Aachen: Das „rohestheater“ haucht „Kabale und Liebe“ neues Leben ein

Aachen : Das „rohestheater“ haucht „Kabale und Liebe“ neues Leben ein

Mehr als 20 Schüler stehen bei „Kabale und Liebe“ auf der Bühne, „und das sind so viele wie nie zuvor“, sagt Eckhard Debour vom „rohestheater“. Dabei schlüpfen die Schüler nur vorübergehend in die Rollen von Friedrich Schillers Drama. Und um diesem Ansatz schon bei der Kostümierung Ausdruck zu verleihen, hat sich das „rohestheater“ etwas ganz Besonderes einfallen lassen.

Ganz anders als sonst spielen die Schülerinnen und Schüler der Mies-van-der-Rohe-Schule nicht nur als Chor, sondern übernehmen ganz konkrete Rollen aus Schillers Drama in fünf Akten. Dass es die Protagonisten Ferdinand und Luise jeweils in siebenfacher Ausführung gibt, macht einmal mehr deutlich, dass die Schauspieler nicht die Personen sind, die sie spielen. Unter dem Leitsatz „Wir sind nicht wirklich diese Figur“ schlüpfen sie nur vorübergehend in die jeweilige Rolle. Und um diesem Ansatz schon bei der Kostümierung Ausdruck zu verleihen, hat sich das „rohestheater“ etwas ganz Besonderes einfallen lassen.

„Historisierende Kostüme“

„Wir wollten historisierende Kostüme haben, die die Zeit wiedergeben“, sagt Ulrike Gutmann, die bereits seit drei Jahren als Kostümbildnerin für das „rohestheater“ im Einsatz ist. Als das Aachener Stadttheater Ende des vergangenen Jahres wieder einmal seinen Fundus durchforstete und Kleider und Kostüme zum Kauf anbot, nutzte Gutmann die Gelegenheit und erstand dort alles, was für die neue Inszenierung notwendig war.

Dann machte sie sich an die Arbeit. Die Kostüme wurden halbiert und jeweils mit weißem Stoff wieder vervollständigt. „So ist jedes Kostüm wie eine Skizze, die zur Hälfte koloriert ist und zur anderen nicht“, sagt Ulrike Gutmann. Und das passt ihrer Meinung nach ganz wunderbar zum Ansatz der aktuellen Inszenierung.

Wie Marionetten

Denn Schillers „Kabale und Liebe“ macht laut Debour aufgrund der historischen Distanz manchmal den „Eindruck eines Puppenspiels, fremd entfernt und vergleichbar einer Spieluhr, die man aufziehen muss, damit man sie wieder zum Leben erweckt“.

Und damit war offensichtlich die Idee geboren, die Figuren wie Puppen oder Marionetten zu präsentieren, die sich ihre Rollen nur „anziehen“, sie also zwar spielen, danach aber gleich wieder in den Puppenmodus zurückfallen. Außerdem ergänzt Eckhard Debour das klassische Drama mit modernen Elementen. Auf einer großen Leinwand präsentieren sich die männlichen Schauspieler als Narzissten und streichen sich selbstverliebt über die nackte Brust. Sogar Debour selbst hat sich auf ausdrücklichen Wunsch seiner Schüler hier eingereiht, um ebenso wie sie zu versinnbildlichen, dass auch Schillers Ferdinand in seiner selbstbezogenen Liebe zu Luise narzisstische Tendenzen zeigt.

Dass das „rohestheater“ sich in seiner jüngsten Inszenierung mit Schillers „Kabale und Liebe“ beschäftigt, ist kein Zufall. Das Drama ist laut Debour Teil des Zentralabiturs im Fach Deutsch. Bei der Lektüre des Textes habe sich aber gezeigt, dass die Schüler keinen unmittelbaren Zugang zu dem Stück finden konnten. Sie hätten „Schillers Sprach- und Gedankenwelt zunächst wie eine Fremdsprache entschlüsseln“ müssen. „Erst bei der intensiven Beschäftigung mit dem Stück stellten wir dann fest, dass es gar nicht so unzeitgemäß und jugendfern ist, wie es zunächst den Anschein hatte“, erzählt Debour. Die Rollenbilder von Junge und Mädchen, Mann und Frau, aristokratisch und bürgerlich, reich und arm erwiesen sich demnach bei näherer Betrachtung als durchaus aktuell.

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