Aachen: Dem Sozialbereich kommen die Ehrenamtler abhanden

Aachen: Dem Sozialbereich kommen die Ehrenamtler abhanden

Die schlimmsten Befürchtungen der Sozialverbände scheinen sich zu bewahrheiten: Dem Sozialbereich kommen allmählich die dringend benötigten Ehrenamtler abhanden. Der Grund sind die Anfang des Jahres von CDU und Grünen vorgenommenen Einschnitte beim Freiwilligen-Zentrum und dem Verein zur Förderung des Ehrenamtes.

Es gehört zur besonderen Ironie dieser Geschichte, dass ausgerechnet Oberbürgermeister Marcel Philipp, der eigentlich angetreten ist, das Ehrenamt zu stärken, für die fatale Entwicklung mitverantwortlich gemacht wird. In großer Runde warnten am Montag führende Vertreter von Caritas, Arbeiterwohlfahrt (AWO), Paritätischem Wohlfahrtsverband (DPWV), Diakonischem Werk und Deutschem Roten Kreuz (DRK) davor, dass sich die Stadt „schleichend eines wichtigen Instrumentariums entledige”.

Gefährdet sei ein über die Jahre hinweg aufgebautes und „gut funktionierendes Netzwerk”, dem die Zuschüsse um die Hälfte gekürzt wurden. Nicht mal 30.000 Euro hat die Stadt auf diese Weise in diesem Jahr umverteilt. Dafür drohe den Wohlfahrtsverbänden nun die Zerschlagung „einer gesunden Infrastruktur”, wie ihr Sprecher Bernhard Verholen, zugleich Caritas-Geschäftsführer, fürchtet. Gemeinsam mit seinen Kollegen und Mitstreitern Gabriele Neumann-Cremer (AWO), Merete Menze (DPWV) und Marion Timm (Diakonie) appelliert er eindringlich an die städtischen Sozialpolitiker, die Kürzungen rückgängig zu machen und sich klar zum sozialen Ehrenamt zu bekennen.

Um den Politikern die Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements für den sozialen Sektor vor Augen zu führen, wollen sie im Sozialausschuss (Donnerstag, 24. November, 17 Uhr, Rathaus) die Bandbreite ihrer Arbeit vorstellen und dort auch mit dem Vorurteil aufräumen, Freiwilligenarbeit sei zum Nulltarif zu haben.

Ehrenamt sei „wie der Mörtel in den Fugen eines Gebäudes”, sagt Verholen, es ist „unerlässlich für das gesellschaftliche Gefüge”. Aber es braucht immer auch eine professionelle Begleitung, betonen die Fachleute. „Ehrenamtliche Arbeit hat ihren Preis.” Wer in der Hospizarbeit, in der Behinderten- oder Altenhilfe, im Krankenhaus-Besuchsdienst, der Flüchtlingsberatung oder der Grundschulbetreuung tätig sei, benötige stets eine qualifizierte Begleitung. Dazu gehören Schulungen, Supervisionen und Teambesprechungen, aber auch Räumlichkeiten und eine gute Sachausstattung.

All dies konnte früher ausreichend in den Freiwilligenzentren bereitgestellt werden. In diesem Jahr mussten mangels städtischer Unterstützung die Beratungs- und Schulungszeiten zusammengestrichen werden - mit der Folge, dass nur noch halb so viele Ehrenamtler wie in den Vorjahren vermittelt werden. In dem vom OB ins Leben gerufenen Büro für Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement werde diese Arbeit nicht aufgefangen, kritisieren die Verbände, die sich ohnehin fragen, warum eine neue Struktur zu Lasten einer vorhandenen aufgebaut wird.

Inzwischen sei die Gefahr groß, dass in Aachen nicht mal mehr die Qualitätsstandards der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen erfüllt werden könnten, sagt Verholen. Und so fragt er sich, welchen Wert die Ehrenamts-Kampagne des OB habe, wenn die dazugehörige Struktur weg ist.

In Gefahr seien nunmehr wesentliche Hilfsangebote für Familien, kranke, behinderte oder alte Menschen oder auch Flüchtlinge. Mitgetragen werden diese sozialen Dienste in Aachen von rund 3000 Ehrenamtlern.

Der gesellschaftliche Nutzen ihres Einsatzes sei kaum zu unterschätzen, sagt Merete Menze. So habe eine Studie der Katholischen Fachhochschule München im Jahr 2008 ergeben, dass jeder Euro, mit dem die Stadt das Ehrenamt unterstützt, den siebenfachen gesellschaftlichen Nutzwert erzeugt.