Aachen: Das Jahr 2017 in Aachen: Das Parkhaus Büchel steht und steht und steht

Aachen : Das Jahr 2017 in Aachen: Das Parkhaus Büchel steht und steht und steht

Vielleicht wird das Jahr 2017 mal in die Geschichte eingehen, irgendwann, wenn spätere Historiker erforscht haben, was in dieser Zeit seinen Anfang nahm, zu Ende geführt wurde oder auch verdientermaßen entschlafen ist. Vielleicht war ja Bahnbrechendes dabei, schau'n mer mal.

Die große Reform der Aachener Abfallwirtschaft wird es wohl kaum in die Geschichtsbücher schaffen, obwohl der Laden ordentlich umgekrempelt wurde. Neue Tonnengrößen und Leerungsrhythmen oder andere Sitten bei der Sperrgutabfuhr wurden von den traditionsbewussten Öchern zu Beginn des Jahres erwartungsgemäß mit skeptischen Blicken betrachtet. Vor allem die neu erfundene Mindestmüllmenge erhitzte die Gemüter; viele glaubten, dass sie tatsächlich gar nicht so viel in die Tonne kloppen. Zum Ende des Jahres bescheinigte ein Experte vom Institut INFA, dass alles wie erwartet eingetreten und die Müllabfuhr effizienter sei. Schön für die Stadt, meinen viele Bürger, aber nicht unbedingt für alle Gebührenzahler. Die Historiker werden es übergehen.

stoppmja31 25.06.2017 menschenkette stopp tihange.

Drei Niederlagen in Folge

Kurze Stippvisite: Im Juli rauschte die Tour de France durch Aachen (1). Protest: gegen den belgischen Atommeiler in Tihange gingen die Aachener mehrfach auf die Straße (2). Gefahr: Ein Unbekannter verstreute giftige Rohrreiniger-Kügelchen auf Spielplätzen (3). Debatten: Die Bordelle in der Antoniusstraße beschäftigten weiter die Politik (4). Für Europa: „Pulse of Europe“-Kundgebungen gab es regelmäßig auf dem Katschhof (5).

Auch die Fort- und Rückschritte im Ringen um die Windenergieanlagen im Münsterwald taugen nicht zum historischen Datum. Zwar begannen im Februar die Rodungsarbeiten für die Rotoren unweit der Himmelsleiter, doch die juristischen Scharmützel gehen weiter. Nachdem die Eilanträge der Landesgemeinschaft Naturschutz und Umwelt (LNU) gegen die städtische Genehmigung des Windparks in zwei Instanzen abgewiesen worden waren, kassierten die Kläger auch im Hauptsacheverfahren vor dem Aachener Verwaltungsgericht im Dezember eine Niederlage. Sie denken nun über einen Gang zum Oberverwaltungsgericht nach, womit zumindest eines klar ist: Was immer passieren wird, passiert frühestens im nächsten Jahr.

Das sanierungsbedürftige Viertel rund um die Antoniusstraße aus der Luft, rechts „das Sträßchen“, wie es heute noch aussieht.

Am Büchel ist mal wieder gar nix passiert, obwohl es in der Politik ein großen Flügelschlagen gab. Ausgelöst hatte es Oberbürgermeister Marcel Philipp mit einer berüchtigt gewordenen Liste von alternativen Standorten für die Bordellbetriebe aus der Antonius­straße. Die finden die an der Entwicklung des Altstadtquartiers Büchel beteiligten Investoren sowieso doof, und der Aachener Polizeipräsident machte inzwischen auch Sicherheitsbedenken geltend. Für den OB ist seine Liste nun ein Teil der Lösung, für viele Rats­politiker eher ein Teil des Problems. Weil die Mehrheit für den Verbleib des Rotlichtbezirks in der Innenstadt gestimmt hatte, empfindet sie Philipps Standortsuche als Bremsmanöver. Klar ist: Das seit langer Zeit dem Abriss geweihte Parkhaus Büchel steht immer noch. Sollte es mal Weltkulturerbe werden, wären die Historiker sicher an den Hintergründen interessiert.

Kurze Stippvisite: Im Juli rauschte die Tour de France durch Aachen (1). Protest: gegen den belgischen Atommeiler in Tihange gingen die Aachener mehrfach auf die Straße (2). Gefahr: Ein Unbekannter verstreute giftige Rohrreiniger-Kügelchen auf Spielplätzen (3). Debatten: Die Bordelle in der Antoniusstraße beschäftigten weiter die Politik (4). Für Europa: „Pulse of Europe“-Kundgebungen gab es regelmäßig auf dem Katschhof (5).

