Der Aachener Nagel-Roland erinnert an den Ersten Weltkrieg

Geheimes Aachen: Nageln fürs Vaterland

Das ganze Elend, das der Erste Weltkrieg noch über die Menschen bringen sollte, war am 26. September 1915 noch nicht absehbar. An jenem Tag wurde in der Rotunde des Elisenbrunnens eine hölzerne Roland-Figur feierlich aufgestellt, die es den Aachenern ermöglichen sollte, den kämpfenden Soldaten auch fern der Front beizustehen.

Gegen eine Gebühr konnten sie hier - wie auch in vielen anderen deutschen Städten – Nägel in die Figur einschlagen und damit ihre vaterländische Gesinnung unter Beweis stellen. Der Aachener „Nagel-Roland“ zählt zu den wenigen noch erhaltenen Figuren jener Zeit.

Wie lange er in der Rotunde den Schlägen seiner Zeitgenossen standhalten musste, weiß heute niemand mehr. Bis „allerspätestens 1919“ könnte er dort gestanden haben, sagt Andreas Düspohl, Leiter des Zeitungsmuseums. Genaueres aber weiß auch er nicht. In seinem Bestand aber findet sich noch der Hinweis, wofür ihn der Bildhauer und einstige Lehrer an der Kunstgewerbeschule Aachen, Carl Burger (1875-1950), überhaupt entworfen hat. Die Einnahmen aus dem Nageln gingen damals an die Kriegsfürsorge der Stadt und das Aachener Rote Kreuz, finanziert wurde damit vor allem die Versorgung der Kriegsversehrten, Geld kam aber wohl auch den Hinterbliebenen von Gefallenen zugute.

Die damalige Kriegsbegeisterung und der grassierende Hurra-Patriotismus zeigt sich auch in dem Gedicht, das offenbar eigens für den „Roland von Aachen“ geschrieben wurde und mehr Propaganda als Kunst war: „Auf wuchtigen Schultern ein knorriger Kopf, Darauf ein trutziger Eisentopf. Entschlossenheit in den herben Zügen: ‚Wir halten aus, wir müssen siegen!‘ So hat der Künstler in mir geschaffen, Ein Sinnbild des deutschen Volkes in Waffen.“

Burger, der in Aachen unter anderem auch die Figur des Wehrhaften Schmieds geschaffen hat, dürfte sich nicht von ungefähr für den Roland entschieden haben, der seit dem Mittelalter in Deutschland den Staus eines Volkshelden hatte und vor allem durch das Rolandslied bekannt wurde. In vielen Städten wurde er auch als Symbol für Unabhängigkeit und die bürgerlichen Freiheiten aufgestellt.

Welchen Erlös die Nagelaktionen in Aachen über die Jahre eingebracht haben, ist unbekannt. In der Regel wurden die Nägel für 50 Pfennig ausgegeben, teils sollen sie aber auch deutlich teurer gewesen sein. Als Besonderheit konnten in Aachen auch Schilder zum Preis von 500 und 1000 Mark am Sockel angebracht werden, weiß Düspohl. Entscheidender aber waren offenbar auch beim Aachener Roland die Nägel, durch die er überhaupt erst sein endgültiges Aussehen mit Schild und eiserner Rüstung erhalten sollte.

Die Nagel-Figuren waren während des Ersten Weltkriegs, der am 11. November vor 100 Jahren endete, weit verbreitet, auch im Bereich der österreichischen Donaumonarchie und selbst in Istanbul im verbündeten osmanischen Reich soll damals genagelt worden sein. Doch schon ein Jahr vor Kriegsende hatte das Nageln vielfach sein Ende gefunden, weil das „deutsche Volk in Waffen“ angesichts der unfassbaren Verluste von Menschenleben und der zunehmenden Not längst alle Kriegseuphorie verloren hatte.

Folge der Restaurierung: Viele Nägel wurden herausgezogen. Foto: ZVA/Harald Krömer

So wurde schließlich auch der Aachener „Nagel-Roland“ wieder abgebaut und in einem Raum unterm Kaiserbad eingelagert, wo er lange Zeit in der Ecke stand und in Vergessenheit geriet. Erst Ende des 20. Jahrhunderts wurde er wieder entdeckt und restauriert. Zuletzt holte ihn Düspohl vor vier Jahren anlässlich der Ausstellung „Der Erste Weltkrieg – Ausbruch und Auftakt“ ins Zeitungsmuseum und präsentierte ihn dort einer interessierten Öffentlichkeit. Derzeit befindet sich die Statue wieder in einem Depot der Stadt an der Mataréstraße.

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