Spannende Ausstellung: Das Bauhaus im Westen Deutschlands

Spannende Ausstellung : Das Bauhaus im Westen Deutschlands

Der Herr Regierungspräsident studierte die Pläne für eine neue Kirche in Aachen. Der hohe Amtsträger geriet vermutlich in Schnappatmung. Zu revolutionär war, was er las. Erschrocken notierte er, es handele sich um einen Entwurf, der „das absolut Niedagewesene anstrebt“. Das geschah vor rund 90 Jahren. Das „absolut Niedagewesene“ wurde gebaut, gegen viele Bedenken und mächtigen Widerstand. Eine Kirche, die in der Tat so noch nie irgendwo zu sehen. Es ist die Geschichte der im Dezember 1929 geweihten Kirche St. Fronleichnam im Aachener Ostviertel. Eine grandiose Ausstellung erzählt ihre Geschichte.

„Sakralität und Moderne: Bauhaus im Westen? Die Ära Rudolf Schwarz an der Aachener Kunstgewebeschule 1927 bis 1934“ heißt sie.

Konzipiert wurde sie unter Leitung von Professorin Anke Fissabre vom Fachbereich Architektur der Fachhochschule Aachen. Kein Ort, der geeigneter wäre, das damals revolutionär Neue zu schauen und zu erleben als in St. Fronleichnam selbst. Die Ideen und Projekte der Aachener Kunstgewerbeschule präsentieren sich „am authentischen Ort ihres bedeutendsten Gesamtkunstwerks: der Kirche St. Fronleichnam“, sagt Professorin Fissabre.

Die Ausstellung wird gezeigt im Rahmen der vielen bundesweiten Veranstaltungen zum einem Jubiläum. Deutschland feiert seit Monaten die „100 Jahre Bauhaus“. Jene nach dem Ersten Weltkrieg gegründete Ideenakademie in Weimar und später Dessau, die „die Welt neu denken“ wollte und sie neu dachte. Der Bauhaus-Geist, sagen Kunsthistoriker, sei für die Architektur „ein Urknall“ gewesen.

Weimarer Urknall

Der Weimarer Urknall kam mit seinen Schallwellen auch im fernen Aachen an. Wie kein anderer Bau steht St. Fronleichnam für die Wucht des Neuen, für Nüchternheit, Strenge, Wesentlichkeit. „Weiß, rechteckig, licht“ hieß die Devise. Heute bestaunen noch immer Kunsthistoriker und gestandene wie werdende Architekten aus aller Welt den Aachener Sakralbau. In keinem Fachbuch fehlt er.

Rudolf Schwarz war der Architekt von St. Fonleichnam. 1927 wurde der 1897 in Straßburg geborene junge Architekt mit gerade einmal 30 Jahren Direktor der Kunstgewerbeschule Aachen. Er blieb es bis zum Eingreifen der Nazis 1934. Die Kunstgewerbeschule Aachen bestand seit 1904, heute ist sie im Fachbereich Gestaltung der FH Aachen aufgegangen.

Rudolf Schwarz richtete die Aachener Schule programmatisch neu aus. Den „formal veralteten reinen Zeichenunterricht“ kritisierend war es sein Ziel, die von Lehrenden und Lernenden gemeinschaftlich geschaffenen Werke praktisch umzusetzen.

Nahe bei Gropius

Damit stand Rudolf Schwarz dem ersten Bauhaus-Leiter Walter Gropius in Weimar nahe. Gropius hatte im Gründungsmanifest von 1919 geschrieben: „Das Bauhaus erstrebt die Wiedervereinigung aller werkkünstlerischen Disziplinen – Bildhauerei, Malerei, Kunstgewerbe und Handwerk – zu einer neuen Baukunst.“ Gropius strebte das „Einheitskunstwerk“ an, den großen Bau.

So kennzeichnet FH-Professorin Fissabre auch das Wirken von Rudolf Schwarz: „Sein Wunschbild ist das Erschaffen eines Gemeinschaftswerks, eines großen neuen Baues, der ihm mit St. Fronleichnam schließlich wenige Jahre später gelingen sollte.“

Gleichwohl arbeitet die Ausstellung einen feinen Unterschied der Aachener Kunstgewerbeschule zu den Weimaranern bis zum in den 1950ern sogar heftig geführten „Bauhaus-Streit“ heraus. Während die zahlreichen Veranstaltungen in Nordrhein-Westfalen zum Jubiläum unter dem Titel „100 Jahre Bauhaus im Westen“ laufen, fügen die Aachener Macher bewusst ein Fragezeichen hinzu. Die Aachener Ausstellung fragt also: „Bauhaus im Westen?“

Eigenständiger Weg

Professorin Anke Fissabre gibt die Antwort: „Die Ausstellung thematisiert den eigenständigen Weg der Aachener Kunstgewerbeschule in die Moderne. Sie wirbt dabei für ein Verständnis für eine heute noch wenig gewürdigte moderne Sakralarchitektur.“ Professorin Fissabre betont den Unterschied zu Weimar und Dessau: „Die Arbeitsmethoden unterschieden sich wesentlich dadurch, dass sie weit westlich von Dessau, im katholischen Rheinland und in Abgrenzung zum profan ausgerichteten Bauhaus, einer Sakralen Moderne entspringen.“

Über all das, den Urknall von Weimar, die Kaderschmiede Bauhaus, das „absolut Niedagewesene“ im Bau von St. Fronleichnam und die Sakrale Moderne der Kunstgewerbeschule Aachen erzählt „Sakralität und Moderne“. Die Ausstellung präsentiert sich in drei Teilen.

Im ersten Teil lohnt es sich, 17 große Wandtafeln Stück für Stück zu studieren. Reproduktionen von Originalfotografien und -texten stellen die Ideen der Kunstgewerbeschule vor, berichten über die Arbeitsweisen von Lehrern und Schülern, über ihre Bauten und kunstgewerblichen Objekte, erzählen vom spannenden und heftigen Ringen um das Für und Wider des modernen Sakralbaus St. Fronleichnam.

Modelle aus 3D-Drucker

Ein zweiter Teil zeigt an Hand von 3D-gedruckten Architekturmodellen, Zeichnungen und Texten wenig bekannte oder nicht realisierte, noch heute hochmoderne Projekte der Kunstgewerbeschule. Der dritte Teil erläutert vom Tabernakel über den Altar und die Kanzel bis hin zum Kirchengestühl detailliert viele Einzelobjekte und Ausstellungselemente des „Gesamtkunstwerks“ St. Fronleichnam.

„Vielen ist die Kunstgewerbeschule Aachen durchaus ein Begriff. Aber wie sah sie nun wirklich aus und was wurde konkret gemacht?“, fragte bei der Ausstellungseröffnung Monika Maria Krücken, Abteilungsleiterin der städtischen Denkmalpflege/Stadtarchäologie. Eine phantastische Schau gibt Auskunft.

Mehr von Aachener Nachrichten