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Beratungsstelle „RückHalt“: Der Bedarf steigt und steigt

Beratungsstelle „RückHalt“ : Der Bedarf steigt und steigt

Der Verein „RückHalt“ hat jetzt eine Halbjahresbilanz in von Corona dominierten Zeiten gezogen. Die Einrichtung ist offen für alle Opfer von sexualisierter Gewalt in der Städteregion. Aber Angesicht der aktuellen Pandemie sind auch Einnahmeverluste zu beklagen.

Das erste Halbjahr 2020 wurde in den Beratungsstellen gegen sexuelle Gewalt von „RückHalt“ wie überall über die Hälfte der Zeit stark von der Coronavirus-Pandemie geprägt. Rund dreieinhalb Monate lang fand ausschließlich telefonische Beratung statt. „Unsere diesjährige Halbjahresbilanz ist natürlich sehr dominiert durch die allgemeine Corona-Lage“, fasst Geschäftsführerin Agnes Zilligen zusammen. „Noch wichtiger ist aber, dass wir trotz Shutdown und Umstellung der Angebote wieder einmal bzw. anknüpfend an die letzten vier Jahre einen extremen Zuwachs an Anfragen haben.“

Eklatante Steigerung

Anders als bei einigen anderen Einrichtungen sind die Beratungsanfragen und -zahlen bei „RückHalt“ seit der Corona-Pandemie auch nicht zeitweise zurückgegangen. Die Auslastung des Beratungsteams ist hoch bis sehr hoch und entwickelt sich nach einer eklatanten Steigerung im Jahr 2019 immer weiter in dieselbe Richtung.

2019 hatten sich bei „RückHalt“ insgesamt (inklusive Projekt RückHalt-M) 485 Personen beraten lassen. 2020 waren es bis Ende Juni 373 Personen. Dies entspricht nach dem 1. Halbjahr bereits 77 Prozent der Personen von 2019 insgesamt.

Bei den absoluten Beratungszahlen sind Ende Juni 2020 im Vergleich zum gesamten Vorjahr immerhin schon 68 Prozent erreicht. Selbstverständlich hat sich durch den Shutdown und die Umstellung ab Mitte März auf ausschließlich telefonische Beratung das Verhältnis von persönlicher und telefonischer Beratung im Vergleich zum Vorjahr drastisch verändert. Gemessen an den Zahlen des gesamten Vorjahres war Ende Juni 2020 bereits die Marke von 138 Prozent für die telefonische Beratung erreicht.

Kein Zufall

Beraterin Gisela Görres sieht in der stetigen Zunahme an Beratungsanfragen der letzten Jahre überhaupt keinen Zufall. Besonders Frauen und Männer, die in ihrer Kindheit selbst Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind, können diesem Thema schon lange nicht mehr entfliehen. Sie können es auch nicht mehr aus ihrem Alltag verdrängen, weil es in nahezu jeder Nachrichtensendung, vielen Talkshows, Reportagen, Buchbesprechungen oder in Gesprächen im Freundes- oder Verwandtenkreis präsent ist.

Natürlich finden auch Betroffene es gut und richtig, wenn „Fälle“ bekannt werden und Täterinnen und Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Gleichzeitig führt die stetige Präsenz des Themas aber nicht selten auch zu einer starken psychischen Destabilisierung. Denn gerade wenn sogenannte Trauma-Inhalte (noch nicht oder nicht vollständig) verarbeitet sind, drängen diese durch die äußeren Umstände immer wieder ins Bewusstsein. Innerlich kann unter diesem Eindruck auch großer Schmerz darüber entstehen, dass erst jetzt, Jahrzehnte nach der eigenen Gewalterfahrung, das Thema in der Öffentlichkeit und von der Politik ernst genommen wird und dass den Betroffenen heute Glauben geschenkt wird, der ihnen selbst verwehrt blieb.

Hilfe bei Anträgen

Die Beratungsstellen von „RückHalt“ in Aachen und Stolberg stehen für alle Betroffenen von sexualisierter Gewalt aus dem Gebiet der Städteregion Aachen offen, unabhängig davon, ob die erlebten Übergriffe lange zurückliegen oder ob die Betroffenen gerade erst einen sexuellen Übergriff oder eine Gewalttat erlitten haben. Das Beratungsteam unterstützt mit psychologischer Beratung und bei Anträgen an den Fonds Sexueller Missbrauch.

Das „RückHalt-Team“ erhält neben sehr vielen Beratungsanfragen nahezu wöchentlich auch neue Anfragen von Frauen und Mädchen, die ihren Rechtsanspruch auf eine fachliche Begleitung zur Anzeigenerstattung und im Gerichtsverfahren wahrnehmen möchten. Da viele persönliche Termine in den ersten Monaten der Corona-Pandemie auch bei der Polizei und in den Gerichten ausgesetzt waren, ballen sich jetzt die Ladungstermine und Anfragen an die beiden anerkannten Psychosozialen

Dieses wichtige, aber sehr zeitaufwändige Angebot wirft immer wieder alle Terminplanung über den Haufen. „Weder die Opferzeugin selbst noch wir als Psychosoziale Prozessbegleiterinnen können Einfluss auf einen Gerichtstermin nehmen. Absprachen gehen am ehesten noch in Bezug auf die Vernehmungstermine beim zuständigen Kommissariat Sexualdelikte des Aachener Polizeipräsidiums“, beschreibt Monika Bulin die angespannte Arbeitssituation. „Meist müssen wir dann mindestens einen halben Arbeitstag, nicht selten auch den ganzen Tag für die Begleitung von Opferzeuginnen einplanen“, erläutert Nina Körner die Situation aus Arbeitnehmerinnen-Perspektive.

Manches muss ausfallen

Beide sind Prozessbegleiterinnen bei „RückHalt“. „Wir arbeiten gerne sehr flexibel, aber die häufig kurzfristige Umorganisation von privaten Terminen, von Kinderbetreuung etc. ist grundsätzlich schwierig genug, in Corona-Zeiten kostet das noch mehr Energie und Zeit, alles unter einen Hut zu bringen.“

Dass durch die Corona-Pandemie bisher viele Veranstaltungen und Fortbildungen ausfallen oder verschoben werden mussten, kommt zeitlich den Beratungs- und Begleitungs-Kapazitäten zu Gute. Gleichzeitig bedeutet dies aber auch, dass dem gemeinnützigen Verein eigene Einnahmen entgehen, die dringend zur Co-Finanzierung der öffentlichen Zuschüsse gebraucht werden. Positiv zu Buche schlägt in der unübersichtlichen Lage eine zusätzliche Sachkostenpauschale des Landes NRW, die sehr schnell und unbürokratisch bewilligt wurde. Leider könne das Geld aber nicht zur Deckung der laufenden Personalkosten eingesetzt werden.

(red)