Aachen: Das FEV Racing Team tritt auf der Nürburgring Nordschleife an

Aachen : Das FEV Racing Team tritt auf der Nürburgring Nordschleife an

Grinsen? Unvermeidbar. Die Mundwinkel werden der eigenen Kontrolle entzogen. Nicht direkt, weil der 19-jährige Benedikt Gentgen seine 350-PS-Maschine anwirft. Aber wenige Augenblicke später, weil der Rennwagen des Teams von FEV Europe sich wie ein nahendes Unwetter in Bewegung setzt.

Das zu erleben ist kein Problem: Am kommenden Samstag tritt das Rennsportteam zum letzten Saisonlauf in der VLN Langstrecken-Meisterschaft am Nürburgring an. Es wird der Abschluss einer Rennsaison für die Männer aus Aachen, die bisher so ziemlich alles bereithielt, was die Palette hergibt: von Triumph bis Schrecksekunde.

Der Leon TCR in Aktion: Im Cockpit, das nur bedingt an Lenkrad und Amaturen in einem Serienfahrzeug erinnert, scheucht Top-Fahrer Benedikt Gentgen den Wagen über den Asphalt. Foto: Andreas Hermann

350 PS, 420 Newtonmeter Drehmoment — solche Leistungsdaten sind schwerlich etwas Besonderes, weil in vielen Großserienfahrzeugen zu finden. Allerdings ist die Technik dort nicht kompromisslos auf Rennstrecke ausgerichtet. Und in der Großserie trifft die Leistung auch nicht auf ein Gewicht von gerade einmal 1230 Kilogramm — inklusive Fahrer wohlgemerkt.

cccccc. Foto: Andreas Hermann

Nun richten sich technische Daten eher an die Ratio, machen Autos miteinander vergleichbar und geben einen Hinweis darauf, was ein Aggregat zu leisten im Stande ist. Emotionen löst ein Datenblatt dagegen eher selten aus. Selbst wenn Gentgen, der Top-Fahrer des FEV Racing Teams, im Seat Leon TCR festgezurrt ist und den Motor anlässt, ist das noch kein Gänsehaut-Moment.

Der Leon TCR in Aktion: Im Cockpit, das nur bedingt an Lenkrad und Amaturen in einem Serienfahrzeug erinnert, scheucht Top-Fahrer Benedikt Gentgen den Wagen über den Asphalt. Foto: Andreas Hermann

Gänsehaut vorprogrammiert

Sobald der Wagen sich aber bewegt, sobald Gentgen Gas gibt und beginnt, den Leon durch die Gänge zu peitschen, ist Gänsepelle am Start. Wie eine Posaune bläst der Auspuff des Wagens zum Sturm, beim Schalten schlägt er in schneller Folge aus der Röhre, frotzelt, poltert, mahlt mit metallischen Kiefern, als beiße er die Zähne zusammen. Da steckt Druck dahinter, den man selbst als Zuschauer im Körper spürt. Die Geräusche, die der Wagen in unterschiedlichen Fahrzuständen produziert, kombiniert mit dem Bild des wütend dreinblickenden Wagens, der dicht über dem Asphalt kauert, hinterlassen Eindruck.

Der Rennwagen ist vergleichsweise günstig, weil er seriennah ist (zwischen 85.000 und 96.000 Euro). Etwa 70 Prozent aller verbauten Teile finden sich so auch in einem Leon Cupra in der Straßenversion. Perfekt geeignet für das FEV-Team. „Unser Ziel war es, an einem seriennahen Wagen ein Team zu versammeln und zu trainieren“, erklärt der teamverantwortliche Frank Nysten (53).

Ein geschmeidiger Wiedereinstieg in den Rennsport sollte damit gelingen, nachdem der von ihnen für Scheid Motorsport scharf gemachte Rennwagen, ein blauer BMW M3 GTR S, genannt „Eifelblitz“, 2009 in den vorläufigen Ruhestand geschickt wurde. Danach war es mit Blick auf den Rennsport in der Neuenhofstraße ruhig geworden. In diesem Jahr also die Rückkehr an den Nürburgring — erstmals als eigenständiges Rennteam mit einem jungen Fahrer, bis dahin ohne Nordschleifenerfahrung, und ganz frischem Auto.

Siegerchemie

Die Chemie zwischen Team, Auto, Fahrer und Strecke stimmt offenbar auf Anhieb. In den ersten vier Rennen springen hervorragende Platzierungen heraus: einmal 1. Platz, einmal 2. Platz, einmal 3. Platz. In der allerersten Saison fahren die Aachener bis zu Lauf 5 ganz vorne mit. In Rennen Nummer fünf werden in einer Schrecksekunde dann jedoch unverschuldet nicht nur Podiumsträume, sondern auch der Rennwagen zerstört.

Gentgen wird vor einer Kurve hinten links von einem anderen Wagen touchiert, beginnt sich zu drehen und kracht frontal in die Streckenbegrenzung. Die Crew verfolgt den Unfall live am Strecken-TV. Unmittelbar folgt aber Erleichterung: Benedikt Gentgen ist nichts passiert. Er springt aus dem Seat und über die Streckenbegrenzung. „Als das Auto in die Box gebracht worden ist, haben sich direkt zehn Leute draufgestürzt und versucht, den Wagen wieder rennfertig zu machen“, erzählt Olaf Hildebrand (47). Dieses Rennen aber war gelaufen, der Wagen musste auf die Richtbank. Spannend wird nun zum einen, wie das letzte Rennen am Samstag läuft — zum anderen, wie es danach für das Rennteam weitergeht.

Das Team wurde 1999 gegründet

Die Männer sind alle Mitarbeiter von FEV Europe, einem der weltweit größten Entwicklungsdienstleister in der Entwicklung von Verbrennungsmotoren und Fahrzeugtechnik mit Hauptsitz in der Neuenhofstraße. Das Racing Team, gegründet 1999, ist aktuell 30 Mann stark. Sie alle widmen sich dem Projekt Rennsport mehr oder weniger in ihrer Freizeit — nach Feierabend, an Wochenenden und auch mal in der Mittagspause. „Weil wir motorsportbesessen sind“, antwortet Sascha Fischer (44), Teamleiter der Mechaniker, auf die Frage, warum sie sich das antun. Niemand widerspricht.

Bis Ende des Jahres soll noch eine wichtige Entscheidung fallen: wird das FEV Racing Team weiter in der TCR-Klasse unterwegs sein (TCR = Touring Car Racing), oder die Klasse wechseln? Beim TCR dürfen nur bestimmte Dinge an den Autos verändert werden — etwa was Fahrwerkseinstellungen wie Radsturz oder Höhe angeht. Software und Teile jedoch sind homologisiert und damit gesetzt. Als eingefleischte Motorenentwickler könnten die Männer vom FEV Racing Team da deutlich mehr.