Groß rauskommen wird die Stadt auch nicht mit dem Neuen Kurhaus, denn die Verwaltung hat die Sanierungsarbeiten an der Nobelimmobilie an der Monheimsallee im Herbst vorsichtshalber gestoppt. Der sollte für die Rückkehr des zum Tivoli verzogenen Spielcasinos, den Gastronomiebetrieb Maison van den Boer, das Unterhaltungsunternehmen Explorado und noch andere Nutzer hergerichtet werden, was ursprünglich etwa 16 Millionen Euro kosten sollte. Nach ersten Arbeiten, dabei gewonnenen Erkenntnissen und vor allem einer neuen Kalkulation der Architekten standen plötzlich knapp 37 Millionen Euro im Raum, und die Stadt bekam Angst. Nun soll alles noch einmal überdacht und mit den potenziellen Nutzern beredet werden. Sollte Aachen sich damit Blamagen wie die Hamburger Elbphilharmonie oder das Kölner Opernhaus erspart haben, würden die Historiker das aber gar nicht merken.

Eigene Erfahrungen mit kostspieligen Kuckuckseiern haben die Öcher ja durchaus. Die Kosten für den Tivoli belasten weiterhin das Stadtsäckel, und beim ehemaligen Alemannia-Geschäftsführer ist wohl nichts zu holen. Dass ihnen Frithjof Kraemer eine fiese Suppe eingebrockt hat, glauben Politik und Verwaltung zwar immer noch, dennoch will man sich auf einen Vergleich einigen: Kraemer soll noch ein Rechtsgutachten zahlen (immerhin ein Betrag im fünfstelligen Bereich). Auf weitere Ansprüche verzichtet die Stadt, weil unterm Strich wohl nichts dabei herumkommen würde. Für Regionalligafußballhistoriker ist das eher eine Fußnote.

Großer Sport geht sowieso auch ohne großes Stadion, das haben die Öcher im Juli erlebt, als die Tour de France durch die Stadt rauschte. Zwar brauchten die Radler nicht lange für den Streckenabschnitt von Haaren durch die Innenstadt bis zum Grenzübergang Bildchen, zudem war das Wetter äußerst Aachen, aber das durchnässte Publikum hatte trotzdem Spaß. Das muss nun eine Weile vorhalten, denn so oft kommt das renommierte Radsportereignis nicht in den Westzipfel. Zuvorletzt waren die Radprofis 1992 durch Aachen gesaust.

Karneval in Zeiten des Terrors

Dabei ist die Stadt für Radler nicht gerade ein Eldorado. Im Frühjahr wurde eine 29-jährige Radfahrerin am Hansemann von einem Bus überfahren. Der tödliche Unfall war Anlass zu einem „Ride of Silence“, an dem sich etwa 800 Radler beteiligten. Überhaupt waren die Aachener in diesem Jahr häufiger auf der Straße. Der ersten „Pulse of Europe“-Kundgebung im März auf dem Katschhof folgten viele weitere, zahlreiche Öcher reihten sich ein in die grenzüberschreitende Menschenkette zum Protest gegen den belgischen Atommeiler Tihange, gegen den auch etwa 3500 Radler bei der „Tour Becquerel“ protestierten — und die Demo gegen den geplanten Abzug der Therapeuten aus den Kindertagesstätten war sogar erfolgreich: Der Kinder- und Jugendausschuss beschloss schließlich, die Therapeuten in den Kitas zu lassen. Ob das den Historikern eine Notiz wert ist?

Sie werden vielleicht aber bemerken, dass selbst der Karneval nicht mehr das ist, was er mal war: Die Jeckerei ist in Zeiten terroristischer Bedrohung ernster geworden, die Karnevalsumzüge wurden diesmal von 30 Lastwagen vor möglichen Anschlägen geschützt. Sogar die Gewehrattrappe eines kostümierten Penn-Soldaten fällt da auf. Der Jeck war damit unterwegs zu einer Karnevalsveranstaltung, als die Polizei das Ding als „Anscheinswaffe“ einkassierte und auf künftigen Transport in einem geschlossenen Behältnis bestand. Unter die Rubrik Terrorabwehr fällt auch die Montage von versenkbaren stabilen Pollern in der Jakobstraße, um unter anderem den Weihnachtsmarkt zu schützen.

Was aber tut man gegen einen Unbekannten, der giftige Kügelchen auf Kinderspielplätzen verstreut. Das Zeug, das sich als Rohrreiniger entpuppt, verletzte im Mai zwei Kinder auf einem Grillplatz am Stadtwald. Im September wurde der Täter dank versteckter Kameras gefasst und später wegen versuchten Mordes in fünf Fällen angeklagt.

Noch zwei Anmerkungen für die Historiker: Armin Laschet ist nicht mehr Aachener CDU-Vorsitzender, sondern jetzt Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Vielleicht sollte man ihn im Auge behalten. Und die Stadtverwaltung erstattet ihren Mitarbeitern nicht mehr Dienstfahrten mit ihren Privatautos. Sie sollen Busse, Fahrräder, städtische Elektromobile oder Car-Sharing nutzen. Solche Kleinigkeiten könnten erste Vorboten eines Wandels sein.

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