Aachen: Damit sich in Burtscheid endlich etwas bewegt

Aachen : Damit sich in Burtscheid endlich etwas bewegt

Burtscheid bricht zu neuen Ufern auf. Eine Stadtteilkonferenz soll die Probleme im Quartier angehen. Das ist das Ergebnis einer Podiumsdiskussion, zu der der SPD-Ortsverein Burtscheid in die Kurparkterrassen eingeladen hatte.

Trotz der Winterrückkehr mit Schnee und Eiseskälte konnte Stadträtin Rosa Höller-Radtke rund 60 Bürger begrüßen, unter ihnen viele Vertreter von Vereinen und Institutionen. „Burtscheid ist lebens- und liebenswert, und es leben tolle Menschen hier. Doch nicht überall ist Burtscheid ein wohlhabendes, sozial unproblematisches Quartier“, eröffnete Höller-Radtke die Runde. Ein hoher Altersdurchschnitt stelle neue Anforderungen. Gleichzeitig drän­gten junge Menschen und Familien in den Stadtteil, den sie sich aber „fast gar nicht mehr leisten“ könnten, da bezahlbare Wohnungen fehlten.

Der städtische Sozialplaner Marius Otto wartete mit einem Berg von Zahlen zu den 14 Sozialräumen in der Stadt auf, die noch einmal in 60 Lebensräume unterteilt sind. Ihre Analyse zeige, dass das rund 17.000 Einwohner zählende Burtscheid mit seinen drei Schwerpunkten Beverau, Zollernstraße/Dammstraße und Burtscheid-Mitte im Vergleich zu anderen städtischen Räumen zwar „im grünen Bereich“ liege, dennoch dürfe man sich „nicht zurücklehnen“.

Warum das ratsam ist, versuchten Werner Spelthahn als Vorsitzender der 21 Vereine vertretenden Interessengemeinschaft Burtscheider Vereine und Wilfried Braunsdorf als Vorsitzender der Burtscheider Interessengemeinschaft (BIG) deutlich zu machen. „Zum Positiven hat sich in Burtscheid nicht allzu viel bewegt“, kritisierte Spelthahn mangelndes Engagement der Stadt. Zwar habe es vor Jahren mal eine Begehung mit dem Oberbürgermeister gegeben, doch rausgekommen seien „nur ein paar neue Bänke“. Alles sei schlimmer geworden. Vor allem die durchs Kurviertel und die Fußgängerzone rasenden Radfahrer seien eine Katastrophe.

Lange Beschwerdeliste

Massiv auch die Kritik von Wilfried Braunsdorf, dessen BIG 72 Geschäftsleute und Freiberufler vertritt. „Burtscheid ist das ungeliebte Anhängsel der Bezirksvertretung Aachen-Mitte. Wir fordern eine eigene Bezirksvertretung“, sagte Braunsdorf. Lang seine Beschwerdeliste: lose Platten; schlechte Wege; eine Parkpalette, die Älteren Angst mache; neben der Palette ein unnötiger Bolzplatz, der für 20 Parkplätze sinnvoller sei; eine Müllabfuhr, die ausgerechnet „freitags, wenn Markt ist“, anrolle; ein Jugendheim Kalverbenden, das „die Stadt auf kaltem Wege für sich eingesackt“ und damit vielen Vereinen ihre Trainingsmöglichkeiten genommen habe — „eine Unverschämtheit“.

Mit herzerfrischendem Optimismus und nach vorn blickendem Elan ging Ingeborg Haffert das Thema „Quartiersentwicklung Burtscheid“ an. Sie ist die Vorsitzende des 2015 gegründeten Vereins „Gut! Branderhof“. Er ist zielstrebig dabei, das denkmalgeschützte und im städtischen Eigentum stehende Haupthaus des alten Guts zu einem Nachbarschafts- und Begegnungszentrum zu entwickeln. Der Verein will die Bürgergemeinschaft und das Gemeindeleben aller Altersgruppen im Stadtteil und der näheren Umgebung pflegen und fördern.

„In Burtscheid lebt eine bunte Gesellschaft. Aber jeder macht sein eigenes Ding, es fehlt die Begegnung, die Menschen treffen sich zu wenig“, umriss Ingeborg Haffert aus ihrer Sicht die Lage. Gut Branderhof wolle deshalb „ein Ort für Alle“ sein, „das Wohnzimmer des Quartiers“. Haffert warb: „Wir öffnen das Hoftor, kommen Sie rein!“ Etwa immer freitags um Sechs zum „Branderhof-Tag“. Der Verein sehe sich „nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung“ zu anderen.

In die gleiche Richtung marschierte Uwe Reuters von den engagierten Burtscheider Heimatfreunden. Wie Haffert appellierte auch er, mehr zusammenzuarbeiten: „Vielleicht haben einige zu lange geschlafen, sie müssen aktiver werden, einfach mal loslegen, nicht warten und verwalten.“ Die Heimatfreunde machten die Erfahrung, wenn sie Unterstützung brauchten, habe „die Stadt noch nie nein gesagt“.

Das bestätigte Rolf Frankenberger, Leiter des städtischen Fachbereichs Wohnen, Soziales und Integration. „Wir wollen in Burtscheid Sachen auf den Weg bringen. Beispiel Branderhof, so etwas unterstützen wir gern.“ Frankenberger: „Ich ermuntere alle Akteure in Burtscheid zu einer Stadtteilkonferenz, als zentrales Netzwerk im Quartier. Fangen Sie zuerst einmal damit an, statt eine eigene Bezirksvertretung zu fordern. Tun Sie sich zusammen, kommen Sie auf uns zu, wir laden dann schon im Frühjahr dazu ein.“

Stadtteilkonferenzen existieren mehrere in der Stadt. Sie werden in Vierteln mit besonderen Herausforderungen tätig. Im jeweiligen Stadtteil auf gesellschaftlichem Gebiet tätige Menschen schließen sich zusammen, ob professionell oder ehrenamtlich arbeitend. Sie kennen Probleme und Bedarfe vor Ort.

Ein kleiner Aufbruch

Klaus-Peter Otto, stellvertretender Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Burtscheid und geschickter Moderator des Abends, griff den Ball sofort auf. „Wer hat Interesse an einer Stadtteilkonferenz?“ Ohne zu zögern flogen bis auf eine Gegenstimme die Arme hoch. „Die Burtscheider wollen eine Stadtteilkonferenz“, jubelte Otto. Rolf Frankenberger stellte zufrieden fest: „Das ist die Geburtsstunde der Stadtteilkonferenz Burtscheid.“ Auch Ingeborg Haffert war begeistert: „Wir erleben heute einen kleinen Aufbruch.“

Über den freute sich Gaby Lang von der Arbeiterwohlfahrt. Sie hat das Quartiersmanagement in Preuswald aufgebaut. Auch für Burtscheid sieht sie Chancen für diese Säule einer Quartiersentwicklung. Förderanträge laufen. Die Rathaus-GroKo aus CDU und SPD hat ein „Quartiersmanagement für Burtscheid“ beantragt.

Am Ende einer spannenden Diskussionsrunde dankte Stadträtin Rosa Höller-Radtke den Akteuren auf dem Podium und im Saal: „Ich freue mich auf die erste Stadtteilkonferenz. Machen wir uns gemeinsam auf den Weg!“

Mehr von Aachener Nachrichten