Aachen: Der Alltag vieler Kinder hat sich radikal verändert

Aachen : Der Alltag vieler Kinder hat sich radikal verändert

Für viele Kinder in Aachen hat sich das Leben in den letzten Jahren radikal verändert. Kindergarten heißt heute meist Ganztags-Kita. Und Schule heißt heute meist Ganztagsschule. In einem gewaltigen Kraftakt sind die Kommunen dabei, die Betreuungsinfrastruktur weiter auszubauen.

In Aachen gibt es mittlerweile für mehr als 40 Prozent der Kinder unter drei Jahren einen Betreuungsplatz in der Kita oder bei der Tagesmutter, Tendenz steigend. Die Offene Ganztagsschule (OGS) ist fast flächendeckend an den Grundschulen installiert, Tendenz steigend.

„Das Erfahrungsfeld für Kinder wird kleiner“, stellt Professorin Verena Klomann vom Fachbereich Sozialwesen der Katholischen Hochschule in Aachen fest. Foto: Ralf Roeger

Ob OGS, Ganztags-Kita oder verkürzte Gymnasialzeit: Die damit einhergehenden Veränderungen sind so einschneidend, gleichzeitig aber noch so frisch, dass sich auch die Wissenschaft für den neu sortierten Lebensalltag von Kindern interessiert. Die Katholische Hochschule (Katho) in Aachen beschäftigt sich im Rahmen verschiedener Forschungsprojekte mit dem veränderten Alltag von Kindern, Jugendlichen und Familien.

Was wird aus der Jugendarbeit?

„So wollen wir zum Beispiel herausfinden, welche Wünsche Kinder und Jugendliche an die Angebote der offenen Kinder- und Jugendarbeit haben und welche Bedeutung diese non-formalen und informellen Bildungsorte für sie haben“, erläutert Professorin Verena Klomann vom Fachbereich Sozialwesen der Katho. „Darüber hinaus interessiert uns, wie die Kolleginnen und Kollegen in der Praxis die Veränderungen im Alltag der Kinder und Jugendlichen erleben und was dies für die Angebote der offenen Kinder- und Jugendarbeit bedeutet.“ Im Laufe des kommenden Jahres sollen erste Ergebnisse vorliegen.

Der Alltag von Kindern, sagt Klomann, ist heute häufig eng getaktet — wie die aktuelle Studie der Universität Bielefeld zeige, erlebe jedes fünfte Kind erhöhten Stress und zeige deutliche Stresssymptome. Viele Grundschüler verbringen einen Großteil des Tages in der Schule. Die spannende Frage, so die Diplom-Sozialpädagogin, sei, wie man Kindern dennoch Freiräume schafft, in denen sie ihre eigenen Erfahrungen machen können. „Wenn die Schule so lange dauert, wird es ja schon schwierig, einem Hobby nachzugehen.“ Auch die klassische Ehrenamtsarbeit bekomme den Wandel zu spüren. Schon aus Zeitmangel sei es für den Nachwuchs schwierig, in ein Ehrenamt hineinzuwachsen und sich darin zu erproben, Verantwortung zu tragen.

Der Leistungsdruck nimmt zu, stellt Klomann fest, gleichzeitig haben Kinder immer weniger frei verfügbare Zeit. „Ich sehe durchaus, dass es im Ganztagsbetrieb große Bemühungen gibt, Räume zu schaffen, in denen sich die Kinder ausprobieren können.“ So bieten die Offenen Ganztagsschulen eine breit gefächerte Auswahl an Arbeitsgemeinschaften im betreuten Nachmittag. Die Frage, die die Wissenschaft nun stellt: Reicht das?

Im Idealfall, sagt Klomann, sollten Kinder auch einmal selbst entscheiden können, was sie machen, mit wem sie etwas unternehmen und ob sie vielleicht einmal nicht betreut werden wollen. „Im Alltag, wenn Kinder erst um 17 Uhr nach Hause kommen, bleibt aber nicht viel Zeit, eigene Ideen zu entwickeln.“ Die Wissenschaftlerin stellt fest. „Das Erfahrungsfeld für Kinder wird kleiner.“

Im Sozialgesetzbuch (SGB VIII) sind Ziel und Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe aber ausdrücklich festgeschrieben, erklärt Klomann: Junge Menschen sollen zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten heranreifen und auf diesem Weg unterstützt werden. „Dazu gehört auch, dass man auch etwas ausprobiert, etwas riskiert und vielleicht auch mal auf die Nase fällt.“

Selbstständig werden

Mit den aktuellen Forschungsvorhaben will man an der Katho herausfinden, was die Kinder- und Jugendarbeit bieten muss und welche Rahmenbedingungen sie braucht, damit junge Menschen auch unter modernen Ganztags-Bedingungen selbstständig werden und Vorstellungen von einem guten Leben für sich entwickeln können. Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein. Auf jeden Fall, sagt Klomann, gelte es solche Lern- und Erfahrungsräume für Kinder und Jugendliche zu erhalten und Eltern zu ermutigen, im häufig eng getakteten und an Leistung ausgerichteten Alltag der Kinder durch frei verfügbare Zeiten neue Erfahrungsräume zu eröffnen.