Aachen: Das Da Theater: Was radikalisiert junge Menschen?

Aachen: Das Da Theater: Was radikalisiert junge Menschen?

„Seid gottesfürchtig und zieht in den Dschihad!“ Der namenlose Hassprediger (Malte Sachtleben) könnte kaum drastischer werden, als er mit wildem Blick ins Publikum starrt und seine Zuhörer dazu auffordert, in den Krieg nach Syrien zu ziehen, Ungläubige zu töten, sich dem radikalen Islam anzuschließen.

Dass der Islam aber, wie jede andere Weltreligion, genauso gemäßigte Töne kennt, zeigt ein direkt im Anschluss auftretender Imam (Klaus Beleczko), der über die Wortherkunft des Begriffs „Dschihad“ referiert und auf die friedlichen Aspekte, auf die Selbstkritik und Selbstreflexion hinweist, die mit dem Begriff in Bezug gesetzt werden — eine Frage der Interpretation, wie bei den meisten religiösen Texten. Und so ist „Inside IS“, die neueste Produktion des Das Da Theaters, in den gesamten 85 Minuten, die das Stück dauert.

Das Stück basiert auf Jürgen Todenhöfers gleichnamigem Bericht, die Theaterfassung stammt von Yüksel Yolcu. Uraufgeführt wurde „Inside IS“ in Berlin. Durch eine Mitarbeiterin wurde das Das Da Theater auf das Stück aufmerksam und holte es nach Aachen. Die Inszenierung unterscheide sich jedoch deutlich von der Uraufführung, erklärt Tom Hirtz, Intendant und Verantwortlicher für die Inszenierung.

Todenhöfer, der als umstrittener Autor gilt, schildert in seinem Buch in eindrücklichen Szenen den Islamischen Staat (IS) von innen heraus. Mit einer persönlichen Genehmigung des selbsternannten Kalifen besuchte er IS-Kämpfer aus Deutschland, führte Interviews und schaffte es gleichzeitig, immer wieder deutlich zwischen dem radikalen Islam, wie ihn der IS vertritt, und dem gemäßigten Islam zu unterscheiden.

Diese Unterscheidung prägt auch große Teile des Stücks. Doch nicht nur auf Todenhöfer greift Yolcu zurück, sondern auch auf Gespräche, die er mit einem Imam führte, der in der JVA in Frankfurt mit radikal-fundamentalistischen jungen Muslimen arbeitete. Exemplarisch wird unter anderem die Geschichte von Fabian (Ali Marcel Yildiz) erzählt, sein Lebensweg und seine Radikalisierung werden nachgezeichnet bis zu seinem Weg in den Krieg.

Ein Stück für Erwachsene

„Das Stück stellt auch die Frage, welche Verantwortung wir als Erwachsene tragen, als Gesellschaft, für die Radikalisierung junger Menschen“, so Hirtz. Denn die Mechanismen, die bei Radikalisierungen greifen, sind immer ähnlich, dabei spielt es nahezu keine Rolle ob es um Islamismus, Rechts- oder Linksextremismus geht.

Die häufig gescheiterten Jugendlichen, geprägt etwa durch Scheidung der Eltern, Verlust, schlechte Noten und Perspektivlosigkeit, suchen Zuflucht in der Religion oder auch — bezogen auf den Rechtsextremismus — in Kameradschaften.

Daher ist es eine gute Idee, das Stück weniger zu einem Jugend-, sondern vielmehr zu einem Stück für Erwachsene zu machen und deshalb ganz bewusst in den Abendstunden zu spielen. Gleichzeitig stellt die Inszenierung auch die Frage nach der Wahrheit.

Jürgen und Frederic Todenhöfer (Wolfgang Rommerskirchen und Maciej Bittner) nehmen in der Inszenierung ihre Reise mit einer Videokamera auf. Diese Kamera findet sich auch auf der als Bluebox ausgekleideten Bühne. So lassen sich die Schauspieler direkt nach Syrien, in das Gefängnis oder nach Rakka versetzen.

Diese Technik, die sich derzeit in vielen Theatern finden lässt, spielt in dieser Inszenierung allerdings eine wesentliche Rolle. Wer generiert Bilder? Wofür werden Bilder genutzt? „Es gibt nicht eine Wahrheit“, so fasst Hirtz das Stück zusammen.