Aachen: Da kann der Modefan neidisch werden

Aachen: Da kann der Modefan neidisch werden

Mensch, was hat die Frau Klamotten! Zu Weihnachten hüllt Maria sich ganz in Weiß. Sie trägt ein prächtiges Seidengewand aus der Rokokozeit, über und über bestickt.

Die Statue im Aachener Dom, das Gnadenbild im Oktogon, besitzt so viele und so prächtige Gewänder, dass selbst ein heutiger Modefan fast neidisch werden kann. 41 Kleider der Marienstatue hütet die Domschatzkammer, allesamt Geschenke.

Die Zahl der Schmuckstücke ist sogar noch viel größer. „Mehrere 100”, schätzt Leiter Dr. Georg Minkenberg und zählt Ketten auf, Broschen, Rosenkränze oder Bischofskreuze. Die Madonna besitzt aber auch Ohrringe, Taschenuhren, Parfümflakons und sogar ein paar kleine Goldbarren (natürlich gut verwahrt im Tresor). Der Volksmund nennt die Madonna im Dom deshalb auch die „reichste Frau Aachens”.

Seit 1984 leitet Minkenberg die Domschatzkammer. Über die Jahre ist er zwangsläufig auch zum Modekenner geworden, zum Experten für die Mariengewänder. Immerhin wird die Gottesmutter gut ein Dutzend Mal im Jahr umgezogen, zu ganz besonderen Gelegenheiten, etwa an Karsamstag, geschieht das sogar öffentlich. Und zu Weihnachten trägt die Madonna immer Weiß, die liturgische Farbe der Erlösung.

Uralter Brauch

Es ist ein uralter Brauch, der Muttergottes - und dem Kind auf ihrem Arm - Kleider anzuziehen und sie zu schmücken. Wie weit diese Tradition zurückgeht, darüber streiten sich auch die Gelehrten. In der Domschatzkammer ist die Krone der Margarete von York ausgestellt.

In Aachen ist dieses wertvolle Stück aus dem 15. Jahrhundert das älteste Indiz für den Brauch, erklärt Minkenberg. Denn Margarete von York stiftete die Krone, die sie bei ihrer Hochzeit mit Karl dem Kühnen trug, dem Aachener Gnadenbild. Maria allerdings trägt das kostbare Stück nur alle sieben Jahre - zur Heiligtumsfahrt. Übrigens kursiert in Aachen hartnäckig das Gerücht, dass die Madonna unter ihren Kleidern ein unbehandelter Holzklotz sei. Was nicht stimmt, wie Minkenberg versichert.

Das älteste Gewand des Gnadenbilds stammt aus dem 16. Jahrhundert. So spröde ist der Stoff, dass die Madonna es nicht mehr tragen kann. Das älteste Kleid, das der Statue heute noch übergestreift wird, ist aber auch schon sehr antik, es stammt aus dem 17. Jahrhundert. Auch Menschen des 21. Jahrhunderts schenken der Marienfigur Kleider und Schmuck. In manchem Testament wird das Gnadenbild noch heute bedacht.

Im Sommer erst brachten tschechische Pilger zur Heiligtumsfahrt ein Kleid für die Maria mit. Es ist aus einem kostbaren, golddurchwirkten Stoff. Als Vorbild dienten Stofffragmente aus dem Grab Karls IV. Und im vergangenen Jahr stiftete eine junge Frau dem Gnadenbild ein Gewand - als Dank fürs bestandene Examen an der Hochschule.

10.000 Perlen

„Jedes dieser Kleider hat seine Geschichte”, sagt Georg Minkenberg. Und der Kunsthistoriker kann sie alle erzählen. Ihr kostbarstes Kleid trägt Maria zur Heiligtumsfahrt. Das Gewand von 1629 ist mit 10.000 echten Perlen bestickt und mit 72 Diamanten geschmückt. Zum Karlsfest dagegen wird der Madonna jedes Jahr ein Gewand übergestreift, dessen Bilder sich ganz auf Aachen und seine Geschichte beziehen.

Was die Madonna anzieht, will gut überlegt sein, das weiß Minkenberg mittlerweile. Denn es gibt Aachener, die mit Argusaugen begutachten, was Maria gerade trägt. Und nie kann der Kunsthistoriker es allen recht machen.

Wählt er ein prächtig verziertes Kleid, dann passt dazu nur wenig Schmuck. Das gefällt nicht allen. Ist das Gewand dagegen eher schlicht, „können wir mit dem Schmuck richtig klotzen”. Aber dann gibt es ebenfalls regelmäßig Klagen. Marias „Kleiderschrank” steht in jenem karolingischen Gang, in dem viele Jahre auch die Domschatzkammer untergebracht war. Wenn Georg Minkenberg die flachen Schubladen aufzieht, dann kann man manche Pracht nur noch ahnen. Viele der aufwändigen Verzierungen mit Gold- oder Silberfäden sind in der feuchten Luft des Doms stark oxidiert. Mancher Seidenstoff hat über die Jahrhunderte ebenfalls sehr gelitten. Da hat Monica Paredis-Vroon, die Textilrestauratorin der Domschatzkammer, immer gut zu tun.

Jede Frau hat Klamotten im Schrank, die sie nie anzieht. Bei der Madonna im Dom ist das ähnlich. Da gibt es zum Beispiel ein Gewand, das sie in der Domschatzkammer gerne das „Hollywoodkleid” nennen: Kunstseide, in Blautönen changierend. „Ein hinreißendes Kleid”, sagt Georg Minkenberg. „Aber darin sieht sie unmöglich aus.”

Auch das ist wie im wirklichen Leben: Nicht jedes Kleid passt auf Anhieb. Manchmal muss nach einer Schenkung umgearbeitet werden. „Deshalb sind wir froh, wenn Menschen, die etwas stiften möchten, uns vorher Bescheid geben”, so Minkenberg. „Wir können auf Wunsch sogar ein Schnittmuster zur Verfügung stellen.”

„Ersatzmaria”

Noch eine Anekdote, die der Hüter der Domschatzkammer gerne erzählt: 1987 wurde das Gnadenbild restauriert. Im Oktogon stand eine „Ersatzmaria”. Georg Minkenberg erhielt damals einen Brief von einer älteren Dame. Die neue Madonna sei zwar sehr schön, merkte die Aachenerin an. „Aber sie funktioniert nicht, vor der kann man nicht beten.”

Mehr von Aachener Nachrichten