Aachen: Den Domschatz auf ganz besondere Weise erleben

Aachen : Den Domschatz auf ganz besondere Weise erleben

„Salvete! Vos omnes ex animo saluto“ — übersetzt: „Herzlich willkommen.“ So wurden die Teilnehmer im Rahmen der einmal im Monat stattfindenden besonderen Führung durch die Domschatzkammer begrüßt. Der Führer erschien dieses Mal in einer römischen Toga (Maße: 6 Meter Breite, 3,5 Meter Höhe). Im alten Rom standen für eine derartige Einkleidung eines Römers gleich drei Sklaven bereit.

Mit bürgerlichem Namen heißt der junge Mann Oliver Meuser. Vor kurzem hat er sein Referendariat mit den Fächern Latein und Griechisch begonnen. Wie angekündigt führte er die Besucher auf Latein durch die Schatzkammer. Um Missverständnissen vorzubeugen, erklärte er ausdrücklich, dass er kein Römer sei — „ego Romanus non sum“.

Meuser machte einleitend darauf aufmerksam, dass das Sprechen von Latein in der mündlichen Kommunikation ungewöhnlich und gewöhnungsbedürftig ist. Der traditionelle Lateinunterricht an den Schulen beschäftigt sich in der Regel mit Texten, die gelesen werden. Er plädierte jedoch für das gesprochene Latein, um die Sprache noch erlebbarer zu machen. Man bekomme auf diese Weise einen besseren Zugang zur Sprache.

Und die Teilnehmer? Wer nimmt an einer solch besonderen Führung teil? Norbert K. zum Beispiel, der an den Lateinunterricht der eigenen Schulzeit keine guten Erinnerungen hat. Im vorgerückten Alter stellte sich bei ihm wieder Interesse an der lateinischen Sprache ein.

Er nehme sogar Privatunterricht bei einem Lateinlehrer, erklärte er. Die wieder gewonnene Freude an der Sprache hatte ihn in die Domschatzkammer geführt. Eine andere Teilnehmerin, Marie Sophie K., ist Schülerin der Domsingschule in der vierten Klasse. Sie hatte ihre Mutter mitgebracht. Marie Sophie war entschlossen, als erster Fremdsprache auf der weiterführenden Schule Latein zu wählen. Die Domschatzkammer kannte sie als Domsingschülerin von mehreren Unterrichtsgängen her. Eine Führung auf Latein hatte sie dabei allerdings nicht erlebt. Die Führung sollte sozusagen ein erstes Bekanntwerden mit der Sprache ermöglichen.

Und dann ging es beginnend mit der Zeittafel im Foyer des „Thesaurus cathedralis Aquensis“ (Aachener Domschatz) los: Der Führer beschrieb in einigen wichtigen Stationen das Leben Karls des Großen („Carolus Magnus“). Auf einer Münze konnten die Zuhörer einen von Karls Titeln lesen: „Carolus rex Francorum“ (Karl König der Franken).

Beim karolingischen Evangeliar (Codex Euangeliorum carolinus) aus dem 9. Jahrhundert erläuterte Meuser die traditionellen Attribute der vier Evangelisten: „Mattheo homo, Marco leo, Lucae taurus, Iohanni aquila“ — für Matthäus ist es ein Mensch, für Marcus ein Löwe, für Lukas ein Stier und für Johannes ein Adler.

Vor dem Proserpinasarkophag erzählte der Führer die Geschichte vom Raub der Proserpina („fabula raptus Proserpinae“). Vor der Karlsbüste („Simulacrum Caroli“) stehend lenkte Meuser die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer auf die Haartracht des dargestellten Kaisers: „Faciem spectate simulacri“.

Bei der Erläuterung des Lotharkreuzes („Crux Lotharii“) wies er auf den Umstand hin, dass das Haupt Christi auf der gleichen Höhe wie das Haupt des Kaisers Augustus auf der anderen Seite des Kreuzes dargestellt ist („Caput Iesu est in eadem altitudine in qua altera parte caput Augusti“). „Quaestiones?“ — noch Fragen ? So richtete sich Meuser an einigen Stellen seines Vortrags an seine Zuhörer.

Die gestanden anschließend in einem Gespräch, dass sie vieles nur andeutungsweise verstanden hatten, aber trotzdem die lateinische Führung sehr interessant gewesen sei.

Für die Domsingschülerin Marie Sophie stand am Ende entschiedener als vorher fest, dass sie in der weiterführenden Schule mit Latein als erster Fremdsprache beginnen würde. Das Experiment mit der lateinischen Führung soll fortgesetzt werden: Es soll an jedem ersten Sonntag im Monat eine lateinische Schatzkammerführung oder Domführung geben.

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