Aachen: Das große Gerangel um den knappen Platz

Aachen : Das große Gerangel um den knappen Platz

Vom Wohnzimmerfenster aus blickt der Architekt Günter Stehling auf eine Baustelle, die ihm einige Bauchschmerzen bereitet und bei ihm längst auch grundlegende Fragen aufwirft: Ist das noch Städtebau, der sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert? Oder geht es nur noch um den Geldbeutel der Investoren?

Wo einst der Jakobshof Musikbegeisterte und Partygänger anlockte, wird derzeit die Baugrube für neues studentisches Wohnen ausgehoben. Zwei Apartmenthäuser und eine Tiefgarage sollen dort entstehen — und zumindest ein Gebäudetrakt rückt in den Augen Stehlings doch bedenklich nahe an angrenzende Häuser heran.

Wo einst der Jakobshof stand, wird jetzt der Bau neuer Studentenapartments vorbereitet (großes Bild). Nicht allen Nachbarn gefällt diese Art der Nachverdichtung. Geschosshöhen und Fassadengestaltung wie beim Projekt „AachenMitteMitte“ rufen zunehmend Kritiker auf den Plan. Foto: Harald Krömer

„Zu hoch und zu eng“ — auf diesen kurzen Nenner bringt Nachbar Stehling seine Kritik. „Man muss doch noch atmen können“, meint er und fürchtet, dass den Nachbarn nach Fertigstellung des vierstöckigen Komplexes nicht nur die Luft, sondern auch das Licht genommen wird. „Irrsinn“ nennt er diese Art der Nachverdichtung, die derzeit an vielen Stellen der Stadt zu beobachten und ja durchaus auch gewollt ist.

So haben sich die beiden Mehrheitsfraktionen von CDU und SPD auch in ihrer Koalitionsvereinbarung darauf verständigt, den Wohnungsbau durch die sogenannte Nachverdichtung in Innenstadtlagen zu fördern. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Es herrscht Mangel sowohl an Wohnraum als auch an geeignetem Bauland. Und wo immer gebaut werden soll — ob auf den grünen Wiesen der Richtericher Dell oder in eng bebauten Quartieren wie im Hubertusviertel — müssen sich Planer und Politiker auf Protest gefasst machen.

Von einer „spannenden Thematik“ sprechen daher altgediente Planungspolitiker wie Harald Baal (CDU) oder Norbert Plum (SPD), die sich ständig mit solchen Fragen befassen müssen, wie hoch und wie dicht an welchen Stellen gebaut werden soll. Das betrifft insbesondere auch solche Blockinnenbereiche wie an der Stromgasse im Hubertusviertel.

Ob und wie man sie bebauen soll, sei eine Frage, die stets von Fall zu Fall beantwortet werden müsse, sagen sowohl die Planungspolitiker als auch die Fachleute der Verwaltung. Denn natürlich wissen auch sie, dass Hinterhöfe oftmals eine besondere Qualität haben. Zuweilen befinden sich hinter den Häuserzeilen kleine Gewerbebetriebe oder Garagenhöfe, oft aber auch grüne Oasen mit prächtigen Bäumen und Lebensraum für allerlei Kleingetier.

So etwa auch in einem von Boxgraben, Mariabrunnstraße und Südstraße umgebenen Karree, in dem bereits das nächste Wohnprojekt — „Luisenhöfe“ genannt — geplant wird. Wo derzeit noch viel Grün in die Höhe wächst, planen die beiden Aachener Gesellschaften Landmarken und Aixact ein Wohnquartier mit rund 15 000 Quadratmetern Wohn- und Nutzfläche.

Wie es am Ende genau aussehen wird, ist noch offen, weil man sich noch ganz am Anfang der Planungen befindet, doch schon jetzt können sich die Investoren auf Gegenwind gefasst machen. Denn nicht nur die Politiker haben noch viele Fragen zum Bauvorhaben, auch Anwohner organisieren bereits eine Gegenöffentlichkeit. So hat Karsten Schellmat bereits eine Initiative auf der Webseite „unser-AC.de“ gestartet und einen Blog im Internet eingerichtet. Er möchte sich „vehement gegen eine Gewinnoptimierung wehren, welche zu Lasten unseres Blockes geht“, heißt es da. Denn: „Ein Angriff auf dieses Grundstück würde umgehend zu einem rapiden Verlust an Artenvielfalt im Blockinneren führen.“

Gedacht ist dort immerhin an ein komplettes kleines Wohngebiet, das von der Mariabrunn­straße her erschlossen werden soll und Wohnhäuser, eine Kita, eine Seniorentagespflegeeinrichtung und womöglich auch kleinere Geschäfte umfassen soll. Für Stehling ist auch das nur ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr einige Investoren die Interessen der Innenstadtbewohner aus den Augen verloren haben.

Kritischer sieht er auch ein weiteres Projekt, das derzeit in seiner Nachbarschaft unter dem Namen „AachenMitteMitte“ fertiggestellt wird. Auch dort ist in seinen Augen entlang der engen Straße An den Frauenbrüdern und Im Mariental mit den fünf- bis sechsgeschossigen Bauten zu groß geplant worden. Noch dazu „entzieht die dunkle Fassade den Leuten die Sonne“, ist er überzeugt.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich schwerlich streiten, und so bleibt es auch für Politik und Verwaltung stets eine Gratwanderung, den Interessen aller Beteiligten gerecht zu werden. Jeder Quadratmeter mehr, der in der Innenstadt bebaut werden kann, und jedes Geschoss mehr, das in die Höhe gezogen werden darf, ist bares Geld wert. Was die Investoren wollen, ist somit klar.

Stehling, der sich seinerseits vor allem auf die Altbausanierung spezialisiert hat, will hingegen die Diskussion in eine andere Richtung lenken und warnt angesichts der vielen aktuellen Bauvorhaben: „Wir brauchen Charakter für eine Stadt, ich fürchte, wir tragen das gerade zu Grabe.“

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