Aachen: Das Gefühl von Heimat in den Trümmern des Kriegs

Aachen: Das Gefühl von Heimat in den Trümmern des Kriegs

Es war kalt in Aachen am 26. November 1944. Und es war Sonntag, der 1. Advent. Bischof Joseph van der Velden wollte unbedingt im Dom ein Pontifikalamt halten, obwohl auch schon vorher in den gerade mal erhaltenen Domkapellen Gottesdienste zelebriert worden waren.

Den wenigen in Aachen verbliebenen Bürgern wollte der aus Übach stammende Oberhirte mit diesem Adventshochamt ein Gefühl der Heimat und der Verbundenheit vermitteln. Denn noch lebten nicht viele Aachener wieder in ihrer Heimatstadt.

Aachen 1944: Im Dezember lag die Kirche St. Foillan in Trümmern, nur der Turm hatte die Bombenangriffe überstanden. Auch der Dom war stark beschädigt. Dennoch wurde am 1. Advent ein Pontifikalamt gefeiert.

Schwerste Zerstörungen durch die mehr als 70 Bombenangriffe prägten das Stadtbild, an ein modernes städtisches Leben war überhaupt nicht zu denken.

Max Fuchs (links) wirkt als Kantor beim jüdischen Gottesdienst am 29. Oktober 1944 in der Nähe von Aachen mit.

Auch der Aachener Dom war in Mitleidenschaft gezogen worden. Zwar war von Seiten des Bistums alles getan worden, um die ehrwürdige Kathedrale vor Zerstörungen zu schützen, aber geklappt hatte das nicht so richtig. Dennoch, der Oberhirte, der mit dem von den US-Truppen eingesetzten Oberbürgermeister Franz Oppenhoff befreundet war und ein Nazi-Gegner war, wollte den wenigen verbliebenen Aachener Bürgern mit dem Adventshochamt ein vorweihnachtliches Gefühl vermitteln.

Der emeritierte Domkapitular August Peters hat jede Menge Dokumente und Fotos aus der direkten Aachener Nachkriegszeit der ehemaligen Kaiserstadt gesammelt, darunter auch solche, die die verheerenden Zustände im und um den Aachener Dom zeigen. „Es wird Zeit, dass wenigstens ein paar der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden“, ist der Geistliche überzeugt. Denn immerhin sei vieles in Aachen zerstört worden, die US-Truppen, die bereits im September Kornelimünster eingenommen hatten, nahmen nun — Anfang Oktober — mit Aachen die erste deutsche Großstadt in den Zangengriff. Die 30. US-Infanteriedivision (XIX. US-Korps) und das 18. Infanterieregiment der 1. US-Infanteriedivision (VII. US-Korps) griffen an. Am 21. Oktober um 12:05 Uhr schließlich kapitulierte der deutsche Befehlshaber, Oberst Gerhard Wilck. Er ging mit 3473 Mann in Gefangenschaft, nachdem US-Truppen zu seinem Befehlsstand durchgebrochen waren.

Zunächst wurden etwa 4500 Aachener von den zurückgebliebenen rund 6000 Öchern von den US-Truppen in die heutige Lützowkaserne gebracht und dort interniert. Aber zum 1. Advent und dem von Bischof van der Velden zelebrierten Adventspontifikalamt waren sie allesamt wieder zu Hause, wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt von einem „Zuhause“ sprechen kann.

Denn Aachen war eine Trümmerwüste. Es gab nur noch wenige Straßen, die sich so zeigten, wie sie in Friedenszeiten waren. Vor allem haperte es mit der öffentlichen Grundversorgung mit allem. Strom, fließendes Wasser, Gas: Das alles war Mangelware. Und auch die Wohnsituation war unbefriedigend.

Erst ein Jahr Bischof

Mehr als 40 Prozent des Wohnraums war durch Bombenangriffe der Alliierten zerstört. „Dem Bischof, war es ein Anliegen, den wenigen Öchern ein Heimatgefühl durch einem Adventsgottesdienst zu vermitteln“, unterstreicht Prälat Peters. Erst ein Jahr zuvor war van der Velden durch den Erzbischof von Köln, Joseph Frings, der im Februar 1946 zum Kardinal ernannt wurde, zum Bischof von Aachen geweiht worden.

Mehr von Aachener Nachrichten