheim.

Zurück zur Politik. Rot und in der CDU? „Da bin ich so reingewachsen“, erzählt Leo Frings. Geprägt von einem katholischen Elternhaus und katholischen Menschenbild führt ihn der politische Weg in der „Stunde null“ über die Christliche Arbeiterjugend CAJ und die Katholische Arbeitnehmerbewegung KAB zur Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft CDA. Keine 20 und er wird Mitbegründer der CDU im Heimatort Eilendorf.

Ein Leben für die Politik und die Gewerkschaft beginnt. Jahrzehnte Ratsherr in Eilendorf und später in Aachen, Bezirksvorsitzender der legendären CDU-Sozialausschüsse CDA, jener berühmt-berüchtigten linken Truppe. Als Fernmeldemann Vorsitzender der Postgewerkschaft und Personalratsvorsitzender. Als die Aachener Christdemokaten nach 40-jähriger Alleinherrschaft Ende der 1980er Jahre vor dem rot-grünen Ansturm in die Knie gingen, rettete der „rote“ Frings sie aus tiefer Depression, indem er der Partei für drei Jahre als Vorsitzender diente, um ihr ein sozialeres Image zu verpassen. Auch mit 90 noch ist er bei der Eilendorfer CDU als Beisitzer aktiv.

Leo Frings redete Klartext, keine Auseinandersetzung scheuend, präzise, nichts und niemanden fürchtend. Immer an der Seite der Arbeitnehmer, immer für soziale Gerechtigkeit. Die Sozialausschüsse CDA waren seine Hausmacht. Weit über Aachen hinaus wurde in der Union seine Stimme gehört. Bundesparteitage der CDU hatten sich stets mit 20 und mehr „linken“ Anträgen der Aachener zu beschäftigen. „Wir konnten einige Dinge durchsetzen“, sagt er bescheiden.

Er verehrt die Gesinnungsgenossen Heiner Geißler und Norbert Blüm. Als auf dem Bremer CDU-Bundesparteitag in den 1990ern Helmut Kohl den Geißler als Generalsekretär loswerden will, hält die linke CDU/CDA-Prominenz vor lauter Angst um die Pöstchen still. Nur einer traut sich. „Der einzige in der Bütt für Geißler gegen Kohl war ich“, sagt der Furchtlose lachend.

Heute treibt es ihn um, „wie in unserer Gesellschaft mit den Arbeitnehmern verfahren wird“. Er sehe, „wie die Lage für sie schwieriger wird“. Auch „die Sicherstellung im Alter“ habe sich „wesentlich verändert“, verschlechtert. „Sie wollen uns sagen, wie es in der Politik zu laufen hat“, attackierte er vor Jahren die Wirtschaft. Hat sich das geändert? „Das siehste doch an Volkswagen“, ist die prompte Antwort.

DGB ist gefordert

„Der DGB muss wieder stärker seine Forderungen vorbringen. Er muss in der Öffentlichkeit und in der Politik wieder stärker gehört werden.“ Seine einstige Mahnung gelte noch heute. „Die Leute an der Spitze sind nicht in der Lage, auf den Tisch zu klopfen. Ich weiß auch nicht, weshalb das so ist. Es ist schlimm“, schüttelt er den Kopf. Und die CDA? „Da passiert inhaltlich nichts mehr.“

Er erzählt und erzählt. Von Angela Merkel, die er sehr schätzt und Sahra Wagenknecht, der er „die meisten Dinge, die sie sagt, unterschreiben würde“. Warum schreibt der „Herz-Jesu-Marxist“ kein Buch über 90 Jahre Nachkriegs-Politik? Leo Frings guckt, steht auf und kramt aus dem Bücherschrank ein schweres Buch hervor: „Lebenserinnerungen von Marlene und Leo Frings“, 350 Seiten, reich an Bildern — ein phantastisches Geschichtsbuch, in das man sich auf der Stelle vertiefen möchte. Leider ist es nur für die Familie geschrieben. Noch.

